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Keine Besucher: Der Berliner Zoo ist wegen der aktuellen Corona-Krise geschlossen. Bild: imago images / Stefan Zeitz

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Leere Zoos wegen Corona: Pfleger beobachten interessante Veränderung bei Tieren

Die Corona-Pandemie scheint vor nichts haltzumachen und hat mittlerweile sämtliche Lebens-, aber auch Unternehmensbereiche erreicht: Während viele Menschen wegen des Kontaktverbots und der Ausgangsbeschränkungen zu Hause sitzen und versuchen, sich die Zeit zu vertreiben, bangen andere um ihre finanzielle Existenz.

Neben vielen kulturellen Einrichtungen, Kinos und Theatern mussten auch die Zoos bundesweit schließen, um weitere Ansteckungen mit dem Coronavirus zu vermeiden. Da durch die Versorgung der Tiere die Kosten natürlich weiter laufen, drohen den Zoos starke finanzielle Einbußen.

Jörg Junhold vom Verband der Zoologischen Gärten (VdZ) und Zoodirektor in Leipzig wandte sich laut Deutscher Presse-Agentur Anfang der Woche deswegen in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel mit der Bitte um Unterstützung: 100 Millionen Euro Unterstützung für die 56 im Verband organisierten Zoos seien nötig, um Futter-, Pflege- und Betriebskosten zu decken.

"Anders als andere Einrichtungen können wir unseren Betrieb nicht einfach runterfahren – unsere Tiere müssen ja weiterhin gefüttert und gepflegt werden."

Aus Junholds Brief an Merkel.

Ein weiteres Problem ist: Nicht nur Menschen, sondern auch Tiere können an den psychologischen Folgen der Corona-Maßnahmen leiden. Auch Zootiere langweilen sich und warten möglicherweise auf Besucher.

Über die Corona-Folgen für die Zoos hierzulande hat watson mit Sebastian Scholze vom VdZ gesprochen.

Herr Scholze, wie ist die Lage in den Zoos ihres Verbandes? Welche Auswirkungen spüren sie?

Sebastian Scholze: Am schwierigsten ist natürlich das Ausbleiben der Einnahmen durch Besucher, gerade nach der wie immer ruhigen Winterzeit und zu Beginn der Hauptsaison, die sonst viele Menschen für einen Abstecher in den Zoo nutzen. Insofern laufen unsere Zoos momentan finanziell ins Ungewisse: keine Einnahmen bei annähernd gleich hohen Kosten. Kurzarbeit geht eben nur für den kleinsten Teil der Belegschaft: Ohne Veterinäre und Pfleger würden die Tiere leiden.

"Man kann davon ausgehen, dass ein einzelner großer Zoo momentan einen Umsatzverlust von 500.000 Euro pro Woche zu verkraften hat."

Ist die Versorgung der Tiere auch mittel-, beziehungsweise langfristig gesichert? Schließlich müssen Ihnen ja gerade massiv Ticket-Erlöse entgehen.

Ja, das stimmt in der Tat. Man kann davon ausgehen, dass ein einzelner großer Zoo momentan einen Umsatzverlust von 500.000 Euro pro Woche zu verkraften hat.

500.000 Euro Verlust pro Woche: Das klingt nicht so, als ob da noch lange Spielraum wäre…

Das trifft zu. Generell reden wir eher von Wochen als von Monaten. Wobei ein Hinweis wichtig ist: Die halbe Million Umsatzverlust pro Woche bezieht sich auf einen großen Zoo. Wie groß der jeweilige Spielraum noch ist, hängt stark vom Zoo und seiner Ausstattung beziehungsweise Ausrichtung ab: Ob er kommunal oder privat ist, eine gemeinnützige GmbH oder eine AG.

Gibt es noch weitere Faktoren, die mit reinspielen?

Viele Zoos züchten ihre Futtertiere selbst, andere können das nicht und müssen einkaufen. Je größer der Grad der Selbstversorgung ist, desto finanziell unabhängiger ist der Zoo. Aber man muss auch wissen, dass Futter eigentlich nur einen geringen Teil der täglichen Kosten ausmacht. Die Personalkosten stellen bei weitem den größten Anteil dar.

Jetzt kann man aktuell Kassenkräfte nach Hause schicken und für andere Mitarbeiter Kurzarbeit beantragen. Bei Tierpflegern und Veterinären kann man aber nicht mit deutlich verringerten Stunden auskommen. Eine andere Sache, die wir mit etwas Sorge beobachten, sind die Lieferketten. Bisher scheint der Verkehr aber trotz geschlossener Grenzen noch zu funktionieren.

"Je länger es dauert, desto schwieriger wird es für die meisten werden."

Wie wird diese Versorgung sichergestellt und wie lange kann sie, ohne zahlendes Publikum, noch aufrechterhalten werden?

Das hängt sehr davon ab, wie lange diese Ausnahmesituation noch andauert und wie der jeweilige Zoo aufgestellt ist: Je länger es dauert, desto schwieriger wird es für die meisten werden.

Und was bedeutet das für die Tiere? Müssen die nun mit weniger Futter auskommen oder leidet deren medizinische Versorgung?

Nein, natürlich sollen die Tiere nicht darunter leiden. Es gibt bisher nicht weniger Futter und die veterinärmedizinische Versorgung läuft auch im selben Maße weiter, wenn Pflege und Versorgung nicht sogar noch intensiver als bisher sind. Aber klar ist auch, dass es umso schwieriger wird, je länger dieser Zustand "große Ausgaben bei null Einnahmen" anhält.

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Dieser Affe beobachtet, was sich vor dem Gehege abspielt. Denn wenn die Besucher fehlen, ist auch manchen Tieren etwas langweilig. Bild: www.imago-images.de

Pfleger beobachten Verhaltensveränderung:

"Tiere, die sonst sehr von der Interaktion mit den Besuchern leben, wie Affen oder auch Raubtiere, kommen sich zurzeit vielleicht etwas verloren vor."

Wie geht es den Tieren im Allgemeinen? Beobachten die Zoos vielleicht, dass ihre Schützlinge entspannter sind, weil kein Publikum da ist? Oder ist es genau anders herum?

Es gibt beide Varianten: Tiere, die sonst sehr von der Interaktion mit den Besuchern leben, wie Affen oder auch Raubtiere, kommen sich zurzeit vielleicht etwas verloren vor. Da wird dann jeder Pfleger und sogar der Tierarzt, wenn er am Gehege vorbeikommt, äußerst interessiert betrachtet. Bei Tieren, die etwas scheuer sind, beobachten die Pfleger derzeit, dass sie sich auch die Räume "erobern", die sonst viel von den Besuchern genutzt werden.

Wie gehen die Pfleger mit der Situation um? Was bedrückt sie in diesen Zeiten?

Natürlich ist die finanzielle Situation des gesamten Zoos wichtig und lässt sich nicht ganz ausblenden. Ansonsten haben sich die Pfleger und Veterinäre sehr schnell für ihre Schützlinge umgestellt: Die meisten Zoos haben die verschiedenen Berufsgruppen, so gut es geht, voneinander getrennt, um das Infektionsrisiko so gering wie möglich zu halten.

Außerdem sind zumeist die Pfleger in mehrere Teams eingeteilt, die keinerlei Kontakt zueinander haben dürfen. So ist sichergestellt, dass beim Auftreten eines Corona-Falls nur ein Team ausfällt und der Zoo weiterhin arbeitsfähig bleibt. Die Mitarbeiter in den Zoos vermissen selbstverständlich die Interaktionen mit den Besuchern, gerade bei kommentierten Fütterungen. Auf der anderen Seite ist die Ruhe im Zoo aber auch eine Chance: Viele Verbesserungen fürs Tierwohl, für die sonst wenig Zeit ist, können jetzt angegangen werden.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Dorian 06.04.2020 11:02
    Highlight Highlight Würden alle Zoo´s schließen und die Tiere dorthin bringen, wo sie eigentlich hingehören, nämlich in die freie Wildbahn, wäre das Problem kein Problem. Aber so werden Tiere zur Belustigung der Gaffer einfach von ihrem natürlichem Lebensraum weggefangen und wie auf dem Pranger ausgestellt. ( Frage : Wollen Sie gefangen werden und Gaffern zur Belustigung dienen?? ) Einfach alle Tiere wieder an die freie Natur gewöhnen und in ihr Herkunftsland bringen und schon ist der Käse gegessen.
    • Steve 06.04.2020 13:58
      Highlight Highlight Was wohl deine Katze von dieser Aussage hält
    • Dorian 07.04.2020 10:02
      Highlight Highlight Meine Katze(n) sind Freigänger und kommen nur zum Fressen und schlafen. Auch sind sie oft ein paar Tage unterwegs. Auf jeden Fall werden sie nicht an den Pranger gestellt, damit sich Gaffer köstlich amüsieren!!!
    • Helge4u2 07.04.2020 11:45
      Highlight Highlight Hallo Dorian,
      die meisten Tiere im Zoo sind bereits im Zoo geboren worden und kennen nichts anderes als das Leben im Zoo. Diese Tiere können nicht ausgesetzt werden. Ihre Überlebenschance in freier Natur wäre etwa so groß, als würde man einen Großstadtmenschen im Urwald aussetzen, weil er ja irgendwie auch nur so eine Art Affe ist. Zoobesucher als Gaffer zu bezeichnen finde ich reichlich daneben. Gaffer gaffen aus Sensationslust, vorzugsweise bei Unfällen, wo sie meist auch noch Rettungskräfte behindern.
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