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Besonders Sexarbeiter aus prekären Verhältnissen arbeiten trotz Corona – auf dem Schwarzmarkt. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / ilona titova

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Verband warnt, dass Prostituierte in Schwarzarbeit gedrängt werden: Manchen Politikern "geht es nicht um Sicherheit der Sexworker, sondern um Moral"

Über kaum eine Branche scheiden sich die Geister wohl so sehr wie über die Prostitution. Einige würden sie gerne ganz abschaffen oder den Sex-Kauf im Sinne des sogenannten nordischen Modells unter Strafe stellen. Wieder andere halten die Legalität für die einzige Möglichkeit, um Prostituierten Sicherheit zu bieten und Menschenhändlern den Boden zu entziehen.

Die Corona-Krise hat diese Debatte weiter verschärft. Seit März 2020 sind sexuelle Dienstleistungen untersagt. Nur wenige Wochen im Spätsommer konnten Prostituierte unter Einhaltung von Hygienekonzepten arbeiten. Die Pandemie hat damit viele Sexworker in finanzielle Nöte gebracht – und Öffnungsszenarien sind nicht in Sicht.

Eine Branche ohne Lobby

Von der Politik werde das Thema ignoriert, bemängelt der Berufsverband erotische & sexuelle Dienstleistungen e.V. (BesD). Es fehlten die Fürsprecher: "Wir sind die ersten, die im Lockdown schließen müssen und die letzten, die wieder arbeiten dürfen, auch wenn wir faktisch nicht mehr oder weniger Viren übertragen", sagt André Nolte, Sprecher des Verbands, gegenüber watson. "Wir ziehen den Kürzeren, weil wir keine große Lobby haben und nicht salonfähig sind. Kaum ein Politiker würde sich hinstellen und sagen, er habe sich mit uns zusammengesetzt, wie er es mit Friseuren tut."

Im Zuge des ersten Lockdowns wurden sexuelle Dienstleistungen ab dem März 2020 verboten. In den meisten Bundesländern gab es im September und Oktober 2020 eine kurze Phase der Genehmigung unter strengen Hygieneauflagen. Dann, mit dem zweiten Lockdown im November, wurde diese wieder zurückgenommen. Die lange Berufspause unter Corona käme einigen Politkern mitunter ganz recht, vermutet Nolte: "Ich glaube, viele würden Sexarbeit gerne ganz verbieten. Einige Politiker sagen das ja auch ganz offen."

"Da geht es nicht um tatsächliche Infektionswege oder die Sicherheit der Sexworker, sondern um Moral."

André Nolte, Sprecher des BesD

Tatsächlich forderten 16 Bundestagsabgeordnete von Union und SPD schon im Frühjahr 2020 in einem Brief an die Länderchefs, dass das Berufsverbot der Sexworker auch über die Pandemie hinaus bestehen bleiben solle, da Prostitution in den meisten Fällen "menschenunwürdig" sei. Sie erklärten weiter: "Es dürfte auf der Hand liegen, dass Prostitution die Wirkung eines epidemiologischen Super-Spreaders hätte." Eine Einschätzung, die der BesD nicht teilt.

Während zu Beginn der Krise sexuelle Dienstleistungen noch zu anderen körpernahen Dienstleistungen dazuzählten, wird Sexarbeit nun in Auflistungen immer öfter als Einzelpunkt hervorgehoben. Das stört den Verbandssprecher Nolte:

"Es ist bezeichnend, dass wir mit anderen Branchen nicht einmal mehr im selben Gesetzestext erwähnt werden. Noch deutlicher kann man nicht zeigen, dass unsere Arbeit in den Augen vieler minderwertig und schmutzig ist."

Die Ärmsten werden auf den Schwarzmarkt gespült

André Nolte arbeitet selbst seit acht Jahren als Sexworker. Er kann sich in der Corona-Krise noch über Wasser halten, da sein finanzielles Polster ausreicht und er staatliche Hilfen beantragen kann. Das Berufsverbot treffe aber besonders die vulnerablen Gruppen unter den Prostituierten, berichtet er: Verschuldete, suchtkranke und wohnungslose Menschen, Migranten und Migrantinnen, queere und Trans-Personen – viele in prekären Lebenslagen und ohne Anspruch auf staatliche Hilfen.

Dominus und Sexworker Andre Nolte aus Berlin

BesD-Sprecher und Sexworker André Nolte. null / Thore Rehbach

"Gerade diesen Menschen geht es jetzt wirklich schlecht. Darunter sind Frauen, die Kinder großziehen und jetzt nicht mehr wissen, wovon sie leben sollen – natürlich wird dann auch illegal gearbeitet. Das ist sehr gefährlich", so der Berliner.

Denn Sex-Kauf fände auch unter Corona weiterhin statt, nur eben im Verborgenen. Im Zweifelsfall stünden Schwarzarbeiter mit Gewalterfahrungen alleine da, würden sich nicht an die Polizei wenden: "Sie trauen sich nicht, Hilfe anzunehmen, weil sie derzeit eine kriminelle Handlung begehen und dementsprechend Angst vor Bußgeldern oder Abschiebung haben", sagt Nolte. "Diese Menschen sind ausgeliefert."

Um das zu verhindern und die Kollegen zu unterstützen, die in besonders prekären Verhältnissen leben, hat der Verband einen Nothilfe-Fonds gegründet, der durch Spenden finanziert wird. Das Geld ist für Lebensmittel und Kleidung gedacht und wird über Beratungsstellen verteilt. Nolte dazu: "Für die Betroffenen ist solche Hilfe bitter nötig, weil sie oft durch alle Raster der Corona-Hilfen fallen."

Auch die Bordelle sind in Not

Für den Einzelnen mag das eine Hilfe sein. Ein größeres, strukturelles Problem erwartet die Branche aber, wenn Bordelle nach und nach pleitegehen, warnt der Verband. Das Großbordell "Pascha" in Köln meldete im Januar Insolvenz an. Diese Entwicklung war abzusehen, denn: Ähnlich wie ein Hotel vermieten Bordelle und Laufhäuser ihre Zimmer nur stunden- oder tageweise. Ohne Mieteinkommen können die Häuser ihre laufenden Kosten aber nicht zahlen und müssen früher oder später schließen.

"Das ist verheerend für die Branche", warnt Nolte, "denn die Bordelle stellen eine wichtige Infrastruktur für viele Sexworker dar." Dort stünden Securitys, Reinigungskräfte und Rezeptionen zur Verfügung, um Hygiene- und Sicherheitskonzepte umzusetzen. Sexworker, die Bordelle gewöhnt wären und nun spontan auf Hausbesuche ausweichen, brächten sich in Gefahr, erläutert Nolte: "Was, wenn eine unerfahrene Sexworkerin heimlich einen Hausbesuch zusagt, zum Kunden fährt und dann sitzen da plötzlich zwei Typen statt einem?"

Der Verband fordert Gleichstellung in den Corona-Verordnungen

Trotz dieser Probleme: Eine Öffnung der Branche fordert der BesD nicht. Angesichts der hohen Infektionszahlen sei klar, dass es "indiskutabel ist, Sexarbeit anzubieten", sagt auch Nolte.

"Wir fordern Gleichstellung. Nicht mehr, nicht weniger."

André Nolte, Sprecher des BesD

Denn wenn fast alle Bereiche des Lebens zu sind, ein harter Lockdown nötig und die Inzidenzzahlen zu hoch, ist es aus Sicht Noltes selbstverständlich, dass auch die Sexarbeiter ausharren müssen. Wichtig sei den Sexworkern allerdings, dass sie im Zuge von Wiederöffnungen mitberücksichtigt werden.

Wenn körpernahe Aktivitäten wie Kampfsport wieder erlaubt seien und Kosmetiker öffnen dürften, "dann muss auch Sexarbeit wieder möglich sein", sagt Nolte abschließend: "Alles andere wäre Diskriminierung."

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