Netflix
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Eine Frau beim Streamen (Symbolbild) Bild: iStockphoto

Diese Streaming-Dienste graben Netflix & Co bald den Content ab

Pascal Scherrer / watson.ch

Im Herbst 2014 kam Netflix nach Deutschland und versprach uns endlich ein Ende des Filesharings. Fünf Jahre später ist die Ernüchterung groß: Gefühlt jedes Filmstudio bringt seinen eigenen Streaming-Dienst auf den Weg.

Mussten wir zu Beginn noch ein Monatsabo für rund acht Euro lösen, um eine breite Auswahl zu haben, addiert sich diese Summe nun schnell auf das Drei- bis Vierfache.

In dieser Übersicht zeigen wir euch die größten Dienste, welche die Streaming-Landschaft in den nächsten Jahren prägen werden. Außerdem erhaltet ihr einen groben Überblick, wie die verschiedenen Streaming-Dienste mit Filmstudios und teilweise sogar untereinander verflochten sind.

Am allerwichtigsten: Ihr erfahrt, was das für das Netflix-Angebot bedeutet.

Prime Video

Amazon ist mit seinem Angebot Prime Video schon sehr lange dabei. Dennoch war der Konzern bisher keine wirkliche Konkurrenz für Netflix. Amazon hat Prime Video eher nebenbei angeboten, viele Filme und Serien waren gar nicht in der Flatrate erhältlich, sondern nur als Video-on-Demand. Prime Video war einfach eines von unzähligen Angeboten, die Amazon im Programm hatte, um Kunden zu akquirieren.

Das hat sich in den letzten zwei, drei Jahren aber schlagartig geändert. Amazon will etwas vom Streaming-Kuchen abhaben und investiert massiv in eigenen Content. Abholen will man die User vor allem mit Thriller-Serien, Fantasy und Science-Fiction.

Der Konzern nimmt unvorstellbare Summen in die Hand, um sich die Rechte an beliebten Franchises und Büchern zu sichern. Allein für die Lizenz zu einer "Herr der Ringe"-Serie hat Amazon 250 Millionen Dollar bezahlt. Die gleiche Summe investiert man in die Produktion. Für die Filmrechte an der Science-Fiction-Trilogie "Solaris" soll das US-Unternehmen sogar eine ganze Milliarde bezahlt haben.

Was bedeutet das für Netflix?

Prime Video hat auf die Angebotsvielfalt von Netflix keinen großen Einfluss. Amazon muss Filme und Serien, die sie nicht selber produziert haben, genauso einkaufen wie Netflix. Einzig Exklusiv-Deals mit Amazon machen Netflix ab und an einen Strich durch die Rechnung. Allerdings gilt das natürlich auch umgekehrt. Unter dem Strich gehört Amazon also genauso wie Netflix eher zu den Verlierern, wenn Studios sich entscheiden, ihren Content in Zukunft exklusiv auf eigenen Streaming-Diensten anzubieten.

IMDB TV

Amazon greift Netflix aber gleich an zwei Fronten an. Während Prime Video mit hochkarätigen Produktionen zahlungsbereite Kundschaft anlocken soll, deckt ein zweiter Streaming-Dienst die Gratiskultur ab. Mit IMDB TV lancierte Amazon bereits Anfang Jahr einen Streaming-Dienst, der nur durch Werbung finanziert wird. Kunden müssen kein Abo lösen, aber – je nach Sendung – sechs bis zwölf Werbeblöcke über sich ergehen lassen. Der Nachteil ist, wenn man so will, dass die Plattform vor allem ältere Filme und Serien im Programm hat.

Kommt IMDB TV nach Deutschland?

Amazon hat im Juni bekannt gegeben, dass man den Dienst noch 2019 in Europa verfügbar machen wolle. In welchen Ländern konkret behielt der Konzern aber für sich. Allerdings bleibt vom Jahr 2019 nicht mehr viel übrig und bisher macht sich der Dienst in Europa rar.

Was bedeutet das für Netflix?

IMDB TV wird Netflix kaum Kopfzerbrechen bereiten. Die Plattform muss Filme genauso lizenzieren wie Netflix und beschränkt sich dabei hauptsächlich auf ältere Titel.

Sky Show

Sky Show kann sich vor allem durch die Exklusivrechte von HBO-Serien abheben und produziert auch regelmäßig Originals mit dem US-Vorzeigesender. Allerdings dürfte Sky Show die HBO-Serien über kurz oder lang verlieren, da der HBO-Mutterkonzern Warner Media mit HBO Max selbst in den Streaming-Markt einsteigt. (Siehe Punkt 5).

Für Netflix ist ungünstig, dass Sky im September 2018 von Comcast übernommen wurde, dem grössten US-amerikanischen Kabelnetzbetreiber. Zu Comcast gehören unter anderem das Hollywood-Studio Universal, der Fernsehsender NBC und das Animationsstudio Dreamworks Animation. Damit ist es sehr wahrscheinlich, dass Titel aus dem Portfolio dieser drei Unternehmen bei Netflix verschwinden.

Kommt Sky Show nach Deutschland?

Nein, erstmal nicht.

Hulu

Hulu ist – gemessen an der Anzahl Abonnenten – der drittgrösste Streaming-Dienst der USA. Ursprünglich war Hulu die Antwort der grossen Hollywood-Studios auf Netflix. 2008 gegründet, hielten unter anderem NBC Universal, Fox Entertainment, Warner Media und Disney Anteile an Hulu.

In den letzten Jahren hat Disney aber immer mehr Anteile aufgekauft und durch die Übernahme von 20th Century Fox schliesslich die Aktienmehrheit an Hulu erlangt. Inzwischen hat NBC Universal, welche noch einen kleinen Rest der Anteile hält, die komplette Leitung an Disney abgetreten. Damit ist Hulu nun komplett in der (kreativen) Hand des Micky-Maus-Konzerns.

Disney hat bereits grosse Pläne mit Hulu. Weil Disney Plus nur für Familieninhalte steht, sollen Serien und Filme für ein älteres Publikum auf Hulu angeboten werden. Vor allem Titel von 20th Century Fox werden so auf Hulu ein neues Zuhause finden.

Kommt Hulu nach Deutschland?

Das ist noch unklar. Allerdings hat Disney bereits angekündigt, mit Hulu relativ rasch außerhalb der USA expandieren zu wollen. Es wird erwartet, dass der Dienst bereits 2020 in ersten europäischen Ländern startet.

Was bedeutet das für Netflix?

Hulu war bisher für den Netflix-Katalog kein großes Problem, da Hulu Filme genauso lizenzieren musste. Und außerhalb der USA gab es Hulu bisher schlicht nicht. Dadurch, dass Hulu nun aber Disney gehört und diese die Rechte an sämtlichen 20th-Century-Fox-Titeln haben, werden Fox-Titel in den nächsten Jahren ziemlich sicher nach und nach von Netflix verschwinden. Für Netflix ist das keine gute Nachricht, da 20th Century Fox einige der bekanntesten Film- und Serien-Franchises besitzt. Beispiele sind hier unter anderem "Alien", "Planet der Affen", "Deadpool"/"X-Men" und "Avatar".

HBO Max

HBO Max ist der nächste grosse Rivale aus den USA, dem sich Netflix bald stellen muss. Obwohl der Name etwas anderes suggeriert, wird der neue Streaming-Dienst nicht nur Serien von HBO beinhalten. Dafür muss man verstehen, dass HBO kein eigenständiger Sender ist, sondern zur Warner-Media-Gruppe gehört – und diese ist riesig.

Unter anderem gehören die namensgebenden Warner Bros. Studios zu diesem Unternehmen, aber auch Branchengrößen wie New Line Cinema, Cinemax, Adult Swim, TNT, Cartoon Network und selbst CNN. All diese Studios und Sender produzieren massenhaft Filme, Serien und Sendungen und haben entsprechend viele bekannte Titel im Portfolio.

So wird beispielsweise die Serie "Friends" in Zukunft nur noch bei HBO Max zu finden sein. Aber auch Klassiker wie "Doctor Who", "The Big Bang Theory" oder der "Der Prinz von Bel-Air" werden "HBO Max exclusive" – zumindest in den USA. In Europa dürfte das wenigstens in den nächsten Jahren noch etwas anders aussehen.

Kommt HBO Max nach Deutschland?

Dazu gibt es noch keinerlei Infos. HBO Max wird vorerst im Frühjahr 2020 in den USA starten. Zwar habe man Pläne für eine Expansion außerhalb der Vereinigten Staaten, mehr lassen sich die Verantwortlichen aber nicht entlocken.

Was bedeutet das für Netflix?

In den USA ist der Launch von HBO Max sicher ein harter Schlag für Netflix. In den vergangenen Jahren hat der Streaming-Dienst riesige Summen für die Lizenzen von Klassikern wie "Friends" ausgegeben, nur um die Serien jetzt zu verlieren. In Deutschland dürfte das noch nicht so schnell gehen, da für Europa oft ganz andere Bedingungen und Verträge gelten. Doch spätestens wenn diese Abmachungen auslaufen, wird auch der Content der Warner Media Group von Netflix verschwinden.

Peacock

Wenn ein Streaming-Dienst sich selber Pfau (engl. Peacock) nennt, kann nur NBC Universal dahinter stecken.

NBC Universal gehört zu Comcast und diese expandieren im Streaming-Bereich stark.

So hat Comcast angekündigt, einen hauseigenen Streaming-Dienst zu lancieren. Angelehnt an das Logo trägt dieser den Namen Peacock und soll 2020 starten. Auf Peacock sollen nicht nur Titel aus dem bisherigen Katalog von NBC Universal verfügbar sein. Wie jeder andere Streaming-Dienst auch, produziert man Originals, die in den USA exklusiv auf Peacock erscheinen. Beispielsweise wird es ein "Reboot" in Filmform der beliebten Serie "Battlestar Galactica" geben.

Kommt der Dienst nach Deutschland?

Peacock soll erstmal nicht zu uns kommen. Doch Comcast gehört zu Sky, die hierzulande die Inhalte vertreiben dürfen.

Was bedeutet das für Netflix?

In den USA: Dass alle Filme und Serien von NBC, Universal und Dreamworks mit der Zeit von der Plattform verschwinden. In der Schweiz passiert das ebenfalls, allerdings nicht wegen Peacock, sondern weil Comcast seine Titel wohl nur noch für Sky Show (ein eigener Streaming-Dienst, den es nicht in Deutschland gibt) zur Verfügung stellen wird. Für gewisse Serien hat Netflix außerhalb der USA aber auch die Exklusivrechte.

Disney+

Es ist kein Geheimnis mehr: Am 12. November 2019 startet der Mauskonzern mit Disney Plus seinen hauseigenen, familienfreundlichen Streaming-Dienst. Dort werden alle bekannten Marken des Konzerns verfügbar sein. Im Wesentlichen sind dies nebst Disney-Filmen Pixar, Marvel, "Star Wars" und National Geographic.

Nebst den bekannten Titeln produziert Disney auch Filme und Serien, die nur auf Disney Plus zu sehen sein werden. Beispielsweise ein Realfilm-Remake von "Susi und Strolch" oder die "Star Wars"-Serie "The Mandalorian".

Kommt Disney Plus nach Deutschland?

Erstmal nicht. Das einzige europäische Land, in denen der Dienst erscheint, sind die Niederlande. Dort müssen die Inhalte nicht synchronisiert werden. Aber innerhalb von zwei Jahren nach Start soll die Plattform in allen großen Märkten verfügbar sein.

Was bedeutet das für Netflix?

In der Vergangenheit haben wir bereits massiv gespürt, was Disney Plus für Netflix bedeutet: Nicht nur verschwanden nach und nach Disney-Filme von der Plattform, auch Marvel-Serien wurden mittendrin eingestellt. Von daher sind die größten Auswirkungen bereits vorüber. Ein paar Disney-Titel wird man womöglich wegen laufender Verträge weiterhin auf Netflix finden. Die Frage ist nur wie lange.

Apple TV+

Der Apfelkonzern wandelt sich immer mehr zum Service-Anbieter und dazu gehört natürlich auch ein eigener Streaming-Dienst. Allerdings geht Apple einen anderen Weg als die Konkurrenz. Die Strategie lautet: Wenige Eigenproduktionen, die dafür aber sehr hochwertig sind. Auf Titel anderer Anbieter wird komplett verzichtet, damit Apple TV Plus nicht nur wie ein weiterer Streaming-Dienst daherkommt.

Kommt Apple TV Plus in die Schweiz?

Ja. Der Dienst startet am 1. November in 100 Ländern weltweit – so auch in Deutschland. Zu Beginn werden sieben Serien verfügbar sein. Abrufbar ist Apple TV Plus via App oder URL – und zwar nicht nur auf Apple-Geräten.

Was bedeutet das für Netflix?

Auf das Sortiment von Netflix hat Apple TV Plus keinen Einfluss. Alle Serien, die bei Apple erscheinen, sind neue Produktionen, die zuvor nirgendwo sonst abrufbar waren. Interessanter dürfte sein, wie sich Apples Qualitätsanspruch auf die Anzahl der Netflix-Abonnenten auswirkt. Bereits jetzt muss sich Netflix immer mehr den Ruf gefallen lassen, viel Schund zu produzieren. Diese Leute könnte Apple für sich gewinnen – zumal Apple nur fünf Euro pro Monat verlangt. Beim Kauf neuer Hardware gibts Apple TV Plus gratis dazu. Zumindest für ein Jahr.

BBC/Discovery

Auch in England werkelt man an verschiedenen Streaming-Diensten. Derjenige, der uns wohl am ehesten interessieren (oder betreffen) dürfte, ist das Produkt aus der Zusammenarbeit der BBC und des Discovery Channels.

Zusammen wollen die Unternehmen einen reinen Doku-Streaming-Dienst lancieren. Bisher ist allerdings nicht mal bekannt, wie dieser heissen wird. Dennoch ist das durchaus ein interessantes Projekt, denn spezialisierte Streaming-Dienste dürften in den nächsten Jahren immer mehr auftauchen.

Kommt der Streaming-Dienst nach Deutschland?

Wie ihr euch sicher denken könnt, ist das noch völlig unklar.

Was bedeutet das für Netflix?

Das Vorhaben der BBC und des Discovery Channels dürfte Netflix nicht gefallen. Vor allem von der BBC findet man auf Netflix einige Dokumentarfilme, unter anderem die überaus bekannte Doku "Planet Erde". In Zukunft wird also auch das Doku-Portfolio von Netflix ausgedünnt.

Dass Netflix sich dessen durchaus bewusst ist und versucht, gegenzusteuern, zeigt die aufwendig produzierte Doku "Unser Planet".

Fazit

Abschließend kann man festhalten, dass es in den nächsten Jahren sehr viel umständlicher werden wird, zu streamen. Manchmal hat Netflix außerhalb der USA zwar die Exklusivrechte für Titel von konkurrierenden Anbietern, aber dennoch werden viele Filme und vor allem Serien von der Plattform verschwinden.

Die vielen neuen Streaming-Dienste sind aber nur eine Zwischenstation, auf dem Weg in eine noch unbekannte Streaming-Zukunft. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die Streaming-Landschaft noch stark verändern wird. Nicht alle Dienste werden sich halten können. Andere wiederum schließen sich vielleicht zu Streaming-Allianzen zusammen, so ähnlich wie Netflix und Sky Ticket in Deutschland.

In die Röhre guckt am Schluss wohl der Konsument, der statt einem umfassenden Angebot immer wieder neue Anbieter vorgesetzt bekommt. So wird man sich irgendwann wohl mit einem Lieblingsanbieter zufriedengeben oder schlicht wieder anfangen, seinen Content von anderen Quellen zu beziehen. Zur Erinnerung: In der Schweiz ist auch die Nutzung von illegalen Streaming-Plattformen weiterhin erlaubt.

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