Analyse
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Die rechte, angeblich geläuterte Influencerin Lisa Licentia im Gespräch mit Thilo Mischke. bild: screenshot prosieben

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Viel richtig gemacht – aber nicht alles: Drei Kritikpunkte an der ProSieben-Doku "Rechts.Deutsch.Radikal"

Die ProSieben-Doku "Rechts.Deutsch.Radikal" war ein bemerkenswerter Publikumserfolg. Journalist Thilo Mischke hat mit mutiger Recherche dafür gesorgt, dass ein breites Publikum damit konfrontiert wird, wie unterschiedlich rechtsextreme Umtriebe in Deutschland wirken.

Doch die Doku hat drei wichtige Schwächen.

Ein Überblick:

Rechtsextreme bekommen viel Platz für Eigen-PR

Die Symbole rechtsradikaler Bewegungen wie der "Identitären" sind in "Rechts.Deutsch.Radikal" lange und prominent vertreten: Ihre Slogans sind zu hören, Sticker mit rechtsradikalen Motiven zu sehen; gezeigt werden auch Videoaufnahmen von der rechtsradikalen Kampfsportveranstaltung "Kampf der Nibelungen", die der Dortmunder Rechtsextremist Alexander Deptolla organisiert.

Ob das immer dabei hilft, Rechtsextreme zu entlarven, ist zumindest fraglich – in jedem Fall bringt es den Protagonisten und den Botschaften der Radikalen viel Aufmerksamkeit. Mischkes journalistischer Grenzgang gipfelt in der absurden Szene, in der er neben zwei Dortmunder Rechtsextremen steht, vor ihnen zwei an einem Regal hängende Stoffbeutel mit den Aufdrucken "Hknkrz" (in der beliebten Run-DMC-Optik) und "I Love NS" (im Stil des I-Love-New-York-Logos). "Hknkrz" meint ganz offensichtlich das Hakenkreuz, das nationalsozialistische Symbol schlechthin, "NS" ist die Abkürzung für Nationalsozialismus.

Die beiden Rechtsextremen witzeln dann aber, das könne ja auch "Hakan Kreuzberg" und "Natursekt" heißen. Mischke macht später in der Doku zwar deutlich, wie sehr ihn dieses Witzeln angeekelt hat. Aber er und die anderen Macher der Doku hätten einfach auf darauf verzichten könne, eine so dreiste und widerwärtige Verharmlosung des Holocaust einem Millionenpublikum zu präsentieren.

Thilo Mischke

Thilo Mischke bei der Recherche auf einer Pegida-Demo in Dresden im Jahr 2019. bild: prosieben

Die Perspektive der Betroffenen fehlt

Die Doku ist facettenreich: Sie zeigt ein Neonazi-Konzert, bei dem es zugeht wie auf Rechtsradikalen-Treffen der 1980er und 1990er-Jahre, mit Neonazis in Springerstiefeln, die übersät sind mit Tattoos und grimmig in die Kamera blicken wie Klischeenazis. Aber sie zeigt eben auch neurechte Influencer, die junge Menschen mit oberflächlich freundlicher Art ködern wollen. Eines kommt in der Doku aber gar nicht vor: die Perspektive der Menschen, die die Folgen von Rechtsextremismus zu spüren bekommen.

Das ist schade – und eine verpasste Chance. Zu vielen Menschen ist bis heute nicht bewusst, welches menschliche Leid Rechtsextremismus anrichtet. Sie kennen die schreckliche Geschichte der Familie des Nürnberger Blumenhändlers Enver Şimşek nicht. Er ist das erste Opfer der Rechtsterroristen des NSU, die ihn im Jahr 2000 mit Schüssen ins Gesicht regelrecht hingerichtet haben. Sie haben die Namen Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Nesar Hashemi nie gehört: drei der Opfer des rassistischen Terroranschlags von Hanau.

Thilo Mischke hätte die Chance nutzen können, einem Millionenpublikum zu zeigen, wie Menschen weiterleben müssen, nachdem ein Nazi ihnen einen der liebsten Menschen genommen hat. Und er hätte ihre Geschichten gegenschneiden können gegen das protzige Getue, mit dem Rechtsradikale in der Doku ihre Menschenverachtung in die Kameras dahinsagen, als sprächen sie über ihren Lieblingsfußballverein.

Ungeklärte Fragen zur rechten Influencerin Lisa Licentia

Lisa Licentia ist eine Schlüsselfigur der Dokumentation. Die rechte Influencerin wird erst dabei gezeigt, wie sie für ihren Youtube-Kanal auf rechten Demos linke Gegendemonstranten zur Schau stellt, wie sie eine Frau filmt, die gegen die angebliche Islamisierung anbrüllt, wie sie Flüchtlingen rät, "die könnten ja auch bei sich daheim bleiben".

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Lisa Licentia sorgte für den AfD-Coup. bild: screenshot prosieben

Dann, bei der Nachbesprechung zu einem Dreh im Bundestag im Februar 2020, bricht sie in Tränen aus und offenbart Thilo Mischke, dass sie aus der rechten Szene aussteigen wolle. Lisa Licentia verdankt Mischke dann die Aufnahmen der menschenverachtenden Aussagen des AfD-Pressesprechers Christian Lüth, die die Doku schon vor Ausstrahlung in die Schlagzeilen gehievt haben. Eine spektakuläre Aussteigergeschichte, zumindest wirkt das in der Doku so.

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Tränen bei Lisa Licentia. bild: screenshot prosieben

Doch inzwischen haben sich Menschen zu Wort gemeldet, die Licentia und ihr neurechtes Umfeld kennen – und die zumindest Zweifel daran äußern, ob ProSieben nicht ein paar zusätzliche Informationen zu der Influencerin hätte liefern sollen. Zum einen berichten mehrere Twitter-Nutzer, Licentia habe sie noch nach ihrem angeblichen Entschluss vom Februar, aus der Szene auszusteigen, bedroht.

Unter anderem berichten davon die Journalistinnen Yasmine C. M'Barek und Nhi Le sowie Autorin Jasmina Kuhnke, die bei Twitter unter dem Alias Quattromilf aktiv ist:

Außerdem trat Lisa Licentia offenbar noch im April auf einer der von Rechten zumindest teilweise unterwanderten Corona-Demos in Köln auf – und wurde dort von der Polizei verhaftet. Lisa Licentia dokumentierte ihre Teilnahme an der Demo sogar in einem Video auf ihrem eigenen Youtube-Kanal, der Journalist Sebastian Weiermann und andere Augenzeugen wiesen selbst auf den Vorfall hin.

Zur Wahrheit gehört andererseits auch, dass Licentia auf ihrem Twitter-Account und ihrem Youtube-Kanal seit Wochen offensichtlich pro-demokratische Botschaften verbreitet: Mit Videos über gewaltbereite Rechtsextreme und einem Appell zu mehr demokratischer Teilhabe und Tweets, in denen sie zumindest öffentlich die Brücken zu ihren ehemaligen rechten Anhängern abbricht.

Wobei manche Nutzer die Tweets gar nicht sehen können: Etliche, darunter der Autor dieses Textes, sind offenbar auf einer Blockliste Lisa Licentias. Nach Ausstrahlung der Doku schrieb Licentia am Montagabend einen Thread, in dem sie sich unter anderem bei Thilo Mischke bedankte.

Wie ernst es Lisa Licentia mit ihrem öffentlich erklärten Ausstieg aus der rechtsradikalen Szene tatsächlich ist, wird sich in den kommenden Wochen und Monaten zeigen: Laut ProSieben befindet sie sich in einem Aussteigerprogramm. In jedem Fall hätten die Macher der Doku auf die Ungereimtheiten zu ihr hinweisen sollen.

Das sagt ProSieben:

Watson hat bei ProSieben nachgefragt, was der Sender zu den jeweiligen Kritikpunkten sagt. Auf die inhaltliche Kritik ging der Sender in seiner schriftlichen Antwort jedoch nicht ein.

Stattdessen teilte ein Sprecher mit:

"Das 'ProSieben Spezial: Rechts. Deutsch. Radikal' hat gewirkt: In der AfD hat es ein politisches Beben gegeben, über das international von der wichtigsten französischen Zeitung Le Monde, über die spanische El Pais bis hin zur amerikanischen Hauptstadtzeitung Washington Post berichtet wurde. In Deutschland hat allein der ProSieben-Tweet, in dem ProSieben auf ein Aussteigerprogramm für Rechtsextreme hingewiesen hat, mehr als 500.000 Impressions. Darüber hinaus wurde die Doku für ihre klare Haltung unter anderem von Journalisten von Zeit, Spiegel, dwdl.de, Süddeutscher Zeitung, stern, ZDF und Frankfurter Allgemeiner Zeitung in höchsten Tönen gelobt."

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