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Eine Frau sitzt allein im Café.

Wenn alle um dich herum Familie gründen – und du das Gefühl hast, allein zurück zu bleiben. (Symbolbild) Bild: E+ / FluxFactory

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Wie sich dein Leben verändert, wenn es sich nicht verändert: Kinderlos mit Anfang 30

Ich sitze in einem Café in der Düsseldorfer Innenstadt, mein Cappuccino wird langsam kalt, während ich mit einem kleinen Mädchen spiele. Nachdem ich zur Begrüßung ausgiebig jeden Arm ihrer Stoff-Krake geschüttelt habe, setze ich mir das Tier als Hut auf den Kopf. Die Zweijährige kichert, eine Freundin zückt das Handy, um Fotos von uns beiden zu machen. "Sie liebt dich", sagt die Mutter, meine andere Freundin.

Dann ein beißender Geruch in der Luft. Das Mädchen hat sich in die Windeln gemacht. Die Mutter zuckt mit den Schultern und macht sich mit einer frischen Windel und Feuchttüchern ausgestattet auf in die Damentoilette. Die Vierte von uns im Bunde versucht währenddessen mit schaukelnden Bewegungen ihren acht Monate alten Sohn in den Schlaf zu wiegen, dabei spricht sie über ihre dritte Schwangerschaft. Ihr fast dreijähriger Sohn ist gerade in der Kita.

"Ich mag Kinder eigentlich ganz gerne, zumindest so sehr, wie ich Erwachsene mag – die meisten sind schon okay."

Ich blicke in unsere Frühstücksrunde, denke daran, wie wir vor 20 Jahren gemeinsam Pyjama-Partys gefeiert und uns über Jungs geärgert haben, und versuche mich mehr schlecht als recht in die Diskussion zur Kita-Eingewöhnung einzuklinken. Ich frage mich, ob ich so leben könnte: Arbeit aufgeben, denn irgendwie sind es immer so selbstverständlich die Frauen, die das tun; meinen Alltag nach einem bedürftigen Lebewesen richten, wie es so viele andere in meinem Umfeld tun; mich mit Kita, Kotze und Kacke beschäftigen und hin und wieder mit Freundinnen ins Café fliehen.

Und dann kommt das kleine Mädchen wieder und legt mir schüchtern eine Postkarte auf den Tisch. "Sie hat sie ganz lange für dich ausgesucht", sagt ihre Mutter. Die Karte ist gelb, mit großen schwarzen Lettern steht drauf: "Ortsversteher". Viel verstehe ich gerade nicht, aber ich bin gerührt von dieser so ehrlich liebevollen Geste. Ich mag Kinder eigentlich ganz gerne, zumindest so sehr, wie ich Erwachsene mag – die meisten sind schon okay.

Mittlerweile scheint es komischer, keine Kinder zu haben oder zu wollen

Ich bin nun 33 Jahre alt. Meine Mutter, die für ihre Generation recht spät dran war, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine einjährige Tochter. Viele meiner Freundinnen haben schon Kinder oder planen welche. Die großen Tragödien in einer Partnerschaft sind in meinem Umfeld nun nicht mehr, wenn jemand ungewollt schwanger wird, sondern wenn jemand nicht schwanger werden kann. Komisch ist, wenn jemand keine Kinder will, nicht, wenn er sie möchte. Bei mir hat sich die Frage noch nicht gestellt, oder zumindest nur hypothetisch. Weil ich mich noch nie in einem realistischen Szenario, also gemeinsam mit einem Erzeuger auf Augenhöhe, damit auseinandersetzen musste.

"Als wäre der ultimative 'Plan' auch für dich vorgesehen – nur bisschen später eben, keine Sorge, es wird schon noch alles 'gut gehen'."

Das mit Anfang 30 sagen zu müssen, lässt einen in den Augen der ein oder anderen Freunde oder Familienmitglieder zum Freak werden. Oder zumindest so gönnerhafte Sätze formulieren wie: "Das wird schon noch." Als wäre der ultimative "Plan" auch für dich vorgesehen – nur bisschen später eben, keine Sorge, es wird schon noch alles "gut gehen".

Was, wenn es diesen einen "Plan" einfach nicht gibt? Wenn dein Leben einfach einem anderen Takt folgt?

Wie absurd diese Angst ist, als kinderlose Single-Frau einsam zurückzubleiben

Ein Baby zu bekommen, verändert vieles, das kann auch ich als kinderlose Frau nachvollziehen. Während ich eine Familiengründung nach der nächsten in meinem Bekanntschaftskreis beobachte, zu Hochzeiten gehe und niedliche Baby-Geschenke aussuche, merke ich, wie sehr sich das Leben Anfang 30 eines kinderlosen Singles verändert – weil es sich eben nicht verändert. Ich gehe immer noch in dieselben Bars und Cafés, gehe spazieren, verreise – etwas seltener vielleicht, aber genauso gern wie früher. Und so sehr ich diese Momente mit meinen Freundinnen und ihren Kindern schätze – sie werden immer seltener. Was an sich nicht schlimm ist – aber manchmal fragt die leise Stimme im Kopf doch: Was, wenn du zurückbleibst, weil du nicht demselben Rhythmus folgst wie die meisten in deinem Umfeld?

"Das bescheuerte Bild der einsamen, kinderlosen Frau lässt sich von der Emanzipation nicht immer übertünchen. Und das ist saudumm."

Mit einer Freundin, die bis vor Kurzem noch Single war, hatte ich ein Gespräch darüber, wie sehr wir Angst davor haben, mit 40 immer noch die Frau zu sein, die allein in den Club geht, während alle anderen Zeit mit ihren Partnern und Kindern verbringen. Und wie absurd diese Angst doch gleichzeitig ist – weil was zur Hölle ist denn verkehrt daran, mit 40 allein feiern zu gehen? Das bescheuerte Bild der einsamen, kinderlosen Frau lässt sich von der Emanzipation nicht immer übertünchen. Und das ist albern. Denn weder eine Partnerschaft noch ein Kind würden mich definieren oder vollständiger machen.

Ich versuche mir zu sagen, dass ich mich so entschieden habe. Ich habe mich dazu entschlossen, eine Karriere zu verfolgen, die mich erfüllt. Habe mich gegen Partner nur um der Partnerschaft willen entschlossen. Habe mich gegen Kinder nur um der Kinder willen entschlossen. Und das ist richtig. Ich schwimme auch nicht gegen den Strom, wenn ich Anfang 30 keinen Partner oder Partnerin oder Kinder habe. Es ist mehr so, als hätte der Strom mich ein bisschen ausgelassen und würde an mir vorbeiplätschern. Das ist nicht besser oder schlechter oder mehr oder weniger wert, nur anders. Meine Eltern-Freunde versäumen es auch nicht, mir das immer wieder bewusst zu machen.

Eltern glauben, ich könnte mir ihr Leben nicht vorstellen – haben sie eine Vorstellung von meinem?

Wenn sie sagen: "Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie anstrengend das ist, Kinder zu haben." Oder: "Du kannst dir die Liebe nicht vorstellen, die man empfindet." Doch – weil ich euch sehe. Ich stecke nicht in euren Schuhen – aber ich sehe, wie ihr euch anstrengt. Sehe, wie ihr liebt. Höre euch zu, wenn ihr Sorgen habt, weil ihr manchmal tagelang niemand anderen seht als eure Kinder oder ebenso gestressten Partner. Ich empfinde so gut nach, wie ich kann, auch euer Gefühl, nicht nachempfunden werden zu können. Und versuche, es zu überhören, wenn ihr sagt, ich werde das sicherlich auch noch alles erleben. Oder schlimmer noch: Ich hätte es ja einfacher, weil ich nicht so viele Verpflichtungen hätte. Ohne daran zu denken, dass es sich manchmal eben nicht wie Freiheit anfühlt, keine Verpflichtungen zu haben.

"Du trittst noch auf derselben Stelle wie mit Anfang 20, und dass es heute immer noch genauso ist wie damals, macht alles ganz anders."

Das sind Gedanken, die sicherlich viele alleinstehende Menschen in ihren 30ern erleben. Sie sind nicht immer da, aber einmal ausgesprochen nehmen sie absurd viel Raum ein. Und bedienen ironischerweise genau das, was man nicht sein möchte: das Bild vom armen, einsamen, gescheiterten Single.

Dieses Gefühl ist nicht fremd, aber nicht immer da. Es kommt immer nur dann, wenn die Freunde und Familie, die Bekannten und Kollegen vergessen, wie es ohne Kinder und Partner war und mich das spüren lassen. Und manchmal trifft es mich eben doch.

Bei vielen Menschen, die ich kenne, könnte ich auch einfach antworten: Du kannst dir nicht vorstellen, wie es ist, mit Anfang 30 immer noch genauso weit weg von der Familiengründung zu sein wie zehn Jahre zuvor. Du trittst in manchen Dingen auf derselben Stelle wie mit Anfang 20, und dass es heute immer noch genauso ist wie damals, macht alles ganz anders. Du folgst dem "Plan" nicht, über den sich offenbar irgendwann einmal alle stillschweigend geeinigt haben, ohne dir Bescheid zu sagen. Und gleichzeitig ist dieser "Plan" auch einfach nicht so geil, sondern nur eine Möglichkeit von vielen.

Wie sich das anfühlt, nicht Teil des Großen, Ganzen und "Richtigen" zu sein, obwohl das nicht heißt, dass es automatisch falsch ist, haben einige von euch, liebe junge Mütter und Väter, vielleicht einfach vergessen. Oder werden es nie erleben, weil es dafür zu spät ist. Um es etwas fies zu sagen: Ja, auch ihr, die so fleißig ihre Lebens-To-Do abgearbeitet habt, werdet Dinge finden, hinter die ihr keinen grünen Haken setzen könnt.

Es gibt nicht "den Plan", dem alle folgen müssen

So oft ich es mir auch einreden möchte: Ich kann nicht sagen, dass ich mir jeden Schritt, den ich in Hinblick auf Partnerschaft und Familie in den letzten Jahren gemacht habe, komplett freiwillig war. Manchmal haben Dinge einfach nicht geklappt und ich musste anders weiter machen – jeder musste schon einmal emotional improvisieren. Echte Freiheit ist, gleichwertige Optionen zu haben, nicht das kleinere von zwei Übeln wählen oder das Beste aus einer beschissenen Situation machen zu müssen. Und wenn deine Freunde und Bekannten dich für deine Unabhängigkeit feiern, die Abhängigkeit von Kind und Kegel aber als das "richtige", erstrebenswerte Modell vorleben, fühlst du dich außen vor gelassen. Auf einem goldenen Podest steht es sich meist recht einsam.

"Vielleicht muss einfach ein kinderloser Erwachsener mit klarem Kopf im besten, positivsten Sinne 'übrig bleiben'."

Ich erinnere mich, dass ich als Kind schon Eltern immer ein bisschen verrückt fand und das auch bis heute tue. Vielleicht muss einfach ein kinderloser Erwachsener mit klarem Kopf im besten, positivsten Sinne "übrig bleiben". Damit die Kinder schon von klein auf sehen, wie es auch gehen kann und gar nicht erst lernen, alleinstehend und kinderlos sein ist nicht das kleinere Übel, sondern eine gleichwertige Option. Dass es eben nicht nur den einen "Plan" und mehr oder minder nette Abweichungen gibt, sondern einfach nur Wege.

Kinder gehören für mich nicht per se zu einem erfüllten Leben dazu. Keine Kinder auch nicht. Die einzige Aussage, die ich bisher definitiv treffen kann, ist: Ich möchte wahrscheinlich nicht keine Kinder. Und ich möchte sie wenn, dann möglichst nicht allein. Außer es passiert halt, dann eben allein. Vielleicht reicht es mir, für die anderen Kinder in meinem Leben da sein zu können und Kraken-Stofftier-tragend kleine Mädchen zum Lachen zu bringen, wenn ihre Mütter mal mit ihren Freundinnen Kaffee trinken und mal ein Stück meiner Welt erleben wollen, während ich in ihre blicke.

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