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Lehrerin Gloria Boateng sieht Mängel im deutschen Schulsystem.

"Schule ging schon vor Corona an Realität vorbei" – Lehrerin hält flammenden Appell im TV

maik mosheim

Knapp 11 Millionen Schülerinnen und Schüler gibt es in Deutschland – mancherorts sind die Sommerferien bereits vorbei, in sechs Bundesländern gehen die Kinder wieder zur Schule. Bei "Dunja Hayali" am Donnerstagabend im ZDF wird klar: Die Corona-Krise spaltet die Meinungen, wie der Schulalltag in Deutschland weitergehen soll.

Ob die vielen Hygienekonzepte, die nun an den Schulen beschlossen wurden, wirken, weiß man noch nicht – zumal einheitliche Maßnahmen kaum möglich sind. Jedes Bundesland reagiert anders, denn Schule und Bildung ist schließlich Ländersache.

Hayali konfrontiert Hans - der kontert und ist mit Saarland-Leistung zufrieden

Im Saarland ist man mit der eigenen Performance offenbar ganz zufrieden. Moderatorin Dunja Hayali konfrontiert Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) mit der Frage, warum man die Zeit, in der die Schulen geschlossen waren, nicht besser genutzt hätte, um beispielsweise Konzepte auszuarbeiten. Der kontert die kritische Frage. "Wir haben die Zeit sehr intensiv genutzt. Wir haben im Saarland ganz massiv in die Digitalisierung der Bildung investiert." Man könne nun deutlich mehr Endgeräte und digitale Bildungsangebote zur Verfügung stellen, falls Kinder wegen Corona nochmal nach Hause geschickt werden müssten.

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Tobias Hans ist zufrieden mit der Performance seines Landes.

Dann muss aber auch er einsehen, dass nicht alles gut lief. Und, dass noch viel zu tun ist. "Wir wissen, das ist alles sehr fragil", sagt Hans.

Das sieht auch Gloria Boateng so. Die Lehrerin an einer Hamburger Grundschule sieht aber nicht nur in der Corona-Zeit Mängel im deutschen Schulsystem:

"Schule ging in Teilen schon vor Corona an der Realität vorbei."

Gloria Boateng

Sie bezieht sich dabei vor allem auf die Digitalisierung im deutschen Bildungswesen, die ihrer Meinung völlig unzureichend ausgeprägt sei. "Wir müssen anfangen zu agieren und nicht nur zu reagieren. Wir warten immer, bis eine Krise passiert."

Giffey und die Frage nach einer übergeordneten Bildungsinstanz

Und auch am Umgang mit der Corona-Pandemie hat sie konkrete Kritik auszusetzen. Ein Beispiel: Zwei Tage vor Schulstart habe die Schulleitung ihrer Schule überhaupt mal ein Hygienekonzept bekommen. Dann habe die Zeit gefehlt, dass Konzept auf die einzelnen Klassen zu adaptieren und die Schule habe ohne dezidierte Konzepte dagestanden – ein mittelschweres Desaster.

Nicht nur diese Geschichte wirft in der Sendung die Frage auf: Braucht es eine übergeordnete Instanz, die sich um das Bildungswesen kümmert? Moderatorin Hayali sieht darin zumindest eine Möglichkeit für bessere Koordination. Familienministerin Franziska Giffey (SPD) ist da und muss sich mit dieser Frage auseinandersetzen.

"Es ist nun mal so, dass der Föderalismus nicht immer alles leichter macht."

Franziska Giffey

Man müsse akzeptieren, wenn ein Land sein eigenes Ding machen wolle, könne maximal beratend tätig werden.

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Franziska Giffey sieht im Föderalismus so manche Schwierigkeit.

Hans nimmt die Gesellschaft bei Schutz von Schulen in die Pflicht

Für Norman Heise vom Landeselternauschuss Berlin ist das nicht zufriedenstellend. Zu ihm seien viele Eltern gekommen, die sich nicht wohl dabei fühlen, ihre Kinder in die Schule zu schicken, weil die Hygienekonzepte nicht gut ausgereift seien. Er fordert, dass man sich bewusster darum bemühe, sinnvolle Konzepte auszuarbeiten, die nicht am Ziel vorbeischießen. Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans nickt eifrig, während Heise spricht.

Das ist auch Moderatorin Hayali nicht entgangen. "Sie stimmen die ganze Zeit zu, aber wie reagieren sie darauf?", spricht sie den CDU-Mann direkt an. Der holt zum Appell aus.

"Vielen denken, dass die Schule den Auftrag hat, die Gesellschaft zu schützen. Aber das ist nicht so. Die Gesellschaft hat den Auftrag, die Bildung der Kinder zu schützen." Er fordert, dass sich die Gesellschaft im Gesamten so verhalte, dass das Infektionsgeschehen unter Kontrolle bleibe, und Wirtschaft und Schulen nicht einem zweiten Lockdown zum Opfer fallen.

Wieder-Eröffnung der Schulen birgt Gefahren

Die einen wollen die Kinder unbedingt wieder in den Schulen haben, anderen, auch vielen Eltern, ist das Ganze nicht so wirklich geheuer. Fehlende oder unausgereifte Hygienekonzepte dominieren mancherorts das Geschehen – und gefährden damit nicht nur die vielen Schülerinnen und Schüler, sondern auch deren Angehörige.

Die Wieder-Eröffnung der Schulen birgt Gefahren, solange das Virus grassiert. Und so müssen sich alle Entscheidungsträger darauf einstellen, dass es auch weiterhin zu Wieder-Schließungen kommen kann, wie es kürzlich in Berlin nach nur drei Tagen im neuen Schuljahr bereits passiert ist.

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