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Wenn die Sieben-Tage-Inzidenz steigt, droht ein erneuter harter Lockdown. Bild: Moment RF / Peeradon Warithkorasuth

Analyse

Corona-Notbremse? Australien hat sie bereits – Epidemiologe zweifelt an der Wirkung in Deutschland

In den Corona-Beratungen von Bund und Ländern sind auch Lockerungen für Regionen im Gespräch, in denen eine Sieben-Tage-Inzidenz von 100 stabil unterschritten wird. Schrittweise könnten dann laut Entwurfspapier Bereiche des öffentlichen Lebens wieder öffnen, unter einer Voraussetzung: Wird die 100er-Marke wieder überschritten, greift eine "Corona-Notbremse", die Lockerungen werden wieder zurückgenommen.

Dieses Konzept gilt so ähnlich schon lange in Australien, wo sich sogenannte Blitz-Lockdowns bislang bewährt haben. Allerdings mit einem Unterschied: In Australien werden Regionen schon dichtgemacht, sobald einzelne Infektionen auftreten. Das Land verfolgt eine Null-Infektionen-Strategie.

SYDNEY, AUSTRALIA - DECEMBER 31:  Patrons are seen at the Opera Bar during New Year's Eve celebrations on December 31, 2020 in Sydney, Australia. Due to COVID-19 restrictions amid a new outbreak of the virus in Sydney, this years fireworks display has been shortened to seven minutes, with numerous other restrictions in place on movement around the CBD (Photo by Brook Mitchell/Getty Images)

Übrigens: So sah Silvester in Sydney aus. Bild: Getty Images AsiaPac / Brook Mitchell

Nun leben in Deutschland deutlich mehr Menschen auf dichterem Raum (ca. 233 Personen pro km²), als im Land der Kängurus (ca. 3,25 pro km²), außerdem sind wir nicht von einem Ozean, sondern zahlreichen europäischen Staaten umgeben. Trotzdem sagen Experten: Australien kann uns gerade jetzt als Vorbild für Öffnungen dienen.

Was macht das Land am anderen Ende der Welt anders als wir? Immerhin ist dort das Leben wieder in vollem Gange. Ein Vergleich.

Die Grenzen sind seit Monaten komplett zu

Australien ist seit rund einem Jahr weitgehend von der Außenwelt abgeschottet. Zu Pandemie-Beginn hatte die Regierung internationale Reisebeschränkungen verhängt, die sowohl die Einreise als auch die Ausreise nur in Ausnahmefällen ermöglichen. Gerade erst wurde die Grenzschließung um drei Monate bis zum 17. Juni verlängert, da "die Covid-19-Situation im Ausland eine inakzeptable Gefahr für die öffentliche Gesundheit in Australien darstelle", so Gesundheitsminister Greg Hunt.

Australier selbst dürfen ihr Land auch nicht verlassen, es gilt schon seit Monaten ein Ausreiseverbot. Ausnahmen müssen bei den Behörden beantragt werden und gelten nur für Berufsreisende oder aus triftigen Gründen, wie zum Beispiel eine dringend notwendige medizinische Behandlung im Ausland.

Professor Markus Scholz, Epidemiologe von der Universität Leipzig, hält das für die richtige Maßnahme: "Wenn die Inzidenz im eigenen Land niedrig und die der Nachbarländer hoch ist, trägt dies zum Schutz vor Neueintragungen bei", sagt er gegenüber watson. "Australien hat aufgrund seiner Insellage hier aber klar bessere Voraussetzungen", betont er weiter. In Deutschland ist eine längerfristige Abschottung aufgrund der Warenströme und notwendigen Pendelbewegungen zwischen den Ländern unmöglich." Die zeitweise Schließung der Grenzen nach Tschechien sei aber richtig, da dort die Pandemie "völlig außer Kontrolle" sei, betont der Professor.

In Deutschland ist und war das Reisen (sowohl innerdeutsch als auch international) jederzeit erlaubt, einzig die Bedingungen wurden erschwert. So wurden für viele Regionen Reisewarnungen ausgesprochen und Testpflicht sowie Quarantäne bei der Rückkehr angeordnet. Das gilt momentan auch für die deutschen Nachbarländer Österreich und Tschechien.

Lange Lockdowns rangen die Infektionen auf null nieder

112 Tage, also fast vier Monate lang, galt der Lockdown allein im Bundesstaat Victoria, nachdem dort im August vergangenen Jahres 700 Infektionsfälle am Tag gemeldet wurden. Auslöser des Infektionsherdes war ein Quarantänehotel. Dieser Lockdown ist bislang der längste der Welt gewesen, auch weil eine Infektionszahl von null angepeilt wurde.

Das Brachliegen der Region lohnte sich langfristig jedoch, wie Gesundheitsökonom Stephen Duckett in einem "Zeit"-Interview erklärte, sowohl wirtschaftlich als auch psychologisch: "Die Leute gaben wieder Geld aus, gingen in Restaurants. Am Ende erlebte unsere Wirtschaft den kräftigsten Aufschwung von allen Bundesstaaten. Und an dem Tag, an dem wir erstmals tatsächlich die Null erreicht hatten, da herrschte nur noch Überschwang. Da fuhren die Autos hupend durch die Straßen."

Zum Vergleich:

In Australien gab es am Mittwoch acht Neuinfektionen. In Deutschland sind es 9019.

Ganz anders bei uns: Der aktuelle (und bislang längste) Lockdown in Deutschland startete am 16. Dezember und geht nun also "erst" in Woche 11. Obwohl die Infektionszahlen in den vergangenen Tagen wieder anstiegen, sollen jetzt bei stabilen Inzidenzzahlen von unter 100 erste Öffnungen erfolgen: Neben Terminshopping-Angeboten könnten dann Museen, Galerien, zoologische und botanische Gärten "für Besucher mit vorheriger Terminbuchung" geöffnet werden.

Ebenso könnte dort "Individualsport alleine oder zu zweit und Sport in Gruppen von bis zu zehn Kindern bis 14 Jahren im Außenbereich" erlaubt werden. Auch der nächste Öffnungsschritt – von Außengastronomie, Theatern, Konzert- und Opernhäusern, Kinos sowie kontaktfreiem Sport im Innenbereich und Kontaktsport im Außenbereich – könnte dem neuen Entwurf zufolge schon bei Sieben-Tage-Inzidenzen bis 100 erfolgen, allerdings nur in Verbindung mit tagesaktuellen negativen Corona-Schnelltests.

Hoffnung auf mehr Schnelltests

Gratis Schnelltests gibt es übrigens auch in Australien schon lange – ein wichtiger Aspekt, findet Epidemiologe Scholz. "Auch wir haben große Hoffnungen in Schnelltests", sagt er. "In Deutschland wird insgesamt viel zu wenig getestet, so dass die Dunkelziffer hoch ist und kaum prophylaktisch getestet wird." Er verweist auf Italien, wo doppelt so viel getestet werde wie in Deutschland, und das bei kleinerer Bevölkerungszahl. "Österreich testet regelmäßig alle Schüler und macht damit die Schulen sehr sicher", fügt er an. Schnelltests können ihm zufolge dazu beitragen, Lockerungen zu erleichtern.

"Diese Tests müssten aber in die Gesamtstrategie eingebunden werden, indem beispielsweise positive Schnelltests stets mittels PCR validiert, gemeldet und quarantänisiert werden und eine Kontaktverfolgung aufgenommen wird."

"Inzidenz 0 nur mit Durchimpfung erreichbar"

Auf Null zu kommen – das werde mit dieser Strategie allerdings in Deutschland nicht klappen, so der Epidemiologe. Für Australien sei es möglich aufgrund der Insellage und der niedrigen Inzidenzzahlen – und immerhin sei in Deutschland im Sommer auch in einigen Kreisen die 0 erreicht worden. "Jedoch ist dies hier aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte und der Bewegungen nur ein vorübergehender Zustand, solange die Pandemie nicht weltweit unter Kontrolle ist", sagt Scholz. "Eine Inzidenz 0 ist deshalb nur mittels Durchimpfung der Bevölkerung dauerhaft erreichbar."

Auf Wiederausbrüche wird mit Blitzlockdown reagiert

Obwohl die Australier vielerorts wieder zu einem normalen Leben zurückfinden konnten, bleibt das Land vorsichtig: Wenn es zu Infektionen kommt, werden kurzfristige "Blitz-Lockdowns" in den betroffenen Regionen angeordnet. Zuletzt war das Mitte Februar in der Millionenmetropole Melbourne der Fall, wo vereinzelt Fälle der britischen Corona-Mutation in einem Flughafen-Hotel nachgewiesen wurden. Fünf Tage lang wurde daraufhin das öffentliche Leben vollständig heruntergefahren, um am 17. Februar wieder öffnen zu können.

Ein harter Schnitt, der laut Daniel Andrews, Regierungschef des Bundesstaates Victoria, dessen Hauptstadt Melbourne ist, aber nötig war, um einen längeren Lockdown zu vermeiden: "Wenn wir während dieses Ausbruchs offen geblieben wären (...), wären die Fallzahlen viel höher und es ist eine Gewissheit, dass ich heute nicht null Neuinfektionen melden würde."

Fans of Novak Djokovic, SRB, during final of 2021 Australian Open in Melbourne, 21/02/2021 - *** Fans of Novak Djokovic, SRB, during final of 2021 Australian Open in Melbourne, 21 02 2021 PUBLICATIONxNOTxINxCHNxSUI

Die Zuschauerbänke beim Australian Open in Melbourne am 21. Februar. Bild: www.imago-images.de / Schreyer

Diese "Blitz-Lockdown"-Methode scheint auch in der Bundesregierung Anklang zu finden. Allerdings eben erst bei einer Überschreitung der 100er-Marke an drei aufeinanderfolgenden Tagen: Dann soll eine "Corona-Notbremse" greifen, die alle Öffnungsschritte wieder zurücknimmt und die betroffene Region wieder in einen Lockdown versetzt, bis sich die Lage langfristig entspannt hat.

Epidemiologe hält Blitz-Lockdown für nicht geeignet für Deutschland

Und genau bei dieser Inzidenzzahl sieht der Epidemiologe ein Problem: "In Australien war selbst im „Höhepunkt“ der Pandemie die Inzidenz unter 20. Solche Blitzlockdowns helfen nur bei sehr niedriger Infektionslage", sagt er. "Das funktioniert bei uns nicht."

Sowieso betont Scholz erneut auch in der Frage, ob regionale Lockdowns beziehungsweise Öffnungen eine gute Idee wären, dass Lockdowns kein Mittel mehr seien, die Pandemie in den Griff zu bekommen: "Dieses Konzept halte ich für illusorisch. Von den hohen Inzidenzen kommen wir in absehbarer Zeit nicht mittels Lockdowns runter, sondern nur durch Impfen", sagt er. Durch Berufspendler, Warenströme oder Urlaubsreisende würden immer wieder neue Infektionen in Regionen getragen. "Die sehr gute Situation im Sommer ließ sich genau aus diesem Grunde trotz aller Bemühungen nicht dauerhaft aufrechterhalten", erinnert er, "was in der zweiten Welle mündete." Zusammengefasst sagt er:

Nur durch Impfen kommen wir aus der Pandemie, wobei man voraussichtlich perspektivisch gegen neue Varianten kontinuierlich nachimpfen muss – wie bei Influenza auch.

Die Bereitschaft der Australier ist hoch

Proteste gegen die harten Lockdown-Maßnahmen gab es in der australischen Bevölkerung nur vereinzelt, auch die Impfbereitschaft ist in Australien höher als hierzulande. So zeigen Umfragen, dass sich 80 Prozent der Australier gegen das Coronavirus impfen lassen wollen, in Deutschland sind das, laut einer aktuellen Studie der Universität Hamburg, nur etwa 62 Prozent.

Sorgen in Bezug auf die Impfungen wurden in Australien auch durch eine großangelegte Impfkampagne aufgefangen, so ließen sich Regierungschefs und Mitarbeiter des Gesundheitswesens vor laufenden Kameras mit den Vakzinen der Firma Biontech und Pfizer impfen. Die Impfkampagne soll dort im Oktober abgeschlossen sein.

In Deutschland hagelt es derzeit noch Kritik, da zuerst zu wenig Impfstoff geliefert und nun zu wenig verimpft würde. Zahlreiche Politiker fordern daher eine Beschleunigung im Impfprozess. In der Beschlussvorlage für die Bund-Länder-Runde heißt es, dass "ausgewählte" Arztpraxen ab kommender Woche mit Impfungen beauftragt werden können. Die Entscheidung über die Beschlüsse steht noch aus.

(jd/mit Material der afp und dpa)

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