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Analyse

Mythos Merz – Wertkonservative mussten nur ein Jahrzehnt auf ihren Messias warten

Von Singzikaden weiß man, dass sie sich nur alle 13 oder 17 Jahre paaren. Und zwar deshalb, um sich dem zweijährigen Paarungsrhytmus ihrer Fressfeinde zu entziehen. Sie ist im Grunde ein Fuchs, diese Zikade: Man sieht 13 Jahre nichts und dann – zack – taucht sie plötzlich auf. 

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Zikaden im Liebesrausch Video: YouTube/afpde

Die Zikade unter den Politikern ist Friedrich Merz. 

Friedrich, wer? Genau. Er ist wieder da. Wie aus dem Zikadennichts bringt sich der 62-Jährige unmittelbar nach Bekanntwerden von Merkels Verzicht auf den Parteivorsitz als Kandidat ins Spiel. Kaum ist der größte Fressfeind zahnlos, taucht er wieder auf. Und das ein gutes Jahrzehnt, quasi eine Zikadenlegislatur, nachdem er Ende 2004 vom Amt des stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden zurücktrat.

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Friedrich Merz 2001 beim Landesparteitags der rheinland-pfälzischen CDU in Ransbach-Baumbach. bild: imago

Der Grund für seinen Rückzug: Angela Merkel. Die hatte Merz 2002 von der Spitze der Unionsfraktion verdrängt. Nach der Bundestagswahl 2002 beanspruchte die Parteivorsitzende auch den Fraktionsvorsitz für sich, um als Oppositionsführerin gegen den damaligen Kanzler Gerhard Schröder und Rot-Grün die Macht zu konzentrieren. Der Ausgang ist bekannt: 2005 wurde Merkel Kanzlerin, Merz verabschiedete sich aus der Politik.

Doch die Sehnsucht nach Leuten wie Merz in der Union verschwand nie. Merz galt bis dato als größtes Talent seiner Partei: Wortgewaltig, wirtschaftsfreundlich und wertkonservativ. Er kämpfte für eine Bierdeckelsteuerreform und die deutsche Leitkultur. 

Seither bot die Figur Friedrich Merz Projektion für all das, was Merkel nicht sein konnte oder wollte. Und für all die, die Merkel zu progressiv waren, zu "sozialdemokratisch", zu liberal. In Merkels Kanzlerschaft fielen letztlich der Ausstieg aus der Atomkraft, die Aussetzung der Wehrpflicht oder die Flüchtlingspolitik. Mit einem wie Merz hätte es all das nicht gegeben, so die Legende. Ohne großes Zutun durch Merz selbst.

Der hielt sich all die Jahre im Grunde aus der Tagespolitik heraus, arbeitet als Anwalt und sitzt in verschiedensten Aufsichtsräten großer Konzerne. Unter anderem beim größten Vermögensverwalter "Blackrock", über den das "Handelsblatt" schreibt, es nutze das sogenannte "Cum-Cum-Modell", dubiose Deals, die Staaten um Steuereinahmen bringen.

Ende 2017, nach dem Jamaika-Aus, kritisierte Merz dann offen Angela Merkel und auch beim jüngsten Unionsstreit meldete sich Merz zu Wort. Erste strategische Lebenszeichen eines möglichen Comebacks. 

Und kaum ist Angela Merkel politische Halbwertzeit bekannt und endlich, ist auch er wieder da.

Und er ist nicht allein. Als potentielle Kandidaten für die Nachfolge Merkels (erst für den Parteivorsitz, dann sicher auch für die Kanzlerkandidatur) bringen sich auch andere in Position. Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn vertreten die unterschiedlichen Flügel der Partei. Die liberale AKK ist die Kandidatin Angela Merkels. Jens Spahn steht für ein konservatives Anti-Merkel-Lager, dass sich für eine restriktivere Flüchtlingspolitik ausspricht.

Und vor allem für Spahn könnte Merz jetzt zum Problem werden. Denn: Beide, Merz und Spahn, sind Kandidaten des wirtschaftsliberalen und wertkonservativen Flügels. 

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Wer macht es? AKK, Merz oder der Doktor? Montage: Imago/watson

Und: Wer Vorsitzender der Volkspartei CDU werden will, muss die verschiedenen Strömungen integrieren. Merz ist im Gegensatz zu Spahn im unionsinternen Flügelkampf unbelastet. Auch hat er sich deutlich gegen die AfD abgegrenzt und beispielsweise im Sommer den Ludwig-Erhard-Preis abgelehnt, weil der Vorsitzende gleichnamiger Stiftung, Roland Tichy, auf dem Blog "Tichys Einblicke" regelmäßig die Grenze zum Rechtspopulismus überschreitet.

Kommt es zur Kampfkandidatur im Dezember um den Parteivorsitz, dann sind zwei Konservative sehr wahrscheinlich einer zu viel. 

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Video: watson/Marius Notter, Johanna Rummel

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