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 26.05.2020, Berlin, Deutschland - Foto: Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitsexperte, bei einem Pressestatement vor Beginn der Fraktionssitzung. *** 26 05 2020, Berlin, Germany Photo Karl Lauterbach, SPD health expert, during a press statement before the start of the parliamentary group meeting

SPD-Politiker Karl Lauterbach erhielt Morddrohungen gegen ihn und seine Familie. Bild: www.imago-images.de / Reiner Zensen

Exklusiv

Lauterbach: Es gibt 3 Corona-Gruppen – die dritte ist die gefährlichste

Karl Lauterbach ist einer der prominentesten Köpfe der Corona-Bekämpfung. Immer wieder hat der SPD-Gesundheitsexperte in den vergangenen Wochen gefordert, die Corona-Maßnahmen zu verschärfen oder länger beizubehalten.

Für einige, wie auch FDP-Vize Wolfgang Kubicki, ist er damit zu einer streitbaren Person geworden. Für manche sogar zu einer Hassfigur. Nun hat Lauterbach Morddrohungen gegen sich und seine Familie öffentlich gemacht.

Watson hat mit Karl Lauterbach über die Drohungen, seine plötzliche Popularität als Gesicht der Corona-Krise, aber auch die Anfeindungen und Konsequenzen für ihn und Kollegen gesprochen. Außerdem wollten wir wissen, wie er das mit dem Prostitutionsverbot genau gemeint hat.

"Es ist die Hetze im Netz, die solche Drohungen möglich macht."

watson: Herr Lauterbach, Sie haben per Post Morddrohungen erhalten. Haben Sie sich von dem Schock erholt?

Karl Lauterbach: Ja, das habe ich. Es ist sehr unangenehm, so etwas zu erhalten, aber auch nicht komplett neu für mich.

Sie sind seit 15 Jahren im Bundestag. Hatten Sie auch vor der Corona-Krise schon solche Drohungen erhalten?

Ja, allerdings hat es sich in letzter Zeit gehäuft und ich habe mich dieses Mal dazu entschieden, es öffentlich zu machen, weil ich nicht alleine bin mit den Drohungen. Einige der Epidemiologen und Virologen, die hier im Rahmen der Corona-Krise mit uns zusammenarbeiten, unter anderem auch Christian Drosten, haben ähnliche Briefe bekommen. Deshalb habe ich das an den Staatsschutz und die Polizei weitergegeben. Das Thema muss diskutiert werden. Es ist die Hetze im Netz, die solche Drohungen möglich macht.

In den Schreiben wird nicht nur Ihnen gedroht, sondern auch Ihrer Familie. Macht Ihnen das Angst?

Das ist in der Tat besorgniserregend. Es ist schlimm, wenn man selbst mit dem Tod bedroht wird, aber wenn die eigene Familie in Gefahr ist, hat das eine ganz andere Qualität. Das beweist, wie skrupellos solche Menschen sind.

"Das sind die gefährlichsten. Sie wollen eine neue Bewegung nach dem Vorbild von Pegida gründen."

Hat sich im Zuge der Corona-Krise das Klima in der Debatte verschärft?

Ja, insbesondere in den letzten zwei Wochen. Das hat damit zu tun, dass sich nun radikale Bewegungen gebildet haben, die zum einen die Maßnahmen kritisieren, was legitim ist, aber sich zum anderen teilweise radikalisieren und mit Verschwörungstheorien sowie Hassparolen arbeiten. Eine dritte Gruppe nutzt die Situation aus, um im Netz Stimmung gegen die Köpfe der Corona-Bekämpfung zu machen. Das sind die gefährlichsten. Sie wollen eine neue Bewegung nach dem Vorbild von Pegida gründen.

Wen meinen Sie damit?

Man sieht bei den Drohungen gegen mich, dass es einige Menschen gibt, die wiederholt auffallen. Die wenigsten davon kenne ich persönlich, das sind auch keine prominenten Persönlichkeiten. Ich werde nun aber meine Strategie ändern und mehr dieser Drohungen zur Anzeige bringen. Bisher habe ich das selten getan, aber nach Rücksprache mit dem Bundeskriminalamt habe ich das jetzt vor.

Sie sind in den letzten Wochen zu einem der bekanntesten Gesichter der Corona-Bekämpfung geworden. Wie erleben Sie diese Popularität?

Ob meine Popularität zugenommen hat, kann ich nicht beurteilen. Aber die Rückmeldungen, die ich bekomme, sind zu 95 Prozent positiv. Viele Menschen unterstützen und begrüßen die Arbeit, die wir hier im Bundestag machen, ausdrücklich. Ich bin seit vielen Jahren eine öffentliche Person, von daher ist das nicht neu für mich. Neu ist jedoch die Härte der Anfeindungen, die ich zuletzt bekommen habe.

Trotzdem werden Sie und der Virologe Christian Drosten in der Öffentlichkeit stark mit den Corona-Maßnahmen in Verbindung gebracht. Können Sie verstehen, dass viele Menschen auch sie selbst kritisieren?

Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass sich die Kritik an meinen Prognosen und Aussagen festmacht und in der Folge auch an mir als Person. Das ist auch in Ordnung. Das ist aber keine Entschuldigung dafür, Menschen ehrabschneidend zu bedrohen und das öffentlich zu machen.

Über die Übertragungsgefahr von Corona in Bordellen

"Dafür brauchen Sie keine Studie, das sagt der gesunde Menschenverstand."

Sie waren zuletzt stark in der Kritik mit Ihrem Vorschlag, Prostitution zu verbieten, um eine Verbreitung des Virus zu unterbinden. Gibt es Zahlen, die belegen, dass Bordelle besonders gefährlich sind?

Es gibt keine Studie, die die Verbreitung des Coronavirus im Bordell oder auf dem Straßenstrich untersucht. Aber dafür brauchen Sie auch keine Studie, das sagt der gesunde Menschenverstand. Der Austausch von Körperflüssigkeiten und der enge und anonyme Kontakt bei der Prostitution erhöhen die Gefahr der Übertragung enorm. Es gibt Studien zu anderen übertragbaren Krankheiten, die belegen, dass die Gefahr einer Ansteckung in Bordellen besonders hoch ist. Warum sollte das bei Corona anders sein?

Was ist mit den Menschen, die von Prostitution leben?

Mein Vorschlag wäre, diesen Frauen die Möglichkeit zu geben, einen existenzsichernden Beruf zu erlernen und sie so lange finanziell zu unterstützen.

Dann werden diese Frauen aber auch nach Corona nicht mehr zurück in die Prostitution gehen. Ihr Ziel ist es also, die Prostitution dauerhaft abzuschaffen. Ist Corona dafür ein Deckmantel?

Es ist vollkommen richtig, dass ich der Meinung bin, dass wir die Prostitution in Deutschland verbieten sollten. Das verheimliche ich überhaupt nicht und diese Meinung habe ich auch schon vor der Corona-Krise vertreten. Die Krise ist dafür also kein Vorwand, sondern eine Gelegenheit. Wenn Prostituierte nun sowieso für längere Zeit nicht arbeiten können, wäre das der richtige Moment, das umzusetzen.

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