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FDP-Chef Christian Lindner geriet in der Thüringen-Affäre unter Druck. Das merkte man ihm auch an, sagt Rhetorik-Profi Jürgen Hall. Bild: imago images / Arnulf Hettrich

Thüringen-Affäre: Experte zeigt bei Christian Lindner auf, was viele übersahen

Die Affäre um die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen fordert erste Opfer auf Bundesebene. Am Montag hat CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer ihren Rücktritt angekündigt.

Nun werden erneut Stimmen laut, die auch bei der FDP personelle Konsequenzen fordern. Die Kritik entzündet sich vor allem an FDP-Chef Christian Lindner und seinem Umgang mit der eigenen Verantwortung an der Krise.

"Lindner versucht sich selbst und die FDP in die Rolle des Opfers zu bringen. Sie seien ja von der AfD nur ausgetrickst worden. Das ist unwürdig und peinlich", sagte SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland" am Mittwoch.

Dabei schien es, als hätte sich Lindner geschickt aus der Affäre gezogen. Er bewog Thomas Kemmerich zum Rücktritt und stellte danach im FDP-Vorstand die Vertrauensfrage, die er sehr deutlich gewann. Mittlerweile ist Lindner wieder in der Offensive. Er stellt Forderungen, etwa nach der Wahl eines Übergangsministerpräsidenten.

Doch lässt das Thüringen-Chaos Lindner tatsächlich so unberührt? Die Auftritte des FDP-Chefs inmitten der Affäre gewähren interessante Einblicke, erklärt Jürgen Hall, der den Mächtigen mit seiner besonderen Expertise als Rhetorik-Trainer beobachtet hat.

Hall hat genau hingesehen und erkannt, was viele übersahen:

"Thüringen hat Spuren bei Lindner hinterlassen"

Speziell zwei Interviews des FDP-Chefs fallen dabei auf.

Lindner im Slomka-Interview

Lindner gilt als rhetorisch brillant. "Warum Christian Lindner der beste Redner im Wahlkampf ist", titelte etwa der Stern 2017. Es gibt jede Menge Youtube-Videos, die erklären, wie man Lindners rhetorische Fähigkeiten erlernt. Doch im Interview mit Marietta Slomka zeigte der FDP-Chef Schwächen, die vielleicht nicht jedem aufgefallen sind.

Im Interview mit der "Heute Journal"-Moderatorin verteidigte Lindner am vergangenen Donnerstag die Entscheidung seines Parteikollegen Thomas Kemmerich, sich mit AfD-Stimmen zum Ministerpräsidenten wählen zu lassen, mit folgenden Worten (ab Minute 4:22):

"Jetzt können wir beide im Nachhinein analysieren, man hätte die Wahl gar nicht annehmen dürfen. Das ist immer so bei Beobachtern, danach, Stunden später, ist man viel schlauer (...). Herr Kemmerich war offensichtlich übermannt und hat spontan eine Entscheidung getroffen, die Wahl anzunehmen."

Christian Lindner

Was Rhetorik-Experte Hall dabei immer wieder auffällt:

Lindner schaut dabei mehrfach für einen kurzen Moment nach unten rechts.

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screenshot ZDF

Für Hall ein Zeichen, dass Lindner sich unwohl fühlt: "Er würde am liebsten raus aus der Szenerie. Anstatt zuzugeben, dass das Ganze ein Fehler war, versucht er sich hier rauszureden und das merkt man ihm an."

Der Rhetorik-Experte analysiert:

"Lindners gesamter Körperausdruck zeigt Hilflosigkeit"

Kein gutes Zeichen, wenn man gerade versucht, die Republik davon zu überzeugen, dass man die Situation im Griff hat.

Im ARD-Interview übt Lindner Trick 17: Er lenkt vom Thema ab

Politikern wird gerne unterstellt, sie würden lügen oder im Gespräch absichtlich den Fokus auf ein anderes Thema setzen, um abzulenken. Das hält Jürgen Hall allerdings für keine rhetorische Meisterleistung.

Denn Lügen kann bekanntlich jedes Kind: "Ab vier Jahren wird gelogen, ab acht Jahren kann einem jeder das Wort im Mund umdrehen, wenn er trainiert. Das ist keine Leistung." Trotzdem gehört es zum politischen Tagesgeschäft dazu, auch mal Dinge, die den eigenen Standpunkt gefährden könnten, wegzulassen: "Klar lügen Politiker. Wir Wähler haben das auch gerne. Wir lassen uns gerne belügen", resümiert Hall. "In so einer Situation, in der sich Christian Lindner befindet, sollte man aber aufhören zu lügen und den Fehler eingestehen.“

"An diesem Punkt hilft es nur noch, den Fehler einzugestehen und den Schaden zu begrenzen"

Das sah Christian Lindner am vergangenen Sonntag im Interview mit der ARD wohl anders. Er versuchte immer wieder, die Schuld der AfD zu thematisieren und zündete eine rhetorische Nebelkerze nach der anderen, um von der Verantwortung der FDP abzulenken.

Im Interview mit der ARD sagte er dabei wörtlich:

"Ich habe einer Fehleinschätzung der AfD unterlegen. Ich habe mir auch nicht vorstellen können, dass die AfD einen Kandidaten nur zum Schein für ein höchstes Staatsamt vorschlägt, um dann handstreichartig den Kandidaten einer anderen Partei zu wählen. Es ist die Entscheidung der Thüringer FDP. Aber im Wissen um die Verschlagenheit der AfD würde ich meinen Parteifreunden heute einen anderen Ratschlag geben."

Christian Lindner

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Bild: screenshot ard

Christian Lindner stilisiert sich hier also als Opfer einer Intrige der AfD, um davon abzulenken, dass seine Partei einen Fehler begangen hat – und er selbst genauso, indem er nicht gleich in seiner ersten Reaktion zur Wahl sagte: "Das geht nicht". Laut Jürgen Hall kein Zeichen für eine rhetorische Glanzleistung, sondern eher ein leicht zu durchschauendes Ablenkungsmanöver.

Denn wenn so viel auf dem Spiel stehe und es derart klar geworden sei, dass man einen Fehler begangen hat, so Hall, sollte man aufhören zu versuchen, den anderen vom Gegenteil zu überzeugen und beginnen, Krisen-PR zu betreiben: "An diesem Punkt hilft es nur noch, den Fehler einzugestehen und den Schaden zu begrenzen."

Fazit:

Die Thüringen-Affäre hat also ihre Spuren bei Christian Lindner hinterlassen und den Rhetorik-Profi sichtbar verunsichert.

Auch AKK hat Fehler gemacht

Trostpflaster für den FDP-Chef: Er ist (auch aus rhetorischer Sicht) nicht der einzige in der Thüringen-Affäre, der schlecht da steht. Jürgen Hall ist der Meinung, dass sich keiner der Spitzenpolitiker dort mit Ruhm bekleckert hat.

Auch an Annegret Kramp-Karrenbauer übt er Kritik: "Sie hätte nicht nach Thüringen fahren dürfen, um mit Mike Mohring zu reden, sondern hätte ihn zu sich nach Berlin bitten müssen." So habe AKK das völlig falsche Signal ausgesendet und ihre Autorität als Parteichefin weiter untergraben. Hall weiter: "Da hat der Schwanz mit dem Hund gewedelt, statt der Hund mit dem Schwanz."

(lw)

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