BERLIN, GERMANY - DECEMBER 30: Jens Spahn, Federal Minister of Health arrives to speak to the media following the launch of the Covid-19 vaccine on December 30, 2020 in Berlin, Germany. (Photo by Christian Marquardt - Pool/Getty Images)

Seit fast einem Jahr steht Jens Spahn verstärkt im Fokus der Öffentlichkeit. Bild: Getty Images Europe / Pool

Interview

Politik-Berater über Gesundheitsminister Jens Spahn: "Man hat den Eindruck, dass Spahn seine Popularität zwischenzeitlich ein bisschen zu Kopf gestiegen ist"

Man könnte sagen: Bei Jens Spahn läuft's gerade einfach nicht. Seit Tagen kommt der Gesundheitsminister kaum noch aus den negativen Schlagzeilen heraus. Erst kündigte Spahn an, dass ab 1. März in Deutschland Schnelltests zur Verfügung stünden – und musste nach einem Regierungstreffen sein Versprechen wieder zurückziehen. Weiter verhandelt über Schnelltests wird nun erst am kommenden Mittwoch bei der Konferenz der Ministerpräsidenten.

Und nun sorgte noch ein "Spiegel"-Artikel für Aufregung: Spahn fuhr im Oktober nach Leipzig und nahm an einem Abendessen mit mehr als zehn Gästen teil. Unter den damaligen Corona-Regeln war das zwar erlaubt. Doch Spahn hatte am selben Tag morgens noch im Fernsehen die Bürger zur Vorsicht ermahnt und wurde einen Tag nach dem Essen dann auch noch positiv auf Corona getestet. Spahn verteidigt seine Teilnahme am Dinner kurz vor seinem Befund.

Dass solche Fehltritte für so große Empörung sorgen, liegt wohl auch daran, dass kaum ein Politiker in der Krise so prominent geworden ist wie Jens Spahn – und so beliebt. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar für die "Bild am Sonntag" im Dezember war Spahn zu diesem Zeitpunkt der beliebteste Politiker in Deutschland.

Was genau hat Spahn mit seinem Auftreten in der Pandemie also richtig gemacht? Und warum klappt das jetzt nicht mehr? Watson hat mit dem Politik-Berater Erik Flügge darüber gesprochen, warum Spahn in der Pandemie so gut ankam, wie sich sein Auftreten in den vergangenen Monaten verändert hat und warum bei dem Gesundheitsminister gerade einiges schief zu gehen scheint.

"Jens Spahn ist ein sehr bewusster Kommunikator."

watson: Seit Beginn der Pandemie steht Spahn fast jede Woche vor der Kamera und stellt neue Zahlen und Maßnahmen vor. Wie schlägt er sich Ihrer Meinung nach dabei?

Erik Flügge: Jens Spahn ist ein sehr bewusster Kommunikator. Das zeichnet ihn schon seine gesamte politische Karriere aus und kommt ihm auch jetzt zugute. Er war immer jemand, der auf die öffentliche Wahrnehmung geachtet hat. Das tun nicht alle Politiker und Politikerinnen – manche tun sich sogar sehr schwer damit. Das ist aber bei Spahn eindeutig nicht der Fall. Er geht sehr strategisch vor.

Woran merkt man das zum Beispiel?

Man konnte zum Beispiel in den vergangenen Wochen sehen, dass Spahn angefangen hat, anders über Corona zu sprechen. Er vermenschlicht das Virus, zum Beispiel, indem er sagt: "Das Virus gibt nicht auf." Oder: "Das Virus nimmt nochmal Anlauf." Er versucht also, das Virus als eigenständiges Wesen darzustellen, das unseren Maßnahmen davonläuft und uns herausfordert. Natürlich hat das aber nichts mit der Realität zu tun. Das Virus ist ja kein strategisch handelnder Akteur.

"Indem er das Virus als aktiven Gegner darstellt, schiebt Spahn die Verantwortung von sich weg auf das Virus."

Germany's Health Minister Jens Spahn takes off his mask during a news conference on the coronavirus disease (COVID-19) pandemic in Berlin, Germany, Friday, Feb. 26, 2021. (Hannibal Hanschke/Pool via AP)

Jens Spahn ist laut Flügge ein sehr bewusster Kommunikator. Bild: ap / Hannibal Hanschke

Was genau bezweckt er dann damit?

Dass sich gerade zum Beispiel Virus-Mutationen ausbreiten, ist ja auch die Folge einer mangelhaften, gesundheitspolitischen Strategie. Damit fällt die schwierige Situation gerade also eigentlich in Spahns Verantwortungsbereich. Aber indem er das Virus als aktiven Gegner darstellt, schiebt Spahn die Verantwortung von sich weg auf das Virus. Er hat seine Kommunikation da auf jeden Fall strategisch geändert.

Also kommuniziert Spahn inzwischen anders als noch am Anfang der Pandemie?

Ja. Gerade am Anfang der Pandemie hat sich Spahn eher als Macher inszeniert, der das Ruder in der Hand hat. Das ist aber im vergangenen Herbst gekippt, würde ich sagen. Also in dem Moment, als auch die Corona-Strategie nicht mehr wirklich aufgegangen ist. Da wurde ihm klar: Wenn er sich weiter als Macher inszeniert, bleiben jetzt auch die Fehler im Umgang mit der Pandemie an ihm hängen. Deshalb versucht er jetzt eher den Fokus auf das Virus zu rücken.

Glauben Sie, dass so eine Strategie funktioniert?

Ich glaube nicht unbedingt, dass ihm diese Strategie helfen wird. Die Vermenschlichung des Virus ist zwar geschickt, hat aber auch etwas Kindliches. Eigentlich würde man ja eher kleinen Kindern Probleme auf so eine Art und Weise erklären. Und das sagt natürlich der Bevölkerung auch etwas: Er sieht uns als Kinder. Das gefällt den Leuten nicht.

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Politikberater Erik Flügge bild: ruprecht stempell

Politikberater

Erik Flügge ist Politikberater und Autor. 2012 gründete er eine eigene Beratungsgesellschaft mit, die unter anderem Strategien für Verbände, Kirchen und Parteien entwickelt. Flügge selbst war als Berater zudem selbst an verschiedenen Wahlkämpfen und Kampagnen für die SPD und die Grünen beteiligt.

Wie sieht denn eine richtig gute Krisenkommunikation eigentlich aus?

Krisenkommunikation sollte immer so funktionieren, dass man nichts vermutet und nur sagt, was man auch sicher weiß. Sie sollte zudem nicht emotionalisiert sein, sondern sich auf Sachverhalte konzentrieren. Denn dann kann man Emotionen bewusst einsetzen, um besonders dringende Situationen zu unterstreichen. Das ist das grundlegende Werkzeug.

Und beherrscht Spahn das?

Ja. Aber seine Art hat sich auch sehr verändert. Spahn ist per se eigentlich kein sachlich kommunizierender Politiker. Er hat immer eher Dinge emotional vorgetragen und skandalisiert. Als er aber das Gesundheitsministerium übernommen hat, führte seine Art dazu, dass er als unsachlich und inkompetent wahrgenommen wurde. Was ihn in der CDU groß gemacht hat, hat im Amt nicht mehr funktioniert. Und Spahn ist klug genug, sowas wahrzunehmen. Insgesamt ist er daher kurz nach Amtsantritt zu einem sachlicheren Ton übergegangen. Der hilft ihm jetzt in der Krise.

"Mein Eindruck ist, dass die gesamte deutsche Politik seit Herbst in einen Panikmodus verfallen ist."

In den vergangenen Wochen hatte man allerdings nicht das Gefühl, dass Spahn eine gute Figur abgibt. Gerade bei den Schnelltests: Erst kündigte er an, dass sie ab dem 1. März überall in Deutschland zur Verfügung stehen und musste diese Aussage dann wieder zurückziehen. Ist das nicht ein ziemlicher Patzer?

Das wirkt auf jeden Fall natürlich nicht souverän. Da besteht aber auch ein klarer Zusammenhang zwischen Sachebene und Kommunikation: Lange waren die Infektionszahlen in Deutschland niedrig. Dadurch hat sich eine Überheblichkeit eingestellt. Politik und Bevölkerung dachten, dass Deutschland besonders gut durch die Krise manövriert. Deshalb hat man sich um viele Dinge nicht richtig gekümmert.

Wie hängt das mit Spahns Auftreten zusammen?

Mein Eindruck ist, dass die gesamte deutsche Politik seit Herbst in einen Panikmodus verfallen ist. Deutschland hinkt hinterher: Während es in Österreich zum Beispiel längst Selbst-Schnelltests gibt, muss hier noch diskutiert werden. Das wirkt sich auch auf Spahn aus. Er will Tempo in die Sache bringen. Aber wenn man eben keine Zeit mehr lässt, um Entscheidungen abzusprechen, dann passieren solche Fehler wie bei seiner Ankündigung von Selbsttests. Fast ein Jahr lang hat er extrem gut kommuniziert, jetzt leistet sich solche Fehltritte. Daran merkt man, dass auch bei ihm Panik eine Rolle spielt.

"Man hat den Eindruck, dass Spahn seine Popularität zwischenzeitlich ein bisschen zu Kopf gestiegen ist."

 Jens Spahn, Bundesminister fuer Gesundheit, aufgenommen im Rahmen einer Regierungsbefragung im Deutschen Bundestag in Berlin, 24.02.2021. Berlin Deutschland *** Jens Spahn, Federal Minister of Health, recorded during a government questioning in the German Bundestag in Berlin, 24 02 2021 Berlin Germany Copyright: xFlorianxGaertner/photothek.dex

Flügge hat den Eindruck, dass Spahn seine neue Popularität etwas zu Kopf gestiegen sein könnte. Bild: imago images / Florian Gaertner/photothek.de

Also hat Spahn Angst, schlecht dazustehen?

Das ist sicherlich ein Faktor. Spahn wurde lange in der Krise von der Bevölkerung als sehr kompetent wahrgenommen. Inzwischen steht die deutsche Corona-Politik aber nicht mehr gut da. Und zudem hat man den Eindruck, dass Spahn seine Popularität zwischenzeitlich ein bisschen zu Kopf gestiegen ist. Beides hat dazu geführt, dass er weniger souverän reagiert und sich einige Patzer geleistet hat.

Woran machen Sie fest, dass ihm seine Beliebtheit zu Kopf gestiegen ist?

Spahn hat in jüngster Zeit immer wieder eine gewisse Arroganz durchscheinen lassen. Das zeigt sich zum Beispiel in seinem Verhalten beim CDU-Parteitag. Während einer Fragerunde an die Kandidaten für den CDU-Vorsitz hat er sich eingeschaltet, um eine Lobrede auf Armin Laschet zu halten, mit dem er zusammen für den Vorsitz kandidierte. Das wirkte in diesem Format ziemlich anmaßend.

Nun hat auch noch der "Spiegel" berichtet, dass Spahn im Herbst an einem Abendessen mit über zehn Leuten teilgenommen hat. Und das, obwohl er morgens noch im Fernsehen zur Vorsicht mahnte.

Wer Regeln aufstellt, sollte sich selbst in besonderer Weise an diese gebunden fühlen. Nichts schadet der Glaubwürdigkeit mehr, als etwas von anderen zu verlangen, das einzuhalten man selbst nicht bereit ist. Wer glaubt, die eigenen Regeln gelten für alle, aber nicht für einen selbst, dem ist die eigene Macht zu Kopf gestiegen.

"Schaut man auf das ganze Jahr, dann gilt: Jens Spahn ist einer der größten Gewinner der Corona-Krise."

Klingt, als wäre Spahn dabei, sich selbst in eine ziemlich blöde Situation zu manövrieren.

Gerade läuft es nicht gut für Spahn, das stimmt. Das stimmt aber nur für den Moment. Schaut man auf das ganze Jahr, dann gilt: Jens Spahn ist einer der größten Gewinner der Corona-Krise.

Warum?

Vor der Pandemie musste Spahn seine Kandidatur für den CDU-Vorsitz aufgeben, weil er keine Chance sah, sich gegen einen bekannten Politiker wie Friedrich Merz oder Armin Laschet durchzusetzen. Im Zuge der Corona-Krise hat er dann aber einen massiven Aufstieg hingelegt. Jens Spahn ist heute einer der bekanntesten und auch immer noch einer der beliebtesten Politiker in der gesamten Bundesrepublik. Wenn man eine Bilanz zieht, würde ich sagen: Spahn hat in Bezug auf seine eigene politische Zukunft und seine Popularität insgesamt stark dazu gewonnen – wenn er diese jetzt nicht weiter verspielt.

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