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200830 -- BEIJING, Aug. 30, 2020 -- The logo of TikTok is seen on a smartphone screen in Arlington, Virginia, the United States, Aug. 30, 2020. TO GO WITH Planned TikTok deal entails China s approval under revised catalogue: expert  CHINA-TECHNOLOGY-REVISED CATALOGUE-TIKTOK LiuxJie PUBLICATIONxNOTxINxCHN

Tiktok ist nach wie vor einer der beliebtesten Apps. Bild: imago images/Xinhua

Tiktok: Politische und LGBTQ-Themen verschwinden einfach

Tiktok ist wie Junk-Food fürs Gehirn. Kurze Clips, die nacheinander in der App gestartet werden und meist nicht viel aussagen. Manchmal wird Playback gesungen, manchmal ungelenk getanzt, manchmal ein Witz gerissen. Kurzum: Es geht darum, Menschen binnen weniger Sekunden maximal zu unterhalten. Jeder kann dort berühmt werden, sofern er bestimmte Kriterien erfüllt.

Manche nutzen die Plattform auch, um auf Missstände aufmerksam zu machen. So kritisierte die Tiktokerin Feroza Aziz den Umgang mit den Uiguren, der muslimischen Minderheit in China. Die Verantwortlichen der chinesischen Videoplattform fanden das gar nicht spaßig und löschten den Clip kurz darauf. Das kam nicht gut an. Ebenso wenig kam es gut an, dass Personen mit Behinderung, Übergewichtige oder Homosexuelle schlicht zensiert wurden. Tiktok versprach Veränderungen, doch wiederholt das Spiel.

Wieder mal weltweite Zensur

Noch immer verbirgt Tiktok Hashtags zu LGBTQ-Themen in mindestens acht Sprachen. Aufgedeckt wurde das von einem Forscherteam des "Australian Strategic Policy Institute (Aspi)", unter anderem berichtete "Netzpolitik.org" darüber. Das Vorgehen nennt sich Shadowbanning, was grob übersetzt verdecktes Blockieren bedeutet. Betroffene Hashtags werden also nicht gelöscht, sie werden nicht angezeigt.

Das gilt vor allem für den russischen und arabischen Sprachraum. So sollen etwa die arabischen Hashtags مثلي_الجنس# ("schwul") und المتحول جنسي# ("transgender") sowie die russischen Hashtags #гей ("schwul") und #ялесбиянка ("Ich bin lesbisch") in der Suchleiste nicht auftauchen. Außerdem werden #gei auf Estnisch und #gej auf Bosnisch zensiert.

Da die Videos aber nicht einfach gelöscht werden, bekommen Nutzerinnen und Nutzer, die Videos mit diesen Schlagworten posten, nicht mit, dass sie quasi unsichtbar sind. Damit behandelt die Plattform sie wie terroristische Organisation, Schimpfworte oder Drogen: Sucht jemand danach, erhält er eine Fehlermeldung. So heißt es, die Begriffe würden nicht verwendet. Blöd nur, dass Videos dazu auf der Plattform vorhanden sind.

Auch politische Hashtags betroffen

Tiktok konzentriert sich beim Ausblenden nicht ausschließlich auf LGBTQ-Themen. Parallel zu den Demonstrationen gegen den Mord an dem Schwarzen US-Amerikaner George Floyd, war der Hashtag #ACAB (all cops are bastards) nicht sichtbar. Es folgte Kritik und Tiktok schaltete den Hashtag wieder frei.

"Technischer Fehler, sorry", hieß es darauf. Als darauf Tausende in Kenosha demonstrierten, nachdem ein Polizist den Schwarzen Jakob Blake siebenmal in den Rücken geschossen hatte, verschwand er wieder. Laut Aspi-Forscher sei ein weiterer technischer Fehler unwahrscheinlich.

Wozu die Zensur?

Während sich Tiktok im Falle des "ACAB"-Hashtags eher zurückhält, das Warum also nicht geklärt ist, scheint es bei den LGBTQ-Themen zumindest einen Ansatz zu geben: Lokale Gesetze. In Russland gibt es etwa ein Verbot der "Propaganda für nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen". Witzig nur, dass sich Instagram wie auch Twitter nicht daran halten.

Aspi wirft Tiktok Übererfüllung vor, da es möglich wäre, die Blockade der Hashtags auf die jeweiligen Regionen mit entsprechenden Gesetzen zu beschränken. Sie gilt aber weltweit. In Deutschland sucht man die Hashtags also vergebens. Im Vergleich zu anderen sozialen Medien soll Tiktok rigoros zensieren, heißt es in der Aspi-Studie. Das spricht gegen die ständigen Beteuerungen zur Offenheit des Portals.

Zum "Pride Month" Juni feierte Tiktok etwa seine LGBTQ-Community, rief zu Spenden auf und legte unter anderem Regenbogenflaggen über die Videos. Nach außen hin ist das schön. Intern läuft die Moderation der Videos aber weiterhin nach gewohntem Muster ab. Entspricht etwas nicht den Vorstellungen der "Spaß-App", wird es eben gestrichen – oder passender: geschwärzt.

(tkr)

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