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"John Doe 3" verlor bei einem Minenunfall ein Bein. Er beziehungsweise seine Mutter ist eine der Klägerinnen. Bild: screenshot anklageschrift

Tech-Giganten werden wegen Todesfällen in kongolesischen Kobaltminen verklagt

Kongolesische Familien von getöteten und verletzten Kindern erheben schwere Vorwürfe an die Adresse von Apple, Google, Dell, Microsoft und Tesla. Die Familien behaupten, die Tech-Giganten hätten von den skandalösen Arbeitsbedingungen in kongolesischen Kobaltminen gewusst. Sie verlangen nun Schadenersatz.

Julian Wermuth / watson.ch

Um was geht's?

Dass die Rohstoffe für unsere Handys, Laptops und Elektroautos teilweise unter menschenverachtenden Arbeitsbedingungen gefördert werden, ist nichts Neues. Nun wurde aber am 15. Dezember in Washington eine Sammelklage (hier kannst du sie nachlesen) von 14 kongolesischen Familien eingereicht, vertreten werden sie durch die Menschenrechts-NGO International Rights Advocates.

Die Klage hat es in sich: Sie wirft den Unternehmen Apple, Google, Dell, Microsoft und Tesla vor, dass sie um die angeblich katastrophalen Arbeitsbedingungen in kongolesischen Kobaltminen, die Teil ihrer Lieferkette sind, gewusst hätten. In den Minen kämen Kinder teilweise zu Tode oder verletzen sich bei Unfällen. Wortwörtlich heißt es:

"Defendants Apple Inc., Alphabet, Inc. (which is the parent company of Google LLC), Dell Technologies Inc., Microsoft Inc., and Tesla Inc. are knowingly benefiting from and aiding and abetting the cruel and brutal use of young children in Democratic Republic of Congo to mine cobalt, a key component of every rechargeable lithium-ion battery used in the electronic devices these companies manufacture. The young children mining Defendants’ cobalt are not merely being forced to work full-time, extremely dangerous mining jobs at the expense their educations and futures; they are being regularly maimed and killed by tunnel collapses and other known hazards common to cobalt mining in the DRC."

Was fordern die Kläger?

Die Familien der betroffenen Kinder fordern Schadenersatz für Zwangsarbeit und weitere Entschädigungen für ungerechtfertigte Bereicherung, fahrlässige Aufsicht und vorsätzliche Zufügung von emotionaler Not.

Laut "The Guardian" sei es das erste Mal, dass einer der Tech-Giganten mit einer solchen rechtlichen Herausforderung konfrontiert wird.

Für was wird Kobalt gebraucht?

Kobalt ist ein unerlässlicher Bestandteil der wiederaufladbaren Lithium-Akkus, die in Millionen von alltäglichen Produkten verbaut sind. Die unersättliche Nachfrage nach Kobalt hat sich in den letzten fünf Jahren verdreifacht und wird sich bis Ende 2020 voraussichtlich wieder verdoppeln. Mehr als 60 Prozent des Kobalts stammt aus der Demokratischen Republik Kongo, einem der ärmsten und instabilsten Länder der Welt.

Was werfen die Kläger den Unternehmen vor?

Die Klage behauptet, dass Apple, Google, Dell, Microsoft und Tesla die Bergbauunternehmen unterstützt und begünstigt haben. Außerdem hätten sie gewusst, das die Minenbetreiber von der Arbeit von Kindern profitierten, die unter gefährlichen Bedingungen arbeiten mussten – Bedingungen, die letztendlich zu Tod und schweren Verletzungen führten.

Die Familien argumentieren mit der Behauptung, dass ihre Kinder illegal unter anderem in den Minen des Schweizer Rohstoffkonzerns Glencore gearbeitet haben. In den Gerichtsakten wird behauptet, dass Kobalt aus den Glencore-Bergwerken an Umicore, einem in Brüssel ansässigen Rohstoffhändler, verkauft wird. Dieser verkaufe das Kobalt dann weiter an Apple, Google, Tesla, Microsoft und Dell.

Andere Kläger in den Gerichtsunterlagen sagen, dass sie in Minen im Besitz von Zhejiang Huayou Cobalt gearbeitet haben. Laut der Klage beliefert das chinesische Berbauunternehmen Apple, Dell und Microsoft.

In der Klage wird ausführlich beschrieben, wie die Kinder der kongolesischen Familien durch die extreme Armut praktisch dazu gezwungen wurden, in den Minen zu arbeiten – und das zu einem Hungerlohn von zwei Dollar pro Tag und nur mit primitiven Werkzeugen in dunklen unterirdischen Tunnels.

Die Familien behaupten, dass einige ihrer Kinder bei Tunneleinbrüchen getötet wurden, während andere gelähmt oder anderweitige lebenslange Verletzungen durch Unfälle davon getragen hätten.

Welche Geschichten erzählen die Kläger?

Insgesamt treten 14 Kläger auf, wir haben drei Beispiele ausgesucht. Die Anklageschrift gibts auf Englisch hier.

Die Klägerin mit dem Decknamen "Jane Doe 1" erzählt, ihr Neffe sei als Kleinkind gezwungen gewesen, in einer Mine Arbeit zu suchen. Dies, weil die Familie sein monatliches Schulgeld von 6 Dollar nicht bezahlen konnte. Die Mine wurde von der Kamoto Copper Company betrieben, die sich im Besitz von Glencore befindet. Er arbeitete unter Tage, als der Tunnel zusammenbrach und ihn lebendig begrub. Die Leiche wurde nie geborgen.

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"John Doe 5" kann seit einem Tunneleinsturz seine Beine nicht mehr benützen. Bild: screenshot anklageschrift

"John Doe 5" arbeitete jeweils vor der Schule in einer Mine von Congo Dongfang Mining (die zu Huayou Cobalt gehört). Bei einem Minenunfall im Juli 2019 stürzte die Decke eines Tunnels ein und begrub 40 Leute. 35 starben auf der Stelle, der Rest wurde in ein nahe gelegenes Spital gebracht, wo drei weitere starben. "John Doe 5" war einer der beiden einzigen Überlebenden. Seine Beine kann er jedoch nicht mehr benützen.

Ein weiteres Kind, genannt "John Doe 1", erzählt, dass er mit neun Jahren begonnen hat, in den Minen zu arbeiten. In der Klage heißt es, dass er Anfang des Jahres als menschliches Maultier für die Kamoto Copper Company arbeitete und Taschen mit Kobaltbrocken für 0,75 Dollar pro Tag trug. Eines Tages fiel er in einen Tunnel. Nachdem er von Arbeitskollegen aus dem Tunnel geschleppt wurde, sei er alleine auf dem Boden der Minenanlage zurückgelassen worden, bis seine Eltern von dem Unfall hörten und kamen, um ihm zu helfen. Er sei jetzt von der Brust abwärts gelähmt und werde nie wieder gehen.

Was sagen die Beschuldigten?

Bisher nahmen lediglich Glencore und Microsoft Stellung zu den Anschuldigungen. Ein Glencore-Sprecher sagte gegenüber dem "Guardian" folgendes:

"Glencore nimmt die Vorwürfe zur Kenntnis, die in einer am 15. Dezember 2019 eingereichten US-Klage enthalten sind. Glencore unterstützt und respektiert die Menschenrechte in Übereinstimmung mit der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Die Kobaltproduktion von Glencore in der DRK ist ein Nebenprodukt unserer industriellen Kupferproduktion. Die Glencore-Operationen in der DRK kaufen oder verarbeiten kein handwerklich gewonnenes Erz. Glencore toleriert keine Form von Kinder-, Zwangs- oder Pflichtarbeit."

Gegenüber dem "Daily Telegraph" sagte ein Sprecher von Microsoft:

"Falls es bei einem unserer Lieferanten zu fragwürdigem Verhalten kam oder zu möglichen Verletzungen kam, werden wir den Fall untersuchen und Maßnahmen ergreifen."

Von den restlichen Beschuldigten gab es am Montagabend noch keine Reaktionen.

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