Leben
Little boy suffering from child abuse curled up on the sofa with his teddy.

Die Corona-Maßnahmen könnten für viele Kinder zu Problemen führen. Bild: Getty Images

Analyse

Wenn durch Corona-Maßnahmen die eigene Familie zur Bedrohung wird

Je mehr Zeit wir mit jemanden verbringen, desto besser lernen wir ihn kennen. Jede Marotte wird plötzlich präsent. Streit in manchen Fällen unvermeidbar. Sind wir dann noch zusammen eingesperrt, kann sich eine kleine Diskussion zum Konflikt hochschaukeln. Besonders schlimm: Aggressionen können durch die aktuellen Corona-Schutzmaßnahmen gefördert werden.

Das zeigt etwa ein Übersichtsartikel, der kürzlich im Fachmagazin "Lancet" erschien. Darin werten Psychologen eine Reihe Studien zu den Auswirkungen von Quarantänemaßnahmen aus. Die Studien fanden im Kontext von Sars, Ebola und der Schweinegrippe statt.

Das Ergebnis: Bei Erwachsenen in Quarantäne fanden sich erhöhte Raten von posttraumatischen Stresssymptomen, Vermeidungsverhalten, Langeweile, Frustration und Ärger. Das sorgt für eine gefährliche Mischung, die im schlimmsten Fall zu Gewalt führt. Die richtet sich dann gegen diejenigen, mit denen man eingesperrt ist. Und das sind häufig der Partner oder die eigenen Kinder.

Dass das keine Seltenheit ist, verdeutlichen Schätzungen aus Wuhan. Darin heißt es, dass sich die häusliche Gewalt im Laufe der Quarantäne-Maßnahmen verdreifacht haben soll.

Gewalt kann bei Quarantäne häufiger vorkommen

Nun sind die Maßnahmen in Deutschland deutlich weniger drastisch: Wir dürfen noch das Haus verlassen. Dennoch kann auch hier das Gefühl der Isolation aufkommen. Zudem sind Menschen, die gemeinsam wohnen, dazu gezwungen, aufeinander zu hocken. Zwar ist man dann nicht allein, kann sich bei Konflikten aber auch nicht aus dem Weg gehen.

Das kann problematisch werden, wie der Psychologe Hannes Zacher im Gespräch mit watson erklärt:

"Die Krise kann individuelle Probleme verstärken. Am Ende kann das zu Süchten wie Alkohol und Drogen, aber auch zu häuslicher Gewalt führen."

Laut Zacher wählen manche Menschen derlei Mittel als eine Art Bewältigungsstrategie. Leider eine sehr zerstörerische.

Besonders Kinder haben es schwer

Bernd Siggelkow, Gründer des Kinder- und Jugendwerks Die Arche, sieht das ähnlich: "Wenn Menschen in einer kleinen Wohnung eingepfercht sind und zudem zu Aggressionen neigen, können sie schon bei einer Kleinigkeit ausrasten und ihnen die Hand daraufhin ausrutschen", sagt er am Mittwoch bei "SternTV".

Richtet sich diese Gewalt gegen Kinder, schreitet das Jugendamt ein. Stellt sich die Frage, ob es in letzter Zeit häufiger eingreifen musste als üblich.

Der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft für Jugendämter, Lorenz Bahr, vermutet, dass es während der Corona-Krise zu einem Anstieg sogenannter Inobhutnahmen, also der Unterbringung beim Jugendamt, von Kindern kam.

Allerdings kommen genaue Zahlen dazu frühestens in einem Jahr, sagt er der Deutschen Presse-Agentur. "Aber wir haben schon die Wahrnehmung, dass es einen Anstieg von Inobhutnahmen im städtischen Umfeld gibt", ergänzt er.

Ein weiterer Hinweis auf die Zunahme von familiären Problemen: Beim Kinder- und Jugendhilfetelefon "Nummer gegen Kummer" nahmen die Anrufe während der Corona-Krise um 20 Prozent zu, sagte Familienministerin Franziska Giffey gegenüber "Zeit Online".

Dass es aktuell Probleme mit häuslicher Gewalt geben könnte, führt Bernd Siggelkow bei "Stern TV" auch darauf zurück, dass es kaum Hilfsangebote gebe. Viele sozialen Einrichtungen mussten schließen. Zudem wissen die Kinder häufig nicht, wen sie anrufen sollen. Entsprechend fehle der Kontakt. Er sagt in der Sendung:

"Ich verstehe nicht, warum das Jugendhilfesystem so zusammengebrochen ist."

Können Gewaltfälle verhindert werden?

Stehen Familien bereits mit dem Jugendamt oder der Arche in Kontakt, sind die Chance gut, dass jemand eingreifen kann. "Gerade dort, wo schon vor Corona hoher Unterstützungsbedarf bestand, ist besondere Aufmerksamkeit geboten", sagt Lorenz Bahr. Wird ein Hausbesuch nötig, finde er auch statt. Doch reicht das auch?

Nein, sagt eine Gruppe Hochschullehrer. In einem Appell an die Regierung schreiben sie etwa, dass aktuell Kinder nur dann aus ihren Familien geholt werden, wenn es zu kritischen Situationen kommt. Grund sei demnach, dass die zuständigen Ämter unterbesetzt seien. Zudem nutzten manche Eltern die Situation aus, um Termine beim Jugendamt oder anderen sozialen Einrichtungen nicht wahrzunehmen, heißt es weiter.

Entsprechend fordern sie, dass auch Einrichtungen wie Jugendämter, Kitas oder Schulen für die Situation entsprechend gewappnet werden. Dazu gehören etwa technische Ausrüstung wie Laptops und Smartphones zur Kontaktaufnahme, aber auch personelle Verstärkung. Ob die Regierung dem nachkommen will, hat sie bisher nicht verkündet.

Viele bekommen keine Hilfe

Schwierig ist es auch bei den Familien, die bisher noch keinen Kontakt mit dem Jugendamt oder einer Hilfsorganisation hatten. Klar, das Jugendamt schaltet sich aktuell in kritischen Situationen ein, aber dafür muss die Familie erstmal auf dessen Schirm sein.

Und das geschieht häufig nur über den Kontakt zu Dritten wie Lehrern, Nachbarn oder Verwandten. Dazu wird es aber während der Corona-Krise nur selten kommen.

Brauchst du Hilfe?

Für Kinder und Jugendliche sowie Eltern hat der Verein "Nummer gegen Kummer" zwei telefonische und kostenfreie Beratungsangebote eingerichtet:

Das Elterntelefon: 0800 111 0 550

Das Kinder- und Jugendtelefon: 0800 111 0 333 – Beratungszeiten: montags

https://www.nummergegenkummer.de/

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