Leben
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Die Quarantäne "light" geht nicht an allen spurlos vorbei. Bild: imago images / Panthermedia

Ab Tag 11 folgt der Lagerkoller: Was du jetzt dagegen tun kannst

Nach der ersten Aufregung folgt der Koller: Spätestens ab Tag 11 der Quarantäne soll sie uns zu schaffen machen. Im Gespräch mit einer Psychologin finden wir heraus, was jetzt zu tun ist.

Jara Helmi / watson.ch

Das Beste, was man tun kann, um einer Ausbreitung des Coronavirus entgegen zu wirken, ist, jetzt zu Hause zu bleiben. Das ist aber nicht unbedingt auch das Beste für unsere psychische Gesundheit. Wenn man alleine wohnt, kann man sich schnell einsam fühlen, wohnt man mit anderen zusammen, können Beziehungsprobleme aufbrechen, wenn man derart viel Zeit miteinander verbringt. Auch die allgemeine Unsicherheit schlägt vielen auf das Gemüt. Doch man muss mit seinen Problemen nicht alleine bleiben. Die Psychologin Annalisa Stefanelli hat anlässlich der Krise ein Hilfenetzwerk ins Leben gerufen. Watson hat mit ihr gesprochen.

Das sagt die Psychologin

Frau Stefanelli, wie können sich die nächsten Wochen auf unsere Psyche auswirken?

Annalisa Stefanelli: Es ist sehr vieles möglich. Je nachdem, in welcher Situation man sich befindet; ob alleine, mit einer Familie, in einer Partnerschaft. Wir können uns einsam, eingeengt, ängstlich, unsicher oder entwurzelt fühlen. Viele Sicherheiten, die wir hatten, sind nicht mehr da. Bei einigen Menschen ist dies sicher der Job, andere sehen ihre Familien nicht mehr. Es gibt niemanden, der sich nicht betroffen fühlt. Ich glaube aber trotzdem nicht, dass wir jetzt alle in ein Loch fallen.

Sondern?

Es ist auch eine Zeit, in der viele Fragen auftauchen. Zeiten von Veränderung bringen auch immer die Möglichkeit von Wachstum. Es muss nicht schlecht sein, wenn man sich gewisse Fragen stellt. Wir wollen in unseren Gesprächen den Leuten Mut machen und auch das Potenzial dieser Situation aufzeigen. Diese Zeit wird vorbeigehen und die Frage ist, was wir daraus machen, ob wir sie als Krise sehen oder als Wachstum.

Also hat es auch etwas Positives.

Viele werden jetzt Dinge überdenken und herausfinden, was ihnen wirklich wichtig ist. Sich mit Beziehungen auseinandersetzen, Lösungen suchen, etwas Neues einführen. Jemand der einsam ist, wird vielleicht merken, dass er sich nicht mehr zurückziehen will.

Zur Person

Dr. Annalisa Stefanelli ist Psychologin und Life Coach in der Schweiz. Sie beschäftigt sich mit Themen wie Persönlichkeitsentwicklung, sozialen Strukturen und Dynamiken, bewusster Erziehung und positiver Psychologie. Aufgrund der Corona-Krise hat sie die Plattform Psychologists and Coaches United gegründet, auf der konkrete Hilfe in Form von halbstündigen Gesprächen unentgeltlich angeboten wird.

Trotzdem beginnt jetzt für viele die kritische Zeit. Warum?

Die ersten zehn Tage haben wir uns mit praktischen Fragen beschäftigt: Wie unterhalte ich meine Kinder? Wie tätige ich die Einkäufe? Meistens bleibt dann keine Zeit mehr, sich mit dem eigenen emotionalen Zustand zu befassen. Wenn man sich einmal in der neuen Situation einlebt, kommen aber psychische Themen zum Vorschein. Das wird demnächst bei vielen der Fall sein.

Wie kann man sich darauf vorbereiten?

Es ist wichtig, dass man sich früh um die eigene psychische Gesundheit kümmert und nicht erst im Nachhinein. Wir haben das Glück, dass wir von den Erfahrungen von anderen Ländern lernen – wir wissen ungefähr, was auf uns zukommt. Außerdem ist es wichtig, dass wir uns regelmäßig mit jemandem austauschen und über unsere Gefühle sprechen.

Sie haben kurzerhand eine Plattform gegründet, wo man sich gratis helfen lassen kann. Warum?

Es war eine spontane Idee. Ich bin in der Nacht aufgestanden, weil mein Sohn weinte, und habe mir überlegt, welchen Beitrag ich in dieser Krise leisten kann. Mir wurde klar, dass die Leute früher oder später psychologische Unterstützung brauchen werden. Am nächsten Morgen habe ich mein Netzwerk von Psychologen und Coaches mobilisiert und innerhalb eines Wochenendes eine Webseite erstellt, in der unentgeltlich halbstündige Gespräche für alle angeboten werden.

Haben Sie schon viele Anfragen gekriegt?

Wir sind erst seit fünf Tagen online, aber die Community wächst von Tag zu Tag. Ich hatte selber auch schon einige Gespräche. Bei diesen ging es vor allem um Beziehungen. Viele Familien oder Paare müssen plötzlich Themen ansprechen, die auf Eis gelegt wurden. Jetzt ist man so nah und lange aufeinander, dass man sich damit befassen muss.

Wird von offizieller Seite her zu wenig auf die Pflege der psychischen Gesundheit in dieser Zeit aufmerksam gemacht? Braucht es hierfür auch eine Kampagne?

Das fände ich natürlich super. Man wurde ja genügend aufgeklärt, was man für die körperliche Hygiene tun kann. Es wäre nicht verkehrt, wenn sie dies auch für die psychische Hygiene täte. Es ist wichtig, zu kommunizieren, dass man nicht in die Krise fallen muss, dass es Möglichkeiten gibt, sich zu helfen. Natürlich ist die physische Gesundheit nun an erster Stelle. Aber ich wünschte mir, dass man nicht vergisst, dass diese Zeit auch andere Auswirkungen hat.

Wird sich diese Situation langfristig auf unsere Psyche auswirken?

Das ist schwierig zu sagen. Ich bin mir aber sicher, dass das ein einschneidendes Erlebnis im Leben von uns allen ist. Es gibt Leute, die werden das womöglich verdrängen, es gibt solche, die negative Konsequenzen tragen werden und es gibt andere, die gestärkt aus dem Ganzen herauskommen.

Wenn Sie es mir erlauben, würde ich Ihnen nun gerne noch Fragen von unseren Usern stellen.

Sehr gerne.

Fragen aus der Community

Ich habe Angst, weil ich eine Risikopatientin bin. Was kann ich dagegen tun?

Bei der Angst ist es wichtig, dass man sie annimmt. Im Prinzip ist Angst nichts Schlechtes, solange diese nicht unser Leben erheblich einschränkt. Wichtig ist aber, dass man diese Angst sachlich angeht. Es hilft, wenn man mit jemandem über die Angst spricht und diese beschreibt ("Wovor habe ich konkret Angst?") und in diesem Fall aufzählt, was man tut, um sich zu schützen. Kann man sich noch besser schützen, um die Angst zu mildern? Was könnte konkret helfen, damit man sich weniger ängstlich fühlt? Falls das nicht weiterhelfen sollte, empfehle ich frühzeitig ein Gespräch mit einem Therapeuten.

Wie gehe ich mit zu vielen Gedanken an meine Mitmenschen um?

Das sogenannte Overthinking kann nun viele betreffen. Wenn man sich zu sehr um seine Mitmenschen sorgt, sollte man sie anrufen und einfach mal fragen, wie es ihnen geht. Es beruhigt, wenn man von dieser Person selbst hört, dass es ihr gut geht. Wenn man zu sehr von den Gedanken eingenommen wird, hilft es, sie auf etwas anderes zu lenken: Tätigkeiten, die ein gewisses Maß an Konzentration verlangen sind hierfür super (zum Beispiel ein Buch lesen oder nach einem komplizierten Rezept kochen). Es gibt aber auch Menschen, die sich nun allgemein viele Sorgen machen und auch für Menschen leiden, die sie nicht kennen. Hier ist es wichtig, dass man sich selbst schützt, den Nachrichtenkonsum reduziert und versucht, so gut es geht, die Gedanken auf was Positives zu lenken.

Sollte ich mich schlecht fühlen, wenn ich die Zeit momentan genieße?

Im Gegenteil, es ist eben genau das, was man versuchen sollte, zu machen. Aber natürlich ohne, dass man die Situation verharmlost oder nicht ernst nimmt. Es geht auch nicht darum, dass man das Leben genießt, indem man Dinge tut, die unangebracht sind. Man kann und sollte versuchen, die Situation sehr bewusst anzunehmen und die positiven Sachen zu genießen. Was macht mich momentan glücklich? Was macht mir Spaß? Daraus kann man Energie schöpfen und psychisch fit bleiben. Man ist nicht automatisch ein schlechter Mensch, wenn man während dieser Krise versucht, das Positive zu sehen und zu genießen. Denn nur so kann man seine Positivität nutzen, um anderen Menschen zu helfen.

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Viele Menschen fühlen sich gerade einsam. Bild: imago images / Cavan Images

Diese konkreten Tipps können helfen

Damit die psychische Belastung möglichst klein gehalten werden kann, hat der Berufsverband der Psychologinnen und Psychologen Tipps veröffentlicht, die in dieser Zeit helfen können.

Hier wird geholfen

Speziell während dieser Zeit haben Fachstellen ihre Hotlines ausgebaut oder Plattformen öffentlich zugänglich gemacht. Hier eine Auswahl:

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