Leben
Knochenjob: Wenn wenigstens das Trinkgeld stimmt

Lieferando-Fahrer sehen offenbar oft nichts vom digital gegebenen Trinkgeld. Bild: imago images / Uwe Koch/Eibner-Pressefoto

Bittere Notiz von Pizzabote: Lieferando erntet Trinkgeld-Kritik – und reagiert

Die Lieferando-Männer und -Frauen füttern täglich erschöpfte Berufstätige nach Feierabend, verkaterte Feierwütige nach Partyende – kurz: alle, die gerade keine Zeit, keine Lust oder keine Nerven zum Kochen haben und denen der Weg zum Grillimbiss ihres Vertrauens zu weit ist. Dafür werden die tapferen Fahrer und Fahrerinnen nicht gerade fürstlich entlohnt und sind oft genug auf großzügiges Trinkgeld angewiesen. Dieses lässt sich bei Lieferando seit einiger Zeit bereits bequem während des Bestellvorgangs gleich mit-überweisen.

Doch anscheinend kommt das Trinkgeld gar nicht bei den Lieferanten selbst an. Das legt ein Zettel nahe, den eine Facebook-Nutzerin am Sonntag vergangene Woche geteilt hatte.

Sonja Neuhaus, Politikerin bei den Linken, postete ein Foto des Zettels, der ihrer Pizza-Lieferung beigelegen habe. Darauf steht zu lesen, dass das Trinkgeld nicht bei den Fahrerinnen und Fahrern ankomme. Stattdessen gehe es direkt an Lieferando, wird in dem Schreiben behauptet. Deshalb bitte man darum, dass Trinkgeld lieber in Bar zu geben.

Es folgte eine Welle der Empörung. Der Text wurde hundertfach geteilt.

Lieferando widerspricht

Dem wiederum widerspricht Lieferando. Watson teilte das Unternehmen mit: "Das Trinkgeld, welches unseren eigenen FahrerInnen hinterlassen wird, wird zu 100 Prozent und steuerfrei an die FahrerInnen ausgezahlt. Ebenso erhalten die FahrerInnen eine tägliche und monatliche Übersicht der eingegangenen Trinkgelder."

Auch Restaurants, die eigenes Lieferpersonal beschäftigen, erhielten die Gelder in voller Höhe und ohne Abzüge. Sie seien allerdings "selbst dafür verantwortlich, das Trinkgeld an ihr Personal weiterzuleiten". Man appelliere an die Partner, die Trinkgelder direkt weiterzugeben, wobei es diesen offenbar freigestellt ist, wie sie die Gelder unter ihren Angestellten verteilen, sprich, ob Trinkgeld komplett an die Fahrer geht, oder unter dem Personal aufgeteilt wird.

Sollten ein Restaurant dieser "ausdrücklichen Bitte" nicht entsprechen, hätten die Fahrer und Fahrerinnen die Möglichkeit, sich "jederzeit bei unserem Kundenservice melden". Der werde sich "unverzüglich" mit dem Restaurant in Verbindung setzen, so Lieferando.

Was stimmt?

Somit steht Aussage gegen Aussage. Die Politikerin relativiert ihren Post mit der Edit-Funktion inzwischen: "Zur Klarstellung: Es handelt sich um EIN Essener Restaurant, welches mir diesen Zettel mit zur Bestellung gelegt hat. Über die Hintergründe lässt sich aktuell nur mutmaßen." Es hätten sich aber einige Journalisten und Gewerkschafter der Sache angenommen – sobald es etwas Neues gäbe, werde sie das auf ihrem Profil berichten.

Der "Business Insider" berichtet, aus einem internen Mailverkehr, der dem Portal vorliege, gehe hervor, dass es spätestens seit dem 13. Juli technische Probleme mit der Trinkgeld-Anzeige gebe. Mehrere Fahrer hätten berichtet, dass die Aktualisierung teilweise nicht funktioniere, obwohl die Kunden glaubhaft versicherten, dass sie etwas überwiesen hätten. Lieferando soll das Problem bekannt sein, wie der interne Mailverkehr zeige. Eine Sprecherin habe dem Portal jedoch mitgeteilt, dass das Unternehmen davon bisher nichts wisse.

Der Lieferant eines vietnamesischen Restaurants in Berlin-Mitte wiederum erklärt gegenüber watson, dass das digitale Trinkgeld an seinen Chef gehe. Er selber bekäme nichts davon.

Wer also wirklich sicher gehen will, dass die Fahrer das Trinkgeld bekommen, muss also wohl nach wie vor zum guten, alten Bargeld greifen.

(om/pcl)

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