Quarrelling Young Couple in the Bed, Young People Lying Turned Away From Each other and Lay on Their Sides Holding Grudges and Being Offended

In jeder Beziehung gibt es Momente, wo sich die Partner nicht mehr anziehend finden. Bild: getty images

Interview

Paartherapeutin erklärt: Das kannst du tun, wenn du deinen Partner nicht mehr anziehend findest

Die Tage vergehen, Routine kommt auf, schöne Momente werden zur Gewohnheit. Für viele Beziehungen ist das ein Scheidepunkt. Der oder die Liebste löst kein Kribbeln mehr aus, es entsteht ein Taubheitsgefühl in der Magengegend. Dabei ist emotional alles gut. Das Problem ist körperlicher Natur. Sex verkommt zur Verpflichtung, fühlt sich wie Arbeit an – oder eine Runde Joggen um den immergleichen Block. Kurzum: der Partner ist nicht mehr anziehend.

Ein Grund, Schluss zu machen, ist das aber nicht. Körperliche Anziehungskraft hängt von vielen Faktoren ab, erklärt die Paartherapeutin Birgit Neumann-Bieneck. Watson fragte sie, um welche Faktoren es sich genau handelt, wie wir mit ihnen umgehen und warum auch sexueller Leistungsdruck dem Liebesleben schadet.

"Wir sind schnell dabei, den Fehler beim Anderen zu suchen. Dabei liegt er nicht selten bei einem selbst."

watson: Gerade in längeren Beziehungen kann es vorkommen, dass man seinen Partner körperlich nicht mehr anziehend findet. Woran liegt das?

Birgit Neumann-Bieneck:
Dafür kann es unterschiedliche Gründe geben. Manchmal verändern wir uns in Beziehungen körperlich, wir nehmen zu, wir nehmen ab, verändern unsere Frisur. Es war auch Trend, dass sich Männer Bärte wachsen lassen, das muss aber nicht jedem gefallen. Von Frauen hörte ich häufiger, dass sie ihren Partner darauf nicht mehr küssen wollten. Es entwickelte sich eine körperliche Distanz. Jeder Mensch darf sich individuell verändern, aber das kann sich nun mal auch auf die Beziehung auswirken.

Kann ich von diesem Gefühl, meinen Partner nicht anziehend zu finden, nicht auch überrascht werden, weil es mich quasi aus dem Nichts erwischt?

Aus dem Nichts kommt sowas selten. Oft hängt das Gefühl mit Faktoren zusammen, die wir nicht bedenken. Das kann persönlicher Stress, etwa bei der Arbeit oder im Studium sein, aber auch ein ungeklärter Konflikt mit dem Partner. Die sexuelle Anziehungskraft ist sehr fragil, reagiert entsprechend stark auf äußere Einflüsse. Es ist eher selten, dass sie grundlos verschwindet. Auch sind sexuelle Anziehungskraft und Begehren etwas, wofür ich etwas tun muss. Das eigene sexuelle Verlangen ist nicht immer gleich ausgeprägt, kann sich verändern.

Sollte man das sofort ansprechen?

Es ist glaube ich wichtig, erstmal nichts zu dramatisieren, sondern sich bewusst zu machen, dass sowas in jeder Beziehung vorkommen kann. Daraufhin kann ich reflektieren, nach Auslösern suchen. Merke ich, dass da schon einiges ist, das mich belastet, muss ich das nicht explizit mit meinem Partner oder meiner Partnerin kommunizieren. Bleibt die körperliche Nähe aus, kann ich mich austauschen. Ein vernünftiges Gespräch schafft dann wieder Nähe.

Leicht ist das aber nicht.

Deshalb sollte man behutsam vorgehen. Überspitzt zu sagen "Ich habe kein Bock auf dich" wäre da nicht der richtige Ansatz und würde nur verletzen. Man sollte vorher für sich klären, wo das Problem eigentlich liegt. Wir sind schnell dabei, den Fehler beim Anderen zu suchen. Dabei liegt er nicht selten bei einem selbst.

"Meist brauchen wir Menschen einen gewissen Leidensdruck, damit wir umdenken, vielleicht etwas verändern."

Die Frage ist aber, ob man das erkennt. Selbstreflexion fällt vielen Menschen schwer. Gibt es Wege, sie zu erlernen?

Es ist eine Übungssache. Gerade wenn ich jünger bin, beschäftige ich mehr mit anderen Dingen als mit mir selbst. Ich muss üben, gelegentlich in mich zu gehen, in mich reinzuhorchen. So kriege auch mit, was mich belastet. Es ist nicht ungewöhnlich, dass man das Reflektieren nicht in sein Leben integriert. In meiner Praxis erzählen mir auch Menschen über 50, dass es das erste Mal ist, dass sie in sich hineinhorchen.

Woran liegt das?

Es ist erstmal ein Muster, das ich erlernt habe. Ich will es nicht bewerten, es ist weder gut noch schlecht. Lösen sich meine Beziehungen aber häufiger aus ähnlichen Gründen auf, könnte ich mich fragen, ob es an einem Verhaltensmuster meinerseits liegt, etwa weil ich mich distanziere. Geht es mir mit den Trennungen nicht gut, kann ich auf Ursachensuche gehen, mich selbst hinterfragen. Meist brauchen wir Menschen einen gewissen Leidensdruck, damit wir umdenken, vielleicht etwas verändern. Gerade eine schmerzliche Trennung kann da Anstoß geben.

"Ich hörte von einer Klientin, dass ihr Partner nach jedem Sex fragte, ob er gut war. Irgendwann ging sie schon, bevor es losging, von dieser Frage aus. Das hat sie abgeturnt."

Könnte das Gefühl, abliefern zu müssen, diesen Druck nicht verstärken, damit sogar noch mehr Distanz schaffen?

Dieser Leistungsanspruch beim Sex ist immer hinderlich. Meine Klienten frage ich immer, was genau sie möchten, was sie schön finden. Nicht alles, was mit Erotik und Körperlichkeit zusammenhängt, muss letztlich auf Sex hinauslaufen. Vielleicht möchte ich eine Zeit lang einfach nur kuscheln oder gestreichelt werden, weil ich für Sex einfach keine Energie habe. Es ist wichtig, zu schauen, was mir eigentlich guttut und mit dem Partner oder der Partnerin darüber zu sprechen. Die Bedürfnisse sind schließlich nicht immer gleich. Wir müssen uns von dem Gedanken lösen, dass Sexualität immer gleich aussieht. Es ist nicht immer nur Sex, der in einem Orgasmus gipfelt.

Woher kommt denn dieser Gedanke?

Das Bild wird durch Popkultur, durch Film und Fernsehen vermittelt. Häufig hat dargestellter Sex nicht viel mit der Realität zu tun. Gerade Männer gehen davon aus, sie müssen Frauen einen Orgasmus bescheren, sie müssen die besten sein. Überlege ich mir das so, möchte ich nur ungern ein Mann sein. Läuft es nämlich nicht optimal, wird es krampfig. Dabei ist ein nicht "perfekter" Ablauf menschlich. In so einem Fall sollte man sich von einem Bewertungssystem lösen. Ein Beispiel: Ich hörte von einer Klientin, dass ihr Partner nach jedem Sex fragte, ob er gut war. Irgendwann ging sie schon bevor es losging von dieser Frage aus. Das hat sie abgeturnt.

"Wir sollten lernen, in den Spiegel zu schauen und unseren Körper zu akzeptieren, für ihn gar dankbar zu sein."

Ein wenig nachvollziehbar ist das schon. Gerade wenn man jünger ist, will man einem Bild entsprechen, das einem in Film und Fernsehen vorgelebt wird. Werden hochpotente Liebhaber gezeigt, hält man das für das Ideal.

Gerade für junge Männer ist dieser Druck ein sensibles Thema. Medial und digital bekommen wir ein Bild vorgesetzt. Im jungen Alter hat das eine große Wirkung, weshalb viele den Druck verschweigen oder aber nicht sagen, was sie eigentlich mögen. Es entsteht ein Leistungsdruck, den sie dann ins Erwachsenenleben mitnehmen.

Spielt unsere Selbstwahrnehmung dabei ebenfalls eine Rolle, etwa weil wir immer perfekt aussehen wollen?

Der Körperkult spielt bei der sexuellen Anziehung auch eine Rolle, allerdings eher bei der Selbstwahrnehmung. Manche finden sich wegen kleiner Pölsterchen unattraktiv. Andere fragen sich, ob ihr Penis zu kurz oder zu lang sei; manche wollen muskulös sein; manche wollen sehr dünn sein. Viele kriegen vermittelt, ihren eigenen Selbstwert anhand des Aussehens zu bestimmen. Das Streben nach Perfektion erzeugt ebenso Druck. Dabei sollten wir lernen, in den Spiegel zu schauen und unseren Körper zu akzeptieren, für ihn gar dankbar zu sein. Täglich leistet er uns gute Dienste, völlig unabhängig von der überperfekten Darstellung in den Medien.

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