Bild

Verzweiflung bei der Geschenke-Suche: Badeschaum für Mama - und für Papa? Gähnende Leere... Bild: Westend61 / Westend61

Meinung

Weihnachtsgeschenke für Väter: Warum die Suche jedes Jahr ein Drama ist

Weihnachten war in meiner Familie schon immer eine Riesensache. Das liegt zum einen daran, dass ich in einer großen WG aufgewachsen bin, zum anderen, weil wir alle gerne feiern und dazu gehören viel Essen und viele Geschenke! Ich mag das Geschrei, wenn die Pakete durch die Luft geschwenkt werden: "Von wem ist jetzt nochmal was?" Sich gegenseitig nichts zu schenken, ist bei uns völlig ausgeschlossen, Konsumkritik hin oder her – das gilt selbst im Corona-Jahr.

Zu meiner Weihnachtstruppe gehört die Bluts-Verwandtschaft, deren Partner, die Stiefgeschwister, die WG-Familie und die Eltern meines Mannes. Ich beschenke jedes Jahr 19 Menschen und es stresst mich nicht mal. Im Gegenteil: Meist habe ich schon Anfang Dezember alles zusammen – mit einer frappierenden Ausnahme.

"Mir fallen einfach keine Geschenke für die 'Papas' ein, besonders nicht für meinen eigenen. Ich schäme mich, es zuzugeben, aber dieses Problem habe ich jedes Jahr wieder. Das kann kein Zufall mehr sein!"

Denn während auf meinem Notiz-Zettel Lena, Ingrid und auch meine Brüder schnell abgearbeitet werden, bescheren mir vier Namen bis weit in den dritten Advent hinein Kopfzerbrechen: Andi, Dieter, Stefan und Olaf. Fällt was auf? Das sind alles Männer. Männer über 60 Jahre noch dazu. Mir fallen einfach keine Geschenke für die "Papas" ein, besonders nicht für meinen eigenen. Ich schäme mich, es zuzugeben, aber dieses Problem habe ich jedes Jahr wieder. Das kann kein Zufall mehr sein!

Liegt es an meiner Unfähigkeit, ihre Wünsche zu erraten? Oder liegt es am Geschlecht? An der Generation? Ich frage im Bekanntenkreis nach und stelle fest: Menschen mit quirligen Vätern, die zahlreiche Hobbys ausleben, kennen das Problem nicht. Aber wer ebenfalls unter dem Papa-Geschenk-Syndrom leidet – und das sind nicht wenige – hat es meist mit einem Vater wie meinem zu tun: schweigsam, genügsam, selten zu Hause.

Ich kenne seine Wünsche nicht, weil er darüber schweigt

Das macht das Schenken schwierig. Denn während die Frauen und Geschwister in meiner Familie mich an ihren täglichen Ärgernissen und Freuden teilhaben lassen ("Habe gestern die letzte PS5 ergattert!") und ich mir dabei still und heimlich eine Weihnachtsliste erstellen kann (Spiel kaufen), herrscht bei meinem Vater mysteriöses Schweigen.

"Wie war deine Woche, Papa?" – "Ach, gut."
"Hast du was Besonderes gemacht?" – "Nö."
"Wie war die Arbeit?" – "Wie immer. Ich geb' dir mal deinen Bruder."

Bei so wenigen Wörtern gibt es leider keine Zwischentöne herauszuhören, keine versteckten Botschaften. Es ist, als wäre der Alltag meines Vaters ein einziger blinder Fleck. Geht er spazieren und würde sich über eine Jacke freuen? Hört er seine alten Schallplatten noch? "Eher nicht" und "immer seltener" sind so die unbefriedigenden Antworten, die auch meine Freunde von ihren Papas kennen. Aber man kann ja mal ganz direkt fragen, was er sich wünscht, oder?

"Er hat angeblich keine Wünsche, keine Sehnsüchte oder auch nur kleine Begierden. Jedenfalls erzählt er keinem davon."

Kann man natürlich, bringt aber herzlich wenig, denn mein Väter-Exemplar "braucht nichts", "will nichts" und "weiß nicht". Er hat angeblich keine Wünsche, keine Sehnsüchte oder auch nur kleine Begierden. Jedenfalls erzählt er keinem davon. Er ist ein unkonventioneller Mann, war früher auf der umkämpften Hafenstraße in Hamburg aktiv und sieht auf alten Bildern neben meinem Baby-Ich aus wie Campino: zerrissenes Shirt, gelbe Punkerfrisur, Zigarette.

Mein Vater hat nichts übrig für Klimmbimm, Untersetzer mit launigen Sprüchen oder "männlichem" Badeschaum. Auch ein Fotokalender oder selbstgemachter Senf treiben ihm nicht dieselben Tränen der Rührung in die Augen wie der Mama. Ohne es zu beabsichtigen, ist er damit der wohl nachhaltigste Mensch, den ich kenne: Was er nicht braucht, will er auch nicht. Und ein neues Messerset zu schenken, ist schier ein Affront, denn "das alte ist doch noch gut".

Wenn er denn doch ein Neues bräuchte, würde er es sich außerdem selbst kaufen – und zwar sofort. So wird jeder Geschenke-Lichtblick zunichte gemacht, zum Beispiel wenn Papas Lederjacke kaputt geht. "Jackpot", denke ich. "Ich finde für ihn den coolsten Vintage-Ersatz. Schließlich ist Weihnachten ja schon in einer Woche, da wird er nicht mehr dazu kommen, sich selbst einen zu besorgen, oder?" Denkste! Im Gegensatz zu den anderen Familienmitgliedern behebt mein Vater Mängel gerne schnell und effizient. Daher braucht er tatsächlich nie etwas. Oder eben nur fünf Minuten lang. Und ich bin so schlau wie zuvor.

Corona macht die Geschenke-Suche noch schlimmer

Nun ist ja nicht erst seit gestern Weihnachten und in den vergangenen Jahren gab es doch immer mal wieder gute Ideen, die ich kopieren könnte. Corona hat das jedoch verkompliziert. Erstens muss man sich noch mehr beeilen, weil viele Geschenke per Post verschickt werden, zweitens fallen Theaterkarten oder ein Wochenendtrip dieses Jahr weg.

"Ich will ihm kein Verlegenheitsgeschenk kaufen. Er ist mir zu wichtig für einen gravierten Bierkrug oder das klischeetriefende Grillset."

Auch die Glücksgriffe, die man beim Bummeln in kleinen Design-Läden macht, sind durch den Lockdown unmöglich geworden. Wer online Geschenke besorgt, muss konkret im Kopf haben, was er sucht. "Google doch mal 'Geschenke für Väter'", sagen Freunde, schließlich kommt man dabei auf fast sieben Millionen Einträge – wie bezeichnend! Nur leider will ich ihm kein Verlegenheitsgeschenk kaufen. Er ist mir zu wichtig für einen gravierten Bierkrug oder das klischeetriefende Grill-Set. Sein Gesicht beim Auspacken einer solchen Fehleinschätzung will ich mir gar nicht vorstellen.

Und da sitzt das Problem. Es ist mir nicht egal, ob er sich freut. Bei meinem Schwiegervater und Stiefopa lasse ich eine langweilige Kleinigkeit durchgehen, ein warmer Schal oder ein guter Wein reichen völlig aus. Doch für meinen Papa ist mir das zu wenig. Ich will, dass er wie alle anderen an Heiligabend auch etwas zum Auspacken hat. Und ich will, dass er lächelt, wenn er das letzte Papier beiseiteschiebt, dass er am Inhalt sieht, wie gut ich ihn kenne und liebe – gerade weil Worte nicht so seins sind, scheint mir diese Geste umso wichtiger. Nur leider gibt es keine materielle Manifestation für dieses Vorhaben, solange er über sein Innenleben schweigt.

"Ich will, dass er lächelt, wenn er das letzte Papier beiseiteschiebt, dass er am Inhalt ablesen kann, wie gut ich ihn kenne und liebe."

Dieses Dilemma trieb mich zuletzt in allerniederste Sphären: Das Wühlen in seinen Privatsachen. Es lohnte sich. Ich fand auf seinem Nachttisch ein Buch, mit einem Lesezeichen auf den letzten Seiten. Es ist der erste Teil eine Trilogie. Die darauf folgenden zwei Bücher sind schon für ihn verpackt.
Ein heimliches Triumph-Gefühl durchflutete mich, als ich seinen Namen gestern von meiner Weihnachts-Liste strich. Dann der Schreck: Mitte Januar hat er ja schon Geburtstag! Und ich habe noch kein Geschenk...

Meinung

Kinder im Dauerstress: Warum die Kindheit mit dem Kita-Besuch aufhört

Ilona Böhnke ist Erzieherin in Dortmund. In ihrer 40-jährigen Laufbahn hat sie eine wichtige Beobachtung gemacht: Kinder verbringen immer mehr Zeit in Kitas, deren Alltag ist durchgetaktet. Dass Spielen nach Stundenplan und das ständige Zusammensein in der Gruppe auch Arbeit für die Kinder bedeutet, wissen viele Erwachsene nicht. Böhnke warnt nun vor möglichen Folgen.

Morgens Mathe, dann Bildungsbereich Natur bis mittags. Nach der Mittagspause Entspannung, vielleicht noch eine Runde Malen oder Singkreis und dann noch Turnen, bis es wieder nach Hause geht.

Was auf den ersten Blick wie der Alltag von mindestens einem Grundschüler wirkt, ist tatsächlich ein ganz normaler Tag für ein Klein- oder Vorschulkind in der Kita. Zeit für freies Spielen? Bleibt da eigentlich gar nicht.

Viele der Probleme, die in deutschen Kitas vorherrschen, sind zwar immer noch nicht …

Artikel lesen
Link zum Artikel