Leben
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Redakteurin Janna mit ihrer Tochter im Homeoffice. Bild: watson

Meinung

Wie mich das Coronavirus als Mutter an meine Grenzen bringt

Es ist Sonntag, die Sonne scheint, die Temperaturen sind endlich angenehm. Kein Wunder, dass im Park und dem angrenzenden Spielplatz jede Menge los ist. Ein Vater spielt mit seinem Sohn Fußball, eine Familie sitzt auf einer Decke im Gras, die Jugendlichen stehen in Gruppen beieinander, stecken die Köpfe zusammen, lachen, meine Tochter und ich buddeln etwas abseits im Sand. Alles ganz normal für ein Wochenende mit Frühlingsflair.

So zumindest sah es noch vor exakt einer Woche hier in Berlin aus. Wenn ich heute am besagten Spielplatz vorbeigehe, ebenfalls im Sonnenschein, nur bei weniger frühlingshaften Temperaturen, dann sieht es ganz anders aus. Denn zwischen dem Sonntag vor einer Woche und jetzt liegen gefühlt hunderte Verschärfungen der Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus, viele unschöne Nachrichten und Veränderungen, die das komplette Leben auf den Kopf stellen. Frau Merkel hat gesagt, die Herausforderung durch die Coronavirus-Krise sei eine historische für unsere Gesellschaft. Genau so fühlt es sich auch an.

Soziale Kontakte sollen auf ein Minimum reduziert werden. Deshalb stehen Besucher von Clubs, Bars, Theatern, Museen, Schwimmbädern oder auch Fitnessstudios vor verschlossenen Türen. Selbst alle Geschäfte, die für das tägliche Leben nicht zwingend notwendig sind, haben mittlerweile geschlossen. Schulen und Kitas ebenfalls.

Mich stellt vor allem Letzteres vor eine große Herausforderung. Denn ich bin Mutter und gleichzeitig berufstätig.

Arbeit zu haben und dieser auch nachgehen zu können, ist derzeit keine Selbstverständlichkeit

Lotte ist noch keine zwei Jahre alt, geht seit August in die Kita – und sie liebt es. Ich habe erst im Januar einen neuen Job angefangen. 32 Stunden die Woche, vier volle Tage. Und auch mein Mann, genau wie ich in den Medien tätig, hat einen Vollzeitjob. Und ja, ich weiß, dass wir damit in dieser Lage sehr privilegiert sind. Denn Arbeit zu haben und dieser auch nachgehen zu können, ist derzeit keine Selbstverständlichkeit.

Wie lange müssen wir diesen Krisenmodus bewältigen?

Aber: Die Corona-Krise stellt uns vor Herausforderungen. Vor große Herausforderungen. Und wir können, während wir versuchen, das Ganze in den Griff zu bekommen, nicht einmal sagen, wie lange wir diesen Krisenmodus noch bewältigen müssen und wie hart die Restriktionen für alle Bundesländer noch werden.

Während an jenem Sonntag vor einer Woche auf dem Spielplatz also noch unzählige Familien anzutreffen sind, die Kinder unbeschwert Sandspielzeug oder auch mal ein Stück Apfel miteinander teilen, stehen die Eltern am Rand und plaudern über ihre aktuellen Corona-Erlebnisse. Das Virus und die Lage in Deutschland sowie der Welt scheint sie einerseits zu faszinieren – man hört ein wenig Sensationslust heraus – und sie andererseits stark zu ängstigen. Vor allem Existenzängste schwingen mit.

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Nicht alle Familien in Berlin lassen sich gerade vom Coronavirus abschrecken. Möglicherweise ändert sich das bald. Bild: imago images/Frank Sorge

Denn wie sollen berufstätige Eltern noch ihren Jobs nachgehen, wenn sie ihr Kind eben nicht zur Notbetreuung in die Kita geben können? Die ist laut Berliner Senat nämlich nur Eltern vorbehalten, "die in systemrelevanten Berufen arbeiten und keine andere Möglichkeit einer Kinderbetreuung organisieren können". Aus gutem Grund. Denn ansonsten könnte man sich diese harten Maßnahmen ja auch sparen.

Ich bin nicht "systemrelevant"

In unserer Kita gibt es sehr viele Kinder, aber kein einziges Elternpaar, in dem beide Partner "systemrelevant" sind. Bedeutet: keine Notbetreuung. Ein Elternteil muss also arbeiten, womöglich in einem gerade jetzt sehr fordernden Umfeld, wahrscheinlich ohne die Möglichkeit, ins Homeoffice zu gehen, nicht selten mit erhöhtem Risiko, sich anzustecken, weil er Menschen versorgen muss. Und der oder die andere muss in diesen Fällen alles, wirklich alles, umwerfen, was sonst so gut eingeübt war.

Wir müssen unseren Jobs weiter nachgehen. Auch wenn unsere 21 Monate alte Tochter nun für mindestens fünf Wochen zu Hause bleiben muss

Ich bin nicht "systemrelevant". Mein Mann auch nicht. Dennoch müssen wir unseren Jobs weiter nachgehen. Auch wenn unsere 21 Monate alte Tochter nun für mindestens fünf Wochen zu Hause bleiben muss. Eine Möglichkeit, sie anders betreuen zu lassen, haben wir nicht. Großeltern? Nicht in der Nähe. Die einen leben knapp vier Stunden Fahrtzeit entfernt. Die anderen im komplett abgeriegelten Italien – ohnehin gerade mit ganz anderen Sorgen.

Davon mal ganz abgesehen, rät Deutschlands gerade meistgefragter Virologe Christian Drosten in seinem Podcast "Coronavirus-Update" (NDR), die Kinder besser nicht mehr zu den Großeltern zu geben. Zwar zählen Kinder nicht zur Corona-Risikogruppe und zeigen bei einer Infektion meist keine oder nur schwach ausgeprägte Symptome, aber sie können natürlich zum Überträger des Virus werden. Etwa für unsere Eltern, die zumindest keine 40 mehr sind und damit deutlich gefährdeter als Lotte oder wir.

Urlaub ist keine Option

So oder so – wir müssen die Betreuung und die Arbeit alleine organisieren. Mir wird maximale Flexibilität bei den Arbeitszeiten gewährt. Aber meine Arbeitsstunden muss und will ich dennoch vollbekommen.

Warum ich nicht einfach Urlaub nehme? Meine freien Tage sind begrenzt. Wie lange die Kita geschlossen bleiben wird, ist aber nicht klar. Fünf Wochen, heißt es jetzt. Aber ob es dabei bleibt? Da wäre ich mir nicht so sicher. Und selbst wenn, dann wären da ja immer noch die mindestens zwei Wochen Kita-Schließzeit im Sommer. Die müssen ja auch noch mit Urlaubstagen abgedeckt werden.

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Von nun an werden die Türen von vielen Kitas und Schulen nicht nur in Berlin, sondern landesweit geschlossen bleiben. Bild: imago images/Andreas Gora

Also nutze ich den letzten Tag, an dem die Kita geöffnet sein darf, erledige meine Arbeit am Montag im Homeoffice, in dem eigentlich kein Platz für ein Homeoffice ist und in dem jetzt auch mein Mann sein Homeoffice hat, und hoffe, dass mir noch irgendeine besonders gute Lösung einfällt. Eine Lösung, die mich die nächsten Wochen überstehen lässt – fernab von fehlendem Klopapier oder Nudeln. Denn das ist (noch) meine geringste Sorge.

Ich halte diese Maßnahmen für richtig und wichtig

Ein fast noch größeres Problem sehe ich in den weiteren Restriktionen, die uns vermutlich erwarten. Bayern und einige andere Regionen haben als erstes Ausgangssbeschränkungen erlassen. Nur noch aus ganz bestimmten Gründen darf das Haus verlassen werden. Ein Spaziergang im Park? Nicht mehr möglich. Was in ländlichen Regionen, wo Menschen im Haus mit Garten leben, vielleicht weniger problematisch ist, ist in einer Stadt wie Berlin eine echte Herausforderung. Hier haben etliche Wohnungen nicht mal einen Balkon. Ich habe einen Balkon, dennoch habe ich keine Ahnung, was meine Tochter darauf groß anfangen soll. Rutsche oder Sandkasten? Gibt es nicht. Und mit unserem Grill kann sie sich noch nicht beschäftigen.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich halte die in den meisten Bundesländern bislang geltenden Maßnahmen für richtig und wichtig. Das Virus muss eingedämmt werden. Da hilft es nichts, Schulen, Kitas und Bars zu schließen, die Menschen aber auf Spielplätzen und in Parks in großen Gruppen zusammenkommen zu lassen. Denn die Gefahr einer Infektion ist ja nicht gleich vom Tisch, nur weil man sich an der frischen Luft trifft.

Während eine Mutter aus meiner kleinen Eltern-Whatsapp-Gruppe beim gemeinsamen Spielplatz-Date inklusive Corona-Krisentreffen vor einer Woche noch kein Problem an einem Spielplatzbesuch sah, dachte sie bereits zwei Tage später ganz anders: Da, wo Kinder dieselbe Rutsche oder Wippe nutzen, will sie nicht mehr hin. Denn – Zitat aus der Whatsapp-Konversation: "Das Virus lauert überall". Selbst wenn sie es noch wollen würde, sie dürfte es mittlerweile ohnehin quasi in ganz Deutschland nicht mehr.

Der Fall zeigt somit noch eine Sache, die es so schwer macht, gerade einen Plan zu entwerfen: Die Rahmenbedingungen ändern sich täglich, fast stündlich. Mal abgesehen von der Gefühlslage. Wenn ich Corona-Nachrichten lese, die gerade mal eine Woche alt sind, erscheint alles noch so weit weg. Jetzt ist alles sehr nah dran.

Hamsterkäufe sind unfassbar egoistisch

Ja, das Virus ist beschissen und auch ich habe keine Lust mich anzustecken. Aber viel mehr Angst als vor Corona habe ich vor den Menschen. Denn die sorgen mit ihrer Rücksichtslosigkeit und der fehlenden Bereitschaft, einfach mal zu Hause zu bleiben, dafür, dass Ausgangssperren auch in weiten Teilen Deutschlands nicht mehr auszuschließen sind. Und genau das ist gerade für Eltern mit kleinen Kindern der absolute Super-Gau.

Als wäre das nicht schon schlimm genug, gibt es ja auch noch die Menschen, die mit ihren bekloppten Hamsterkäufen für leere Regale sorgen. Das ist nicht nur unfassbar egoistisch, sondern gefährdet vor allem die, die ohnehin schon zur Risikogruppe gehören: die Älteren und Immungeschwächten.

Im Gegensatz zu mir hat mein Kind eben keine Lust, auf Hafermilch umzusteigen

Und davon mal ganz abgesehen: Auch ich kann mir besseres vorstellen, als in meiner ohnehin in den kommenden Wochen noch begrenzteren freien Zeit auch noch von einem Supermarkt zum nächsten zu laufen, in der Hoffnung, irgendwo eine Packung Milch zu bekommen. Denn im Gegensatz zu mir hat mein Kind eben keine Lust, auf Hafermilch umzusteigen. Ich wiederum habe keine Lust, mich künftig von Babybrei zu ernähren – denn den gibt es glücklicherweise in den Geschäften nach wie vor zu genüge.

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Viele Supermärkte in Berlin sind aktuell ziemlich leergehamstert. Bild: imago images/Future Image

Mama-Blogger lästern in Corona-Krise über andere Mütter

Und wenn dann neben Arbeit und Kinderbetreuung ein bisschen Luft ist und ich durch meine Instagram-Timeline scrolle, dann nimmt das Thema Corona noch lange kein Ende. Denn dort beschweren sich zahlreiche Mama-Blogger über die Mütter, die nun darüber stöhnen, dass sie die nächsten Wochen mit ihren Kindern zu Hause verbringen müssen. Ihr Vorwurf: Diese Mütter wollen keine Zeit mit ihrem Nachwuchs verbringen. Dabei kriege ich Puls!

Denn für viele Eltern ist diese Situation verdammt nochmal existenzbedrohend. Da geht es nicht darum, keine Lust zu haben, mit dem Kind zu spielen, zu basteln, vorzulesen oder spazieren zu gehen. Es geht einzig und allein darum, dass irgendwo neben der Care-Arbeit auch noch ein anderer Job untergebracht werden muss. Am besten zeitgleich.

Natürlich verbringe ich gerne Zeit mit meiner Tochter und liebend gerne würde ich das auch fünf Wochen am Stück, 24/7 tun. Aber eben nicht, wenn ich von 24 Stunden acht am Laptop verbringen soll – und mein Mann ebenfalls.

Platz für ein Homeoffice ist hier eigentlich nicht

Während also die tollen Mama-Blogger weiterhin ihre Bambus-Leggings und Müsli-Toppings bewerben und "business as usual" betreiben, ist meine Wohnung seit Dienstag, dem ersten offiziellen Tag ohne Kita, gleichzeitig Büro, Spielplatz, Restaurant, Bar, Kino und Naherholungsgebiet. Platz für einen Großteil davon ist hier eigentlich nicht.

Seit Dienstag ist also alles anders. Genau wie auch schon am Montag alles anders war. Oder am Samstag. Oder auch am kommenden Montag wieder alles anders sein kann. Was sich allerdings nicht so schnell wieder ändern wird, ist das, was ich seit Dienstag in meinem Homeoffice erlebe. Denn das hat wenig mit entspanntem Arbeiten vom Sofa aus zu tun. Stattdessen erfüllt meist bereits spätestens um 8.30 Uhr das erste wütende Geschrei die Wohnung, weil eben nicht schon Benjamin Blümchen auf Youtube angeschaut werden darf. Und dafür, dass Mama zu Hause ist, aber dennoch keine Zeit zum Spielen hat, hat Lotte natürlich auch wenig Verständnis. Da hilft auch kein Erklären.

Da das kein Dauerzustand sein kann, hat mein Mann das Kinderzimmer mittlerweile in ein Büro umfunktioniert.

Sorry, Lotte, aber ansonsten werden wir in den kommenden Wochen erst recht wahnsinnig.

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2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Zweiundvierzig 22.03.2020 19:34
    Highlight Highlight Noch jemand der es nicht verstanden hat und in seiner Blase weiterleben will.
    Vielleicht hilft es sich vorzustellen es herrscht Krieg und es ist so wie es ist. Man kann nicht diskutieren, keine Petition schreiben, keinen #Aufschrei - es geht ums pure Überleben.
    Und plötzlich werden die Wünsche des Kindes nebensächlich. Trink es keine"Hafermilch" wird es sterben - Punkt (und es wird diese trinken wenn es richtig Durst hat - garantiert).
    Auch das Gejammer über Platz für Homeoffice - in anderen Ländern leben zwei Familien in so einer Wohnung. 2x20Tage Urlaub sind 8 Wochen danach eben unbezahlt.
    • Thorsten 22.03.2020 22:41
      Highlight Highlight Können sie eigentlich irgendetwas anderes als hier rummaulen?

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