Leben
Meistens geht es um die Suche nach einer Kita, oder darum die Kindertagesstätte kennenzulernen, den Kontakt aufzubauen. Man informiert sich über Träger, Lage und sucht so seine Informationen. Doch was viele bei ihrer Suche nicht bedenken: In die Kita zu gehen, bedeutet für den Nachwuchs eine ganze menge Stress.

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Meinung

Kinder im Dauerstress: Warum die Kindheit mit dem Kita-Besuch aufhört

ilona böhnke

Ilona Böhnke ist Erzieherin in Dortmund. In ihrer 40-jährigen Laufbahn hat sie eine wichtige Beobachtung gemacht: Kinder verbringen immer mehr Zeit in Kitas, deren Alltag ist durchgetaktet. Dass Spielen nach Stundenplan und das ständige Zusammensein in der Gruppe auch Arbeit für die Kinder bedeutet, wissen viele Erwachsene nicht. Böhnke warnt nun vor möglichen Folgen.

Morgens Mathe, dann Bildungsbereich Natur bis mittags. Nach der Mittagspause Entspannung, vielleicht noch eine Runde Malen oder Singkreis und dann noch Turnen, bis es wieder nach Hause geht.

Was auf den ersten Blick wie der Alltag von mindestens einem Grundschüler wirkt, ist tatsächlich ein ganz normaler Tag für ein Klein- oder Vorschulkind in der Kita. Zeit für freies Spielen? Bleibt da eigentlich gar nicht.

Viele der Probleme, die in deutschen Kitas vorherrschen, sind zwar immer noch nicht gelöst, aber mittlerweile zumindest bekannt: Es gibt zu wenig Personal, die Gruppen sind meist zu groß und oft mangelt es an Geld, zum Beispiel für die Ausstattung oder zusätzliche Kurse für die Kinder.

Viele Kinder erleben Zwölf-Stunden-Tage in der Kita

Für die Kolleginnen bedeutet der Arbeitsalltag oft puren Stress und es ist gut, dass mittlerweile immer häufiger über die Situation von uns Erzieherinnen berichtet wird. Doch was dabei häufig übersehen wird: Für die Kinder ist der Alltag in der Kita oft noch sehr viel härter als für uns Erwachsene. Was von Kita-Kindern jede Woche verlangt wird, wäre bei Erwachsenen verboten.

Viele Kinder haben regelmäßig Elf-Stunden-Tage. In meiner letzten Kita waren die Kinder meist von 7 bis 16 Uhr, also 9 Stunden pro Tag, da. In Großstädten wie Berlin haben Kitas sogar häufig bis 18 Uhr, vereinzelt sogar bis 21 Uhr geöffnet.

55 Stunden ist die Höchstdauer, die Eltern in Kitas buchen können. Und meiner Erfahrung nach tun es viele auch. Ich habe erlebt, wie in einer Gruppe von 25 Kindern 23 die maximal Zeit bleiben. Viele Eltern fragen auch nach mehr.

Die Zeit in der Kita besteht nicht nur aus Spaß

Es ist normal, dass beide Eltern arbeiten müssen, um die Familie über die Runden zu bringen. Alleinerziehende haben es oft noch schwerer.

Daher haben die Eltern auch oft keine andere Wahl, als den Nachwuchs für so eine lange Zeit in Betreuung zu geben. Die Kinder müssen ja versorgt sein.

Jetzt gibt es die naive Vorstellung, 55 Stunden wöchentlich in der Kita zu verbringen, ist eine reine Spaßveranstaltung. Ein wenig spielen, über den Spielplatz laufen und den Erzieherinnen beim Kaffeetrinken zuschauen.

Doch das ist leider falsch. Das Bild von der ausgelassenen Kindheit gibt es nicht mehr.

Der Tagesablauf der Kinder ist völlig durchgetaktet.

Kita in Hamburg oder Berlin: Junge ist frustriert. Hilfe bei der Kontakt-Suche, beim Basteln oder für Spiele brauchen viele Kinder.
Informationen zu Kindertagesstätte: Logo und Nutzungsbedingungen obliegt dem Träger.

Kita den ganzen Tag – das ist nicht immer Unterhaltung Bild: iStock / Getty Images Plus - StefaNikolic

Alles, was in der Kita passiert, gehört zu bestimmten Bildungsbereichen. Je nach Kita entscheiden die Eltern oder die Kinder, wie der Tag aussieht.

Soll das Kind Zahlen lernen, um besser auf den Matheunterricht vorbereitet zu sein, kommt es in den passenden Bildungsbereich. Ein wenig draußen spielen kann das Kind im Bildungsbereich Natur. Vielleicht doch lieber drinnen bewegen? Dann ab in den Bildungsbereich Turnen.

Aber was, wenn das Kind dann mal eine Pause braucht? Kein Problem. Dafür gibt es schließlich den Bildungsbereich Entspannung.

Und wenn das Kind einfach mal für sich sein will? Einfach mal allein sein? Das ist leider nicht vorgesehen. Dafür gibt es keinen Bildungsbereich.

Bis auf die Pause ist das Kind also im Dauerstress. Komplett durchgetaktet bei einer Lautstärke, die sich Nicht-Erzieherinnen nicht vorstellen können.

In der Kita herrscht Stress, Hektik und ohrenbetäubender Lärm

Die Hektik und die Geräusche, die durch eine Gruppe von 25 Kindern entstehen, ist der Grund, warum viele Kolleginnen in Teilzeit gehen oder den Job verlassen.

Für die Kinder ist das keine Option. Sie haben das jeden Tag, bis sie in die Schule kommen, wo es gleich weitergeht.

Die Vorbereitung auf die Schule ist auch mittlerweile die Hauptaufgabe in der Kita.

Die Eltern haben das Leben des Kindes oftmals bereits vorgeplant. Sie wählen die Bildungsbereiche genau aus. Nicht, dass man sein Kind in den falschen Bildungsbereich steckt und es dann Jahre später eine schlechtere Abi-Note bekommt.

Die Kinder werden daher auch ständig überwacht. Alles wird dokumentiert, der Alltag der Kinder, Verhaltensweisen und mögliche Auffälligkeiten, immer häufiger auch mit Fotos und Videos. Was kann das Kind? Was kann es noch nicht? Welche Maßnahmen hat man angewendet?

Die Kita-Kinder erleben einen ähnlichen Druck wie ihre Eltern

Für die Eltern ist das völlig normal. Sie sind es ja von ihren Jobs gewöhnt. Wenn sie da mal nicht performen, wird der Chef sich auch melden, dass man doch das "Entwicklungsfeld" mal angehen müsse.

Die Eltern wollen natürlich auch, dass es ihren Kindern mal besser geht als ihnen. Das bedeutet natürlich auch, dass die Kinder ihre Eltern, die ja schon beide feste arbeiten und alles geben, noch übertreffen müssen.

Um auf dem Weg zum besseren Leben keine Zeit zu verlieren, werden die Kinder also in der Kita bereits gefördert.

Sind es Vorschulkinder, geht es nach der Kita oft noch zur Musikschule, zur Sprachtherapie oder zum Sportverein.

Das Resultat ist, dass die Kindheit eigentlich schon mit dem Besuch der Kita aufhört. Die Vorstellung von einer Kindheit, die aus Spielen, Ausprobieren und einfach Kindsein besteht, ist mittlerweile falsch.

Leistungsdruck hat die Kita längst erreicht. Und das Schlimmste bei der Sache ist. Ich kann keine Lösung nennen. Die Eltern müssen eben arbeiten gehen. Und die Kinder müssen in den Bildungsbereichen geschult werden, da sie sonst aus der Norm fallen.

Noch wissen wir nicht, welche Konsequenzen es für die Kinder haben wird, wenn ihr Alltag von klein auf so durchgetaktet wird. Bestimmt ist es für manche von ihnen auch gut, feste Strukturen im Alltag zu haben. Wenn schon Fünfjährige allerdings lernen, dass sie immer nach Plan funktionieren müssen, um später mithalten zu können, halte ich das für höchst bedenklich. Schließlich ist die Kindheit die Zeit, in der wir unbeschwert sein sollten und dürften. Eigentlich.

Ich befürchte, bevor sich etwas ändert, wird es zunächst noch viel schlimmer werden. Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass die Kinder in Zukunft noch viel mehr Stunden in der Kita verbringen und die Eltern noch mehr arbeiten müssen.

Alles, was wir bis dahin tun können, ist, unsere Definition von Kindheit von Grund auf zu Überdenken.

Protokoll: Tobias Böhnke

Weiterlesen: Leistungsdruck in Kitas – stimmt das? Wir haben einen Kinderpsychiater gefragt

Ilona Böhnke ist seit 40 Jahren Erzieherin. Während dieser Zeit hat sie in diversen Kitas im Ruhrgebiet gearbeitet, viele davon in sogenannten Brennpunktvierteln. Texte über ihre Beobachtungen sind unter anderem bei "Focus Online", der "HuffPost" und "The European" erschienen.

Dieser Artikel wurde am 23.08.2019 das erste Mal bei uns veröffentlicht.

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14 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Dietmar Auerbach
25.08.2019 17:53registriert July 2018
Sämtliche Experten weltweit befürworten "18+18", Nubbek spricht eine klare Sprache über den katastrophalen Zustand der KITAS hierzulande. Aber die OECD meint, Kinder können schon mit 6 Monaten in die Krabbelgruppe. Nun wurde durch die "mehr KITA-Plätze"-Aktion einmal mehr der blinde Aktionismus aus der Politik sichtbar. Statt den Empfehlungen der Experten zu folgen, verschlimmert man gewisse Zustände auch noch. Am Ende produzieren solche Maßnahmen immer mehr Wochenend-Eltern. Statt mehr Zeit mit den Kids zu verbringen und Vertrauensperson zu sein, werden Kids immer früher abgeschoben.
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Olaf Bartelt
25.08.2019 21:36registriert August 2019
Sorry, das kann ich (zum Glück) aus meinen Erfahrungen hier In Berlin so überhaupt nicht bestätigen. Könnten da Evtl. übereifrige Eltern (mit) dran Schuld sein?
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Watsiene
25.08.2019 15:24registriert August 2019
Ein sehr guter Artikel, der sich mit meinen Kindheitserinnerungen deckt. Ich war ein (verwöhntes) Einzelkind und habe nur 1 Jahr unmittelbar vor der Einschulung im Kindergarten verbracht. Dort habe ich mich nie wohlgefühlt, weil ich mit der Situation, ständig mit anderen Kindern zusammen sein zu müssen, völlig überfordert war. Der einzige Rückzugsort war die Toilette auf der ich viel Zeit verbracht habe. Auch heute gibt es wohl keine wirklichen Rückzugsorte für die Kinder, was ich sehr schade finde. Und dann noch Leistungsdruck (den wir nicht mal hatten) - bereitet den Boden für Neurosen.
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Meinung

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