Leben
Bild

Bild: HBO/YouTube/Getty Images/Montage Watson

Meinung

R.I.P., "GoT": Wie die Rechtfertigungen der Serien-Macher alles nur verschlimmern

David Benioff und D.B. Weiss werden die Enttäuschung, die ihnen von "GoT"-Fans während dieser Staffel entgegen schlägt, nie abschütteln können. Was sie allerdings nicht davon abhält, lächerliche Erklärungen für ihre Entscheidungen abzugeben.

"Game of Thrones" ist ein Segen für die Serienwelt. Keine andere Serie hat es bisher geschafft, eine solche Fangemeinde aufzubauen, die nicht nur Woche für Woche – und das im Zeitalter des Bingewatching – einschaltet, sondern die darauffolgenden Tage damit verbringt, genau zu analysieren, was passiert war und noch passieren könnte. Und so gerechtfertigt die Kritik an dieser letzten Staffel hinsichtlich ihrer Logikprobleme und der schwachen Charakterentwicklung auch sein mag: Ein dickes Dankeschön ist dennoch angebracht – an George R. R. Martin, dessen Bücher der Serie als Grundlage dienen, und David Benioff und D. B. Weiss, die das Material einige Jahrzehnte später auf die kleine Leinwand übersetzten.

PASADENA, CA - JANUARY 07:  Writer George R.R. Martin and writer/executive producer David Benioff speak during the 'Game of Thrones' panel at the HBO portion of the 2011 Winter TCA press tour held at the Langham Hotel on January 7, 2011 in Pasadena, California.  (Photo by Frederick M. Brown/Getty Images)

George R. R. Martin (links) und David Benioff. Bild: Frederick M. Brown/Getty Images

Ja, Danksagungen sind sicherlich angebracht – was uns jedoch nicht dazu verpflichtet, diesem Power-Duo, das gleichzeitig als Produzenten, Autoren und Showrunner agiert, blind all das abzunehmen, was sie uns Woche um Woche präsentieren. Denn auch "Game of Thrones" blieb leider nicht vor dem Fluch bewahrt, der so viele Serien früher oder später ereilt und sie nach einigen Staffeln an Qualität verlieren lässt. Im Fall von "GoT" war dieser Punkt abzusehen: Nach Staffel 5 war Schluss mit den Buchvorlagen; die noch folgenden zwei Bände in Martins Saga lassen bereits seit acht Jahren auf sich warten.

Dass George R. R. Martins Handlungsvorlagen plötzlich fehlten, war zu spüren.

Zwar hatte der Autor den Serienmachern grobe Anhaltspunkte gegeben, wie es weitergehen sollte in Westeros, doch lag es jetzt an ihnen, sich selbst Dialoge und Strategien der Kriegsparteien auszudenken. Eine Aufgabe, an der sie in Staffel 8 gnadenlos gescheitert sind – meine nicht nur ich, sondern der Großteil von Twitter, Reddit und Co., wo sich Fans seit der Staffelpremiere über die enttäuschenden Episoden auslassen. Das Fatalste an der Katastrophe dieser Staffel ist jedoch wohl, dass die Lust- und Ideenlosigkeit von D & D nicht bloß in der Serie selbst zu spüren sind, sondern auch noch durch die "Inside the Episode"-Videos belegt werden, die nach Erscheinen der Folgen auf YouTube landen und uns einen Einblick in die Gedanken hinter dem Drehbuch gewähren sollen.

Bild

D. B. Weiss (links) und David Benioff in "Inside the Episode". Bild: HBO/Screenshot YouTube/Montage Watson

Und was an sich als nette Idee begann, sorgt jetzt Woche für Woche für nur noch mehr Fan-Wut.

Denn natürlich weiß man es als Fan zu schätzen, wenn sich die Serienwelt – gerade eine so beeindruckende – eben nicht nur auf das beschränkt, was in diesen Folgen geschieht, sondern um zusätzliches Hintergrundwissen ergänzt wird. So war "Inside the Episode" wohl ursprünglich gedacht. Was jedoch dabei herauskam, sind prinzipiell sehr schwache Rechtfertigungsversuche für genau die Szenen, die Zuschauer aufgrund ihrer gefühlten Willkür am meisten verärgerten. Und von denen haben sich binnen weniger Episoden einige angesammelt.

+++ Aufgepasst, ab jetzt geht es spoilerhaltig weiter! +++

  1. Rhaegals Tod.
  2. Jaimes gefühlskalter Abschied von Brienne und Rückkehr zu Cersei.
  3. Daenerys' plötzlicher Durst nach unschuldigem Zivilisten-Blut in Königsmund.
  4. Aryas sinnloser Trip nach Königsmund, nur um dann letztlich doch zu fliehen.

Alles Aufreger, die in den "Inside the Episode"-Videos erklärt werden. Diese "Erklärungen" fallen jedoch lächerlich aus und werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Aber der Reihe nach...

Rhaegals Tod, erklärt von David Benioff:

Bild

Bild: HBO

"Während Dany die Eiserne Flotte und Eurons Streitmacht irgendwie vergessen hat, haben sie sie nicht vergessen."

David Benioff in "Inside the episode 8x04"

Wie konnte es passieren, dass Daenerys aus luftiger Höhe eine ganze feindliche Armada nicht längst vorher entdecken konnte, bevor die auf sie feuerte und Rhaegal aus dem Himmel holte? Ganz einfach: Sie hatte diese Feinde eben vergessen. Ja, im Krieg kann das schon mal passieren, dass man völlig verpeilt, dass man ja Gegner hatte. Gegner, die die eigene Flotte schon zuvor einmal versenkt hatte, und deren absurd effektiver Überraschungsangriff Rhaegals Tod nur umso schmerzhafter, da unverdient, machten.

Jaimes Rückkehr zu Cersei, erklärt von Benioff & Weiss:

Bild

Bild: HBO

"Als er hört, was Cersei getan hat, ist das ein entscheidender Moment für ihn. Jaime muss sich der unbequemen Wahrheit stellen, wer er wirklich ist."

d. b. Weiss in "inside the episode 8x04"

"Jaime spricht davon, in den Armen der Frau zu sterben, die er liebt, und das ist [Cersei]."

david benioff in "inside the episode 8x05"

"Ich denke, er weiß, dass sie zusammengehören, dass sie gemeinsam in diese Welt gekommen sind, dass sie sie gemeinsam wieder verlassen müssen."

D. B. Weiss in "inside the episode 8x05"

Die eindrucksvollste Charakterentwicklung, die "Game of Thrones" zu bieten hatte – Jaime, der einstige Schnösel, der seiner bösen Schwester endlich abschwor und zu den "Guten" überlief –, wurde binnen weniger Szenen zunichte gemacht. Gerechtfertigt wurde das mit einer Erklärung, die zu diesem Charakter einfach nicht mehr passte – denn "wer [Jaime] wirklich ist", fühlte sich in den letzten Staffeln inzwischen völlig anders an als das, was uns in dieser letzten Folge präsentiert wurde und was D & D hier versuchen, uns glaubhaft zu machen.

Dass sich Jaime nach seinem Weg doch noch dazu entschließt, dem Glück den Rücken zu kehren, um mit der Frau zu sterben, die ihn wieder und wieder hinterging, ein Kopfgeld auf ihn aussetzte und sein Kind einem anderen Mann unterjubeln wollte, bricht jedem das Herz, der seine Veränderung bejubelte. Vor allem Briennes, die Besseres verdient hatte – im Gegensatz zu Cersei.

Daenerys' Durst nach unschuldigem Blut, erklärt von beiden:

Bild

Bild: HBO

"Es ist dieser Moment auf den Mauern von Königsmund, als sie sich [den Roten Bergfried,] das Symbol all dessen ansieht, das ihr genommen wurde, der sie zu der Entscheidung treibt, daraus etwas Persönliches zu machen."

d. b. Weiss in "inside the episode 8x05"

"Als sie sagt, 'Lass die Angst regieren', findet sie sich mit der Vorstellung ab, dass sie die Dinge vielleicht auf unangenehme Weise regeln muss, auf eine Art, die für viele Leute schrecklich enden könnte. [...] Sie hat sich für die Gewalt entschieden."

David Benioff in "inside the episode 8x05"

Krieg ist furchtbar – schön und gut, aber einen Charakter Tausende Unschuldige ermorden zu lassen, nachdem deren Friedensglocken bereits zu läuten begonnen hatten, ist nicht "persönlich", sondern grausam. Insbesondere, weil es vollkommen unnötig war. Königsmund samt seiner Armee hatte sich ergeben; es blieb lediglich Cersei im Roten Bergfried.

Die scherte sich ganz offenbar einen Dreck um ihre Untertanen, hatte sie sie doch nur in die Festung eingeladen, um sie als menschlichen Schutzschild zu benutzen – wie hätte dieser Angriff auf Zivilisten Cersei also "persönlich" treffen sollen? Insbesondere, da sich Daenerys um Cersei daraufhin gar nicht mehr zu kümmern schien. Stattdessen drehte sie zahllose feurige Runden um den Bergfried, ohne Cersei direkt aufzusuchen und so auch sicherzustellen, dass ihre Feindin #1 auch sicher starb.

Aryas sinnloser Trip nach Königsmund, erklärt von Benioff:

Bild

Bild: HBO

"Wir entschieden uns dafür, Arya aus Königsmund zu folgen und den Untergang der Stadt durch ihre Augen mitanzusehen. [...] Man fühlt einfach viel mehr mit, wenn man einem Charakter zusieht, der einem am Herzen liegt."

david benioff in "inside the episode 8x05"

Und da haben wir es: Ein Zitat, das die gesamte bisherige Staffel auf den Punkt bringt. Wohingegen schon "Dany hat die Feinde vergessen" eine faule Ausrede dafür war, dass eben dringend Spannung benötigt wurde, die auf Teufel komm raus provoziert werden musste, steht dieses Zitat zu Aryas Gegenwart in Königsmund symbolisch für das größte Problem dieser Staffel:

D & D wollen Gefühle in uns hervorrufen – koste es, was es wolle.

So kommt es, dass Arya erst die wochenlange (!), plötzlich sehr kurz wirkende Reise nach Königsmund auf sich nimmt, um dann in letzter Sekunde doch durch die Schlacht hinweg nach Hause geschickt zu werden; dass alles daran gesetzt wird, dass einer von Daenerys' Drachen unbedingt aus dem Himmel geholt werden soll; dass Daenerys unprovoziert Zivilisten ermordet. Keiner dieser Schockmomente, keine dieser zusammenhangslosen Charakterentscheidungen fühlt sich natürlich an. Genau darin besteht der große Unterschied zu den vergangenen Staffeln: So schlimm so mancher Twist auch war – er wirkte nie unprovoziert und unverdient. Und da hilft auch keine Erklärung der Autoren.

"Inside the Episode" zu Folge 5 gibt's hier:

Und hier wartet noch Lesestoff:

Game of Thrones: Die emotionalsten Momente der 8. Staffel

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Kinder im Dauerstress: Warum die Kindheit mit dem Kita-Besuch aufhört

Ilona Böhnke ist Erzieherin in Dortmund. In ihrer 40-jährigen Laufbahn hat sie eine wichtige Beobachtung gemacht: Kinder verbringen immer mehr Zeit in Kitas, deren Alltag ist durchgetaktet. Dass Spielen nach Stundenplan und das ständige Zusammensein in der Gruppe auch Arbeit für die Kinder bedeutet, wissen viele Erwachsene nicht. Böhnke warnt nun vor möglichen Folgen.

Morgens Mathe, dann Bildungsbereich Natur bis mittags. Nach der Mittagspause Entspannung, vielleicht noch eine Runde Malen oder Singkreis und dann noch Turnen, bis es wieder nach Hause geht.

Was auf den ersten Blick wie der Alltag von mindestens einem Grundschüler wirkt, ist tatsächlich ein ganz normaler Tag für ein Klein- oder Vorschulkind in der Kita. Zeit für freies Spielen? Bleibt da eigentlich gar nicht.

Viele der Probleme, die in deutschen Kitas vorherrschen, sind zwar immer noch nicht …

Artikel lesen
Link zum Artikel