Leben
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Wie unverzichtbar Pflegerinnen für die Gesellschaft ist, merken wir nun in der Corona-Krise. (Symbolbild) Bild: Getty

Meinung

Warum Frauen die wahren Heldinnen in der Corona-Krise sind

Wir stehen auf den Balkonen und applaudieren für sie: Die vielen Menschen, die während der Corona-Krise in Krankenhäusern und Supermärkten harte Arbeit leisten. Und erst jetzt wird uns bewusst: Es sind vorrangig Frauen in schlecht bezahlten Jobs, die nun zu Heldinnen der Krise werden.

Die Mutter meiner besten Freundin war Krankenschwester. Seit ich mich erinnern kann, hat sie im Nachtdienst gearbeitet und so allein die dreiköpfige Familie ernährt – ihr Mann war arbeitslos und hat sich mehr schlecht als recht um den Haushalt gekümmert.

Als meine Freundin noch klein war, hat ihre Mutter sie nachts manchmal mit ins Krankenhaus nehmen müssen, um sich neben ihrer Arbeit noch um das Kind zu kümmern. Meine Freundin durfte dann im Schwesternzimmer schlafen, ihre Mutter hat den Schlaf erst tagsüber nachgeholt. Trotzdem kann ich mich nicht erinnern, sie jemals müde oder schlecht gelaunt gesehen zu haben.

Die Mutter meiner Freundin liebte ihren Beruf und ihre Patienten – trotz der Stunden, der Nachtschichten, des niedrigen Gehalts. Wie sie finanziell über die Runden gekommen sind, verstehe ich bis heute nicht.

Kurz nachdem die Mutter in Rente gekommen war, starb sie. Dass die Menschen nun, während der Corona-Krise, auf den Balkonen stehen und für Menschen wie sie applaudieren, bekommt sie nicht mehr mit.

Wir applaudieren für die Heldinnen der Corona-Krise – endlich

Die Anerkennung für Alltags-Helden, oder häufig eher Heldinnen, kommt spät – und gleichzeitig genau richtig. Während manche Krankenhäuser angesichts der zahlreichen Covid-19-Patienten an ihre Grenzen zu stoßen drohen, während die meisten Menschen sich nur vor die Türe trauen, um in den Supermarkt zu gehen, wo das meist weibliche Kassenpersonal sich hinter Glasscheiben verschanzt, sind es die sogenannten systemrelevanten Berufe, die den ganzen Laden hier am Laufen halten.

Also Berufe wie Pfleger oder Verkäufer, die relevant sind für ein System, das ihnen jahrzehntelang keine Anerkennung geboten hat. Die häufig unter prekären Bedingungen arbeiten, mit vielen Überstunden und wenig Lohn. Und: Die meist von Frauen besetzt sind.

Laut der Bundesagentur für Arbeit sind fast 73 Prozent des Personals in Lebensmittelläden weiblich. In Krankenhäusern sind es sogar 76 Prozent. Dass die vergleichsweise wenigen Männer in diesen Berufen eine genauso harte und mit Risiken verbundene Arbeit leisten wie die Frauen, ist klar. Was aber während der Corona-Krise noch einmal deutlich wird, ist folgende Tatsache:

Menschen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, bilden die Säulen der Gesellschaft. Und die Säulen sind meist weiblich.

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Bild: https://de.statista.com/infografik/21148/anteil-der-sozialversicherungspflichtig-beschaeftigten-nach-wirtschaftszweigen/

Pflegerinnen, Kassiererinnen, Erzieherinnen schienen lange Zeit unsichtbar

Dass Berufe wie Pfleger, Kassierer oder Erzieher jahrelang übersehen worden sind, ist kein Geheimnis. Vor allem die Care-Berufe, in denen die Pflege und Betreuung anderer Menschen im Fokus steht, wurden viel zu lange als Randerscheinungen behandelt.

Die Last der hohen Belastung und niedrigen Bezahlung haben die Menschen in diesen Berufen schon lange getragen. Die Quittung dafür, dass wir nicht schon früher in sie investiert haben, bekommen wir jetzt, in der Corona-Krise: Denn das Virus ist nicht nur eine gesundheitliche Gefahr. Es deckt Lücken auf in einem System, das schon seit langem marode ist. Die Strukturen, die nur noch lose zusammengehalten werden konnten, werden nun genauso infiziert, wie zahlreiche Menschen in diesem Land.

Vom Balkon aus unseren Helden zujubelnd beobachten wir nun, was Personalmangel in der Gesundheitsbranche wirklich bedeutet. Oder spüren, wie bequem die Möglichkeit ist, einfach Homeoffice zu machen. Während andere Menschen die Versäumnisse der letzten Jahre nun in den Kliniken am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Traditionelle "Frauenberufe" sind meist schlechter bezahlt

Dass diese Menschen meist weiblich sind, sind quasi Relikte aus einer Zeit, in der Frauen vorrangig die Qualitäten zugesprochen worden sind, sich besonders gut um andere Menschen zu kümmern, Kinder großzuziehen, Ältere zu versorgen. Oder auch Ware besonders hübsch präsentieren und dem Kunden ein freundliches Lächeln schenken zu können. Was alles lobenswerte Qualitäten sind, keine Frage. Aber sie sind eben "nur" weiblich, so schien das die Gesellschaft lange Zeit negativ zu bewerten – und tut es bisweilen auch heute noch so.

In der Sendung "Hart aber fair" vom Montag sagte auch der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Heinrich Bedford-Strohm, dass diese "weiblichen" Berufe oftmals nicht so anerkannt werden. Denn früher war der Mann der Hauptverdiener, und die Frau hat etwas dazu verdient: "Deswegen sind die ja so schlecht bezahlt, weil das traditionelle Frauenberufe sind", sagte Bedford-Strohm in Bezug auf systemrelevante Berufe.

Es sind also traditionell weibliche Tätigkeiten, gekoppelt an die traditionell niedrigere gesellschaftliche Stellung der Frau, die dazu beitragen, das systemrelevante Berufe weniger Wertschätzung erleben. Und dennoch sind es jetzt die Frauen in diesen Berufen, die uns jetzt durch die Krise bringen.

Die Wertschätzung ist nun da – wir müssen alles dafür tun, dass sie bleibt

Dass wir erkennen, auf welche Berufsgruppen es in Zeiten der Krise wirklich ankommt, ist ein großer Gewinn. Viele Menschen bedanken sich nun bei den Pflegerinnen, die die Kranken versorgen oder den Verkäuferinnen, die etwas Normalität in unseren Alltag bringen. Frauen, die sich einer Ansteckung mit dem Virus stärker aussetzen als viele andere. Es ist richtig und wichtig, dass wir diese Menschen, die oftmals Frauen sind, sehen und ihnen Danke sagen.

Noch wichtiger ist es, dass diese Wertschätzung, die wir ihnen entgegenbringen, auch nach der Krise noch bleibt – denn obwohl die Zeiten gerade düster sind, es wird ein Danach geben. Und in diesem Danach müssen wir uns daran erinnern, was diese Menschen, diese Frauen, täglich geleistet haben.

Auch Bedford-Strohm sagte:

"Wir applaudieren auf den Balkonen, das ist auch gut, ich applaudiere mit. Aber entscheidend wird sein, ob wir auch danach an diesen Applaus erinnern."

Ich möchte auch applaudieren für die Frauen, die sich nun täglich einsetzen. Ich möchte aber noch viel lieber applaudieren für eine Gesellschaft, die sich in Zukunft für eine höhere Wertschätzung von Pflegerinnen, Kassiererinnen oder Erzieherinnen einsetzt. Die diese Berufe von dem altbackenen Image löst, "nur" weiblich zu sein, in einem negativen Sinne. Sondern Qualitäten, sich um andere Menschen kümmern zu können, unter noch so widrigen Umständen, feiert.

Dafür will auch ich mich aus meinem Fenster lehnen und applaudieren.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Hansi Daurippel 28.03.2020 13:50
    Highlight Highlight Ich stimme Ihnem Kommentar zu, aber was ist eigentlich mit den Arbeitern, überwiegend männlich, in den Logistikzentren der Supermarktketten die jetzt mit viel Überstunden dafür sorgen das die Regale voll bleiben? Für die klatscht keiner. Das sind meistens Leiharbeiter die das für den Mindestlohn machen. Auch da ist die Ansteckungsgefahr groß und viele werden, wenn sich die Lage entspannt vor die Tür gesetzt.

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