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Der Lockdown mit Kind war für unsere Autorn alles andere als erholsam. Bild: Moment RF / Petri Oeschger

watson-Kolumne

Rückblick einer Mutter auf ihr persönliches Höllenjahr 2020: "Ich duschte nur noch, wenn es wirklich nötig war"

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter

Wenn ich gleich einen Blick auf mein persönliches Höllenjahr 2020 werfe, muss eines klar sein: Nur weil es anderen schlechter geht als mir, heißt das nicht, dass ich nicht jammern, mich beschweren oder leiden darf. Wenn ich mich beschissen fühle, darf ich das empfinden, auch wenn ein anderer Mensch gerade ein Familienmitglied verloren hat, seinen Laden für immer schließen muss oder mit psychischen Problemen kämpft. Als ständig geforderte und häufig überforderte Mutter sehe ich es inzwischen als wichtig, meinen negativen Emotionen Ausdruck zu verleihen.

Erstens befreit es von zu großer Frustansammlung, zweitens findet man dadurch Verbündete und drittens kann sich nur so etwas ändern.

Also direkt rein in die Wunde, den Lockdown Anfang des Jahres 2020. Es dauerte ein paar Tage, bis ich richtig begriff, was los war. Mein damals zweieinhalbjähriger Sohn und ich, täglich von morgens bis abends, ab sofort Standard – und zwar Open End. Mein Mann arbeitete außer Haus, noch mehr als sonst. Wären es sechs Wochen angekündigte Kindergartenferien gewesen, hätte ich mich irgendwie darauf eingestellt. Als jedoch nach den ersten Wochen Mutter-Kind-Staycation noch immer niemand wusste, wie lange Kinderbetreuungen geschlossen bleiben würden und soziale Kontakte verboten wären, bekam ich Panik.

"Noch nie habe ich so oft auf die Uhr geschaut. Abend für Abend fieberte ich dem Nachhausekommen meines Mannes entgegen."

Zwei Jahre dauere eine Pandemie, las ich. Anfangs bummelten wir noch durch den Tag, mal ohne Zeitdruck, ganz nett, doch ziemlich schnell kapitulierte ich. Wir hatten jeden Programmpunkt durch, der mit einem Zweieinhalbjährigen hätte möglich sein können (und oft nicht war), wir hatten im besten Fall 30 Minuten Vorlesen hinter uns, im allerbesten Fall zwei Spielzeuge bespielt, das täglich wiederkehrende Rollenspiel durchlaufen, den Sandkasten umgegraben und ein gescheitertes Kreativprojekt versucht. Ich hatte ihn durch den Garten gejagt, gemeinsames Kochen auf mich genommen, mit ihm zu Mittagessen gegessen, ihm immer wieder die Netflix Kids-Zeit verlängert, sodass am Ende fast wieder eine Stunde zusammenkam und trotzdem war es erst 15.10 Uhr.

Noch nie habe ich so oft auf die Uhr geschaut. Abend für Abend fieberte ich dem Nachhausekommen meines Mannes entgegen. Das Quietschen des Gartentors war der erlösende Moment, in dem die Alleinunterhalter-Rolle von mir abfiel.

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Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonungslos ehrlich. Bild: Emmy Lupin Studio

Unsere Autorin...

... wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

Ich las von Müttern, die auf einen minutengenau durchgetakteten Tagesplan in Schriftform schwörten. Also versuchte ich das und zwang mich, eineinhalb Stunden Outdoor-Aktivität nicht doch zu verkürzen, weil mich die ewige Gartenarbeit-Imitation meines Sohnes, bei der ich ihm enthusiastisch zur Hand gehen sollte, derart anödete. Geistige Langeweile, andauernd. Ich langweilte mich als erwachsener Mensch, der wochenlang ausschließlich auf Kleinkind-Niveau agiert und sich mit einem solchen unterhält. Wie soll das funktionieren?

Auszeiten gab es wirklich keine

Das Smartphone war mein einziger Lichtblick, das Tor zur Außenwelt. Der Austausch mit Freunden und Familie oder zumindest das Verfolgen erwachsener Themen auf Medienseiten oder sozialen Plattformen hielten mich über Wasser. Manchmal schickte ich das Kind mit nur einer Apfelschale zum Kompost, um zwei Minuten durch Instagram zu scrollen oder zumindest ein Fünftel der Sprachnachricht einer Freundin abzuhören. Längere Telefonate waren kaum möglich, da er sie lautstark behinderte, nach dem Handy griff oder meine geringe Aufmerksamkeit ausnutzte, um die Küche unter Wasser zu setzen.

Ähnlich war es mit Arbeiten. Ich hatte meine Selbstständigkeit auf ein Minimum reduziert, das Nötigste erledigte ich abends. Völlig erschöpft musste ich kreativ sein, eine Unmöglichkeit, wenn tagsüber kein inspirierender Input erfolgt. Denn Auszeiten gab es wirklich keine. Er war noch nicht in der Lage, alleine zu spielen oder einem Hörspiel zu lauschen und dazu machten die Entwicklungsphasen dieses Kindes leider keine Corona-Pause.

Tägliche Kämpfe, emotionale Ausraster und schlaflose Nächte waren Lockdown-Alltag. Erziehungsarbeit, soziale Interaktion, Aufgaben, die ihn forderten und förderten? Phasenweise war das pädagogisch Wertvollste, das ich leisten konnte, dem Bedürfnis, mich ins Auto zu setzen und wegzufahren, nicht nachzugeben.

In der gesamten Zeit durchlief ich sämtliche Emotionen. Ich regte mich darüber auf, dass Corona mal wieder die Frauen am härtesten traf. Dass Eltern die Kinder zu Hause betreuen, nebenbei im Homeoffice arbeiteten und Homeschooling betreiben sollten. Aber für mehr als ein Like der #CoronaEltern-Posts, dem Beitritt der Eltern in der Krise-Initiative und dem Lesen einiger Artikel zum Thema fehlte mir die Energie. Das bisschen, das übrig war, investierte ich in Tiraden gegen meinen Mann, dem ich abends klarmachte, dass ich diese Ausnahmesituation nicht viel länger ertragen würde.

"Ich plante keine außergewöhnlichen Programmpunkte mehr, sondern zielte lediglich darauf ab, dass wir beide unbeschadet durch den Tag kamen."

Und dann wurde ich immer gleichgültiger. Ich duschte nur noch, wenn es wirklich nötig war, zog tagelang das gleiche Bequem-Outfit an. Ich las, dass mehr als zehn Minuten Medienzeit das Gehirn eines unter Dreijährigen überfordern und sogar die Entwicklung beeinträchtigen würde und ließ ihn trotzdem mehr als je zuvor glotzen.

Ich ging das Risiko ein, dass mein Sohn davon ausgehen könnte, das Smartphone sei mit meiner Hand verwachsen. Ich plante keine außergewöhnlichen Programmpunkte mehr, sondern zielte lediglich darauf ab, dass wir beide unbeschadet durch den Tag kamen. Ich versuchte durchzuhalten, bis das Gartentor quietschte.

Die Isolation hatte uns zurückgeworfen

Und dann war es irgendwann Juni und die Tagesmutter schrieb, es ginge wieder los. Wir konnten endlich wieder Oma und Opa treffen, Freunde, Familie. Doch was war passiert? Mein Sohn hatte sich in den zweieinhalb Monaten intensivem Beisammensein wieder komplett auf mich fokussiert. Ich war so froh gewesen, dass wir es zuvor geschafft hatten, dass dieses extrem anhängliche Kind bei der Tagesmutter blieb, das erste Wochenende alleine bei Oma übernachtete und so langsam weitere Bezugspersonen akzeptierte. Die Isolation hatte uns zurückgeworfen, die Umstellung war hart.

Als ich den ersten Vormittag alleine zu Hause verbrachte und meinen Laptop zum Arbeiten öffnete, war das der vielleicht schönste Tag des Jahres. Vier Stunden nur für mich, in denen ich ohne Unterbrechung einer Erwachsenen-Aufgabe nachgehen konnte, die ich selbst gewählt hatte.

"Vorhänge zu, Musik extrem laut aufdrehen und wie verrückt tanzen. Solange, bis Verzweiflung, Frust und Wut einigermaßen abgeklungen sind."

Im Spätsommer kam der fast Dreijährige in den Waldkindergarten. Ich hatte vorab schon die Jahresplanung bekommen. Zwei Drittel des Programms waren inzwischen hinfällig. Kein regelmäßiger Singkreis, kein Laternenfest mit den Familien, keine Waldweihnacht, keine Ausflüge zu tollen Einrichtungen, keine Projektwoche Hund, kein Treffen mit anderen Kindergartengruppen. Das alles ist kein Untergang, aber ich bedauere es. Weil dieses Kleinkind auf wertvolle Erfahrungen, Erlebnisse und Traditionen verzichten muss, die ihn prägen.

Ich stelle mich schon psychisch darauf ein, dass der zweite Lockdown am 10. Januar 2021 nicht enden wird. Dieses Mal könnte es nicht ganz so schlimm für mich werden, weil ich vorgewarnt bin. Und weil ich jetzt eine Sache weiß, die in den dunkelsten Momenten geholfen hat: Vorhänge zu, Musik extrem laut aufdrehen und wie verrückt tanzen. Solange, bis Verzweiflung, Frust und Wut einigermaßen abgeklungen sind. Funktioniert auch mit Kind auf dem Arm. "Urlaub in Italien" von Erobique wird für immer meine 2020er-Hymne bleiben. Ich hoffe so sehr, im neuen Jahr ist der Songtitel endlich Programm.

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Junge Mutter über ihr Weihnachten mit Kind: "Ich war ja so naiv"

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