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Viele Referendare dürfen aktuell nur in kleinen Gruppen unterrichten, wenn überhaupt. (Symbolbild) Bild: Westend61 / Westend61

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Junge Lehrer über Berufseinstieg während Corona: "Wie ein Hamster im Hamsterrad"

Seit Beginn der Corona-Pandemie vergangenes Frühjahr ist an Schulen deutschlandweit nichts mehr so wie vorher: Es gelten Maskenpflicht und Abstandsregeln, Klassen werden geteilt und in Gruppen getrennt in den Präsenzunterricht geschickt, Schulen teilweise ganz geschlossen. Auch jetzt, während des Lockdowns, müssen Bildungseinrichtungen bundesweit auf digitales Lernen setzen, sofern dies aufgrund nach wie vor fehlender Tablets und Laptops für Schüler überhaupt möglich ist.

Wer in dieser Zeit neu in den Lehrerberuf einsteigt, steht somit vor ganz anderen Herausforderungen als die Vorgänger: Schließlich müssen sich Referendare und Referendarinnen nun nicht nur mit den üblichen Fragen zur Unterrichtsgestaltung und Nervosität vor Prüfungen auseinandersetzen, sondern mit Hygienekonzepten, digitalen Lernpaketen und manchmal auch Schülern, die im Fernunterricht einfach von der Bildfläche verschwinden.

Watson hat mit jungen Lehrern und Lehrerinnen über ihre aktuelle Situation und ihren Berufsstart während der Pandemie gesprochen.

"Niemand kann erwarten, dass ein 7-Jähriger schon selbstständig am Laptop arbeitet"

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Angehende Grundschullehrerin Alicia wünscht sich, dass die Lehrer und Lehrerinnen während der Krise nicht vergessen werden. Bild: privat

Alicia E., 24, startet ihr Referendariat bald an einer Grundschule in Niedersachsen. So richtig wohl fühlt sie sich nicht, während der Pandemie zu unterrichten – aber sie versucht, das Beste aus der Situation zu machen.

"Ich werde ab Anfang Februar an einer Grundschule Deutsch und Sachunterricht unterrichten. Ein mulmiges Gefühl habe ich dabei schon – schließlich ist man vor Beginn seines Referendariats sowieso schon aufgeregt. Jetzt müssen wir auch schauen, wie wir den Unterricht mit sehr jungen Kindern während der Pandemie umsetzen. Richtig wohl fühle ich mich dabei nicht.

"Wenn wir einen Corona-Fall hätten, müssten wir im Prinzip gleich die ganze Schule dicht machen."

Unsere Schule ist relativ klein, es gibt neben mir noch neun weitere Lehrerinnen und Lehrer und etwa 150 Schülerinnen und Schüler. Momentan werden die Kinder in kleinen Gruppen im Wechsel unterrichtet, deswegen werde ich an meinem ersten Schultag vermutlich acht bis zehn Kinder vor mir sitzen haben. Generell sind die Klassen bei uns aber eher klein, was in Corona-Zeiten ein Vorteil ist. Andererseits haben wir natürlich auch etwas weniger Platz als an anderen Schulen, was Abstand halten unter Umständen schwieriger macht. Wenn wir einen Corona-Fall hätten, müssten wir im Prinzip gleich die ganze Schule dicht machen.

Natürlich mache ich mir auch Sorgen, dass ich das Virus aus Versehen in die Schule einschleppen oder selbst krank werden könnte. Hinzu kommt auch, dass es für Grundschüler schwierig ist, digitale Lernmaterialien zusammenzustellen – schließlich muss eine erste Klasse erst einmal lesen lernen, niemand kann erwarten, dass ein 7-Jähriger schon selbstständig am Laptop arbeitet. Das sind, glaube ich, zusätzliche Stressfaktoren, die unseren Start ins Referendariat besonders machen. Gleichzeitig weiß ich natürlich nicht, wie es gewesen wäre, hätte ich mein Referendariat schon früher begonnen. Ich versuche jetzt einfach, das Beste aus der Situation zu machen.

Was ich mir wünsche: dass die Situation der Lehrer und Lehrerinnen nicht außer Acht gelassen wird. In den vergangenen Monaten wurde viel über die Kinder und Eltern diskutiert – aber wenig darüber, unter welchen Bedingungen Lehrkräfte, pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und weiteres Personal an Schulen gerade arbeiten, dass viele von ihnen zu einer Risikogruppe gehören und auch geschützt werden müssen. Wir brauchen Konzepte, die alle mit einschließen."

"Ich kann nur eins meiner Fächer unterrichten"

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Conrad kann aktuell nur Mathe unterrichten, Sport fällt komplett aus wegen Corona. Bild: privat

Conrad M., 28, macht sein Referendariat an einer Grundschule in Potsdam. Wegen der Pandemie hat er deutlich weniger Unterrichtsstunden – deswegen befürchtet er Nachteile.

"Eigentlich würde ich nun eine 4. und 6. Klasse in Sport unterrichten – aber wegen der Pandemie fällt das Fach komplett aus. Es werden lediglich die Kernfächer wie Mathe, Deutsch, Englisch und einige weitere unterrichtet. In Sport dürfte ich jetzt nicht einmal prüfen oder Noten vergeben. Stattdessen haben wir den Schülern verschiedene Angebote zusammengestellt, die sie freiwillig wahrnehmen können: zum Beispiel Trainingspläne für draußen oder Video-Empfehlungen bei Youtube, wo man Yoga machen oder Jonglieren lernen kann.

Natürlich habe ich deswegen Bedenken, dass ich in meinem Referendariat etwas verpasse. Ich kann lediglich eins meiner Fächer unterrichten, nämlich Mathe: Hier verschicke ich Wochenpläne an zwei Klassen, einmal pro Woche machen wir eine Videokonferenz, um Fragen zu klären, und zwischendurch haben wir Kontakt per E-Mail.

"Was ich in der Corona-Krise vor allem gelernt habe, ist, besser zu planen."

Dadurch, dass bei mir nun so viele Stunden wegfallen, ist mein Leben einerseits entspannter. Andererseits weiß ich, dass es nach hinten raus stressiger werden kann: Ich stelle es mir schon schwierig vor, nach dem Referendariat von den wenigen Stunden, die ich jetzt unterrichte, plötzlich auf Vollzeit umzustellen. Allerdings weiß ich auch, dass ich in solchen Stresssituationen am besten lerne. Dennoch könnte ich mir auch vorstellen, mein Referendariat um ein paar Monate zu verlängern oder zunächst mit weniger Stunden in Teilzeit einzusteigen.

Was ich in der Corona-Krise vor allem gelernt habe, ist, besser zu planen: Dadurch, dass ich die Wochenpläne genau und für alle verständlich erarbeiten muss, bin ich organisierter und schneller geworden. Den Unterricht auf diese Art und Weise zu planen, möchte ich gerne für die Zukunft beibehalten.

Ein weiterer positiver Nebeneffekt ist, dass man viel an technischen Neuerungen ausprobieren kann: Es ist momentan viel einfacher, frische Ideen einzubringen, wie zum Beispiel verschiedene Lern-Apps. Dass wir so selbstverständlich mit digitalen Lernhilfen umgehen, ist sicherlich ein großer Vorteil, den wir gegenüber älteren Kollegen und Kolleginnen haben."

"Ich weiß noch gar nicht, was auf mich zukommt"

Lena W., 24, hat bisher an einer Grundschule in Bremen erste Unterrichtserfahrung gesammelt und startet ihr Referendariat bald in den Fächern Mathe und Sachunterricht.

"Obwohl mein Referendariat schon nächste Woche beginnt, weiß ich noch gar nicht, was auf mich zukommt: Ich hatte bisher erst ein persönliches Gespräch in der Schule, in der ich bald arbeiten werde. Das war allerdings vor dem vergangenen Bund-Länder-Gipfel, als noch gar nicht feststand, wie es mit dem Lockdown generell weitergeht, also konnten wir noch nichts gemeinsam planen: keine Stundenpläne, keine Klassen, wie ich überhaupt unterrichten werde.

Ich bin eigentlich ein sehr organisierter Mensch, deswegen stresst mich die Situation natürlich gerade. Ich bräuchte ein wenig Vorlauf, um mich auf den Unterricht vorzubereiten, mir zu überlegen, was ich für die einzelnen Klassen mache, wie ich den Stoff im Zweifel auch digital umsetze... Allerdings weiß ich natürlich auch, dass es aufgrund der Umstände gerade schwierig ist, zu planen, auch für meine Schule.

Ich hoffe, dass sich die Lage bis zum Sommer wieder etwas entspannt und dass meine Ausbildung dann wieder gewöhnlichere Züge annimmt. Bestimmt ist es aber auch nicht schlecht, mal diese Extremsituation zu erleben, auch davon kann ich eine Menge lernen – obwohl ich mir natürlich für uns alle wünsche, dass Corona bald vorbei ist.

"Ich kann es nicht verstehen, wenn irgendjemand sagt, die Lage in den Schulen sei nicht so dramatisch oder das Infektionsgeschehen würde hier nicht stattfinden."

Auch mache ich mir Sorgen, dass ich mich selbst oder die Kinder mit dem Virus anstecken könnte. Wenn ich daran denke, wie sich so etwas in einer Grundschule verbreiten könnte, wird mir schon mulmig. Ich kann es nicht verstehen, wenn irgendjemand sagt, die Lage in den Schulen sei nicht so dramatisch oder das Infektionsgeschehen würde hier nicht stattfinden. Das ist es ja, was so tückisch ist: dass unter Kindern das Virus häufig symptomlos übertragen wird, bis es dann vielleicht jemanden trifft, für den es wirklich gefährlich werden könnte.

Trotz alledem sehe ich natürlich auch, dass die Kinder die Schule als einen Ort des sozialen Lernens benötigen und ich sehe in meinem täglichen Arbeitsalltag, wie gerne die Kinder in der Schule sind und mit ihren Freunden spielen. Mir als Lehrkraft gibt zumindest das Tragen einer FFP2-Maske im Unterricht etwas Sicherheit, um den Unterrichtsalltag in der Schule so gut es geht zu meistern und mich vor einer möglichen Infektion ein Stück weit zu schützen."

"Manche Schüler verschwinden einfach"

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Julia hat seit fast einem Monat ausschließlich per E-Mail und Telefon Kontakt zu ihren Schülern. Bild: privat

Julia G., 24, macht ihr Referendariat seit August an einer Oberschule in Brandenburg, wo sie Deutsch und LER (Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde) unterrichtet.

"Unsere Schule ist von Corona glücklicherweise weitgehend verschont geblieben, vor allem auch, weil wir seit Beginn der Pandemie die Hygienepläne sehr streng umgesetzt haben. Aber natürlich geht die Krise nicht spurlos an uns vorbei: Meine Schülerinnen und Schüler habe ich mittlerweile seit vier Wochen nicht gesehen, wir hatten höchstens per E-Mail oder Telefon Kontakt. Das belastet mich natürlich schon manchmal.

Der digitale Unterricht, von dem in der öffentlichen Debatte immer gesprochen wird, findet bei uns so nicht statt. Viele unserer Schüler haben keine eigenen Tablets oder Laptops zu Hause oder verfügen über keine gute Internetverbindung, sodass wir keine Videokonferenzen machen können. Ich lade den Klassen die Aufgaben dann immer in die Schul-Cloud hoch und sie schicken sie per Mail an mich zurück. Manchmal rufe ich auch an, wenn es noch Fragen gibt. Ich versuche, mit jedem Schüler einmal pro Woche Kontakt zu haben, was als Referendarin mit vier Klassen, die ich unterrichte, zeitlich noch geht. Viele meiner Kollegen, die noch mehr unterrichten, kommen allerdings kaum oder schwer hinterher.

"Meine Kollegen sind teilweise schon zu den Familien heim gefahren, um persönlich nach den Schülern zu sehen."

Natürlich gibt es vereinzelt Schüler, die sich einfach nicht mehr melden, die vielleicht nicht genügend Unterstützung vom Elternhaus erfahren oder die einfach die Motivation verlieren. Wir müssen uns eingestehen: Manche Schüler verschwinden einfach vom Radar. Meine Kollegen sind deswegen teilweise schon zu den Familien heim gefahren, um persönlich nach den Schülern zu sehen.

Sicherlich verläuft mein Referendariat anders als geplant: Dadurch, dass ich es während der Pandemie begonnen hatte, fühlte ich mich immer leicht gehetzt, weil ich Sorge hatte, dass sie die Schule wegen Corona jederzeit dicht machen würden. Was würde das für meine Ausbildung und meine Prüfung bedeuten? Man arbeitet ein wenig wie ein Hamster im Hamsterrad, teilweise wird man da auch sehr dünnhäutig.

Trotzdem glaube ich nicht, dass ich Nachteile erfahren werde, weil mein Referendariat in die Corona-Krise gefallen ist. Schließlich sind die ersten Monate recht normal verlaufen, und auch jetzt 'unterrichte' ich, wenn auch etwas anders als bisher. Was ich nun vor allem lerne, ist, die Dinge mehr auf mich zukommen zu lassen und gelassener zu sein. Und das sind ja auch Kerneigenschaften, die man für diesen Beruf gut gebrauchen kann."

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Lehrerin sauer auf Maskenverweigerer: "Meine Kollegen zweifeln Corona an"

Das sind nur einige der Sätze, die Jana S. (Name geändert) hört, wenn sie in den Pausen das Lehrerzimmer betritt. Sie arbeitet als Lehrerin an einer Grundschule in Brandenburg und ist entsetzt, wie viele ihrer Kollegen sich nicht an die Maskenpflicht halten, zum Teil aus Überzeugung. Im Protokoll bei watson erzählt die 39-Jährige, wie es sich unter Kollegen arbeitet, die eine weltweite Pandemie mit über 840.000 Todesopfern für eine Erfindung halten und warum sie das Argumentieren …

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