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Young, female teacher sitting on a bench in the cloakroom of school. She is looking pensively out of the window.

Viele Erzieher sind gefrustet über unbedachte Kita-Öffnungen. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / DGLimages

watson-Story

"Das ist das Allerletzte": Was Erzieher seit Corona erleben

Kindertagesstätten in Deutschland sollen schrittweise wieder geöffnet werden – diese Nachricht klingt erstmal gut für berufstätige Eltern. Doch die erste Euphorie ist schon verpufft, denn in der Praxis wird schnell klar: Unter den Corona-Auflagen ist ein Regelbetrieb gar nicht möglich und bringt die Kita-Mitarbeiter in teils absurde Situationen.

Wir haben uns bei Erziehern mal umgehört, wie die Lage in Deutschlands Kitas derzeit aussieht.

Welche Kinder werden überhaupt betreut?

Weiterhin werden nur Kinder notbetreut, deren Eltern einen systemrelevanten Beruf ausübe. Welche Tätigkeiten darunter fallen, legen die Bundesländer fest. Darüber hinaus gibt es Ausnahmen (zum Beispiel Alleinerziehende), die eigens definiert sind und mit der jeweiligen Kita abgesprochen werden müssen.

In Hamburg erklärt die Familien-Behörde beispielsweise: "Sofern ein Elternteil im Homeoffice arbeiten kann, besteht im Grundsatz kein Anspruch auf Notbetreuung." Und aus dem Berliner Senat heißt es: "Aufgrund der nicht gänzlich auszuschließenden Infektionsgefahr sind Eltern gebeten, zu prüfen, ob eine Betreuung im häuslichen Umfeld oder in nachbarschaftlicher Selbsthilfe gewährleistet werden kann." Improvisation ist also weiterhin gefragt.

Wie lauten die Hygiene-Vorgaben?

Auch die Hygienepläne der Bundesländer unterscheiden sich. Allgemein sind die Eltern dazu angehalten, Mund-Nasen-Schutz im Gebäude zu tragen und Abstand zu halten. Die Kita-Räume sollen mehrfach am Tag gelüftet, die Hände der Kinder gewaschen und die Gruppen möglichst klein gehalten werden. Kinder und Erzieher müssen keinen Mund-Nasen-Schutz tragen, wer jedoch Krankheitssymptome entwickelt, soll sofort der Kita-Stätte fernbleiben.

Außerdem ist in einigen Hygieneplänen festgelegt, dass Kita-Mitarbeiter die Ankunft der Eltern und Kinder dokumentieren sollen, um Infektionsketten nachvollziehen zu können. Einige Hygiene-Ideen muten besonders aufwendig an. In Bayern wird zum Beispiel empfohlen, bei der Kinderübergabe an der Tür, eine Decke zu verwenden.

"Die Bring- und Abholsituation sollte so gestaltet werden, dass Kontakte möglichst reduziert werden (zwischen Beschäftigten und Eltern, Eltern untereinander). Hierbei könnten gestaffelte Zeiten oder eine Übergabe im Außenbereich helfen. Für die Übergabe kann beispielsweise eine Decke verwendet werden: Die Eltern setzen dabei das Kind auf die Decke, die Beschäftigen nehmen dann das Kind von der Decke behutsam in Empfang."

Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales

Was erleben Erzieher derzeit?

Im Gespräch mit watson erklärt uns Erzieherin Mareike (Name geändert) aus Hessen, warum ein Regelbetrieb in Kitas momentan schlicht unmöglich ist. "Bei uns ist es so, dass ab nächster Woche die Notbetreuung schon voll ist mit unseren 15 Kindern, weil wir drei Gruppenräume haben und immer nur fünf Kinder in einen Raum dürfen", sagt sie.

"Wenn diese Vorgabe nicht aufgeweicht wird, ist ein eingeschränkter Regelbetrieb gar nicht möglich, weil wir nicht mehr Kinder in die Betreuung holen können."

Mareike zu watson

Theoretisch gäbe es zwar noch eine Turnhalle als Ausweichmöglichkeit, die habe aber kein eigenes Bad und entspräche damit nicht den Hygienemaßnahmen. "Wir haben auch nur ein Außengelände, wo nicht alle gleichzeitig hin dürfen. Vom zeitlichen Ablauf her ist das aber nur schwer umsetzbar." Dasselbe gilt für die Organisation des Mittagsschlafs. Es gibt keine verfügbaren Räume, in die Kinder wechseln können, wenn sie auf ein Nickerchen verzichten.

Im Gegensatz zu Kassierern können Kita-Mitarbeiter nicht hinter Plastikfolien oder ähnlichem arbeiten. Mehr Kinder heißt aber auch mehr Kontakt und damit ein höheres Ansteckungsrisiko für die Erzieher. Der Mund-Nasen-Schutz, den sie tragen dürften, schützt sie selbst kaum. Abgesehen davon sei dieser für viele Kinder gruselig, erzählt Mareike: "Die Kleinen haben kein Verständnis für Masken und fühlen sich gerade in intimen Situationen, wie beim Wickeln, eher dadurch bedroht."

"Bei uns gibt es gerade eine Eingewöhnung, wo die Mutter Maske tragen muss, und das Kind reißt ihr die regelmäßig vom Gesicht, weil es das einfach komisch findet."

Mareike zu watson

In ihrer Kita müssen alle Mitarbeiter, Eltern und Kinder über denselben Eingang und durch dieselbe Garderobe in die Räumlichkeiten, berichtet sie weiter. "Theoretisch braucht man zusätzliches Personal, das dort ständig desinfiziert."

Passend dazu: In NRW müssen einige Erzieher nach Feierabend jetzt auch putzen, wie eine Mutter feststellte, als sie mit der Betreuerin ihrer Vierjährigen sprach. "Sie wendet dafür jetzt noch gut 90 Minuten auf. Das ist das Allerletzte!"

Wie kann das sein? Warum gibt es keine besseren Lösungen, obwohl der Kita-Regelbetrieb groß angekündigt wurde? "Oft gibt es einfach nicht genug Zeit für die Umsetzung der Neu-Regelungen", erzählt Mareike. "Da wird am Samstag etwas politisch beschlossen und am Montag sollen die Kitas einen Plan bereit haben oder plötzlich weitere Kinder aufnehmen." Erschwert wird das dadurch, dass bei ihr in Hessen viele Erzieher (sie selbst auch) in Kurzarbeit geschickt wurden. Es gibt also weniger Personal als sonst.

Trotzdem: Offiziell sollen die Kitas nun wieder mehr Kinder aufnehmen. Wie das gehen soll, ist der Erzieherin völlig schleierhaft. Wenn die Räumlichkeiten keinen eingeschränkten Regelbetrieb hergeben, muss die Anzahl der Kinder weiter begrenzt sein. Das ist nur logisch.

"Aber wer entscheidet dann, welche Kinder zusätzlich zur Notbetreuung kommen dürfen? Langsam wird die Liste der systemrelevanten Berufe ja auch willkürlich."

Mareike zu watson

Mareike ist mit ihren Bedenken nicht alleine. Auch Erzieher Paul aus Sachsen sorgt sich um den geplanten Kita-Betrieb in Zeiten von Corona, denn der würde alles unterminieren, "was wir Erzieherinnen und Erzieher über gute frühkindliche Pädagogik gelernt haben." Sachsen geht mit der Öffnung am weitesten: Ab dem 18. Mai sollen dort alle Kita-Kinder wieder am "eingeschränkten Regelbetrieb" teilnehmen können.

Auf Twitter erklärt Paul, warum die Regelungen für Erzieher und Kinder unzumutbar sind. Hier einige Auszüge, die wir zitieren dürfen:


"Liebes Internet, Liebe Eltern,
(...)
Ich bin seit sieben Jahren Erzieher und fasse mal zusammen, welche Vorgaben uns erreicht haben und warum nicht eine davon zu Ende gedacht ist. Gleich morgens wird es endlose Diskussionen und Dramen geben, denn: Wir dürfen Sie nicht in die Einrichtung lassen.
Sie werden Ihr Kind also in extra dafür eingerichteten Zone an der Tür abgeben müssen, mit Mundschutz. Wenn Sie die Warteschlange hinter sich gebracht haben, wird Ihr Kind Ihr beruhigendes Lächeln nicht sehen.
Auch nicht, wenn es weint. Und das wird es, denn nach knapp acht Wochen Auszeit ist das, was jetzt passiert, für Ihr Kind wie eine zweite Eingewöhnung – nur dass Sie diesmal nicht dabei sein dürfen.
Ihr Kind kommt mit den 12 bis 17 anderen weinenden Kindern und den (nachvollziehbarerweise!) völlig überforderten ErzieherInnen in die Gruppe. Die ErzieherInnen werden leider kaum Zeit haben, sich ausreichend um die Bedürfnisse ihres Kindes zu kümmern.
Das geht nicht anders, denken Sie? Doch. Mit einem stufenweisen Plan hätte das vermieden werden können. (...)
Das zu volle Zimmer soll Ihr Kind für 30min verlassen dürfen, um in einem abgesteckten Bereich im Freigelände zu spielen. Danach ist die nächste Gruppe dran. Es regnet gerade? Tja, leider Pech gehabt...
(...)
Wo wir einmal beim Baulichen sind: Wir können Ihnen auch nicht versprechen, dass Ihr Kind Mittagsschlaf machen kann. Es kann sein, dass Ihre Einrichtung dafür nicht genügend freie Räume hat.
(...)
Jede*r wird einsehen, dass feste Gruppe gebildet werden müssen, um Infektionsketten besser nachvollziehen zu können und im Falle des Falles so die Gruppe inkl. Eltern in Quarantäne zu schicken. Für unsere Dienstpläne aber bedeutet das den Kollaps:
Jede Gruppe hat zwei fixe Erzieher. Die dürfen nie rotieren oder Gruppen wechseln. Wir dürfen aber auch keine Springer, Aushilfen oder gruppenübergreifenden Fachkräfte einplanen.
Sollte nun ein/e ErzieherIn krank werden oder wegen Überlastung (oder Urlaub, die dürfen wir nämlich auch nicht verlegen) ausfallen, heißt das: Die Gruppe Ihres Kindes wird aufgeteilt und kommt zu einer anderen.
Damit erweitern sich die Kontakte Ihrer Kinder (und es müssen im Falle des Falles noch mehr Kinder und Familien in Quarantäne).
(...)
Nun kommen ab nächster Woche alle Kinder wieder. Wir würden uns unter normalen Umständen darüber freuen, wir lieben unseren Beruf. So aber haben wir einfach nur Sorgen. Wir wissen nicht, wie wir das handeln sollen."

Wer seinen kompletten Thread lesen möchte, findet ihn hier:

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    Alle Leser-Kommentare
  • beobachter 18.05.2020 13:14
    Highlight Highlight "Langsam wird die Liste der systemrelevanten Berufe willkürlich". Sehr schön formuliert. Aber viel zu "brav". In der aktuellen Lage zeigt sich mit brutaler Härte, dass "Improvisation" in diesem unseren Lande verlernt wurde. Nach mehr als einer Generation nur "Wachstum", und immer mehr "work-life-balance" haben wir Millionen von Menschen, die nicht klar kommen, wenn plötzlich vollster Einsatz erforderlich ist. Spannend ist wirklich, wer gerade bei der Politik auf der Matte steht und sich als systemrelevant bezeichnet. Und was den Leuten im Leben wichtig ist und was nicht :-(

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