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Ein Impfhelfer bereitet eine Corona-Impfung vor. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / Wavebreakmedia

"Die Euphorie ist vergangen": Ein junger Impfhelfer ist nach Astrazeneca-Stopp enttäuscht

Daniel R.

Wenn nur erst Impfstoff zugelassen ist, dann geht es rasch bergauf, dachten alle noch im Dezember 2020. Doch danach sieht nicht aus: Zuerst gab es Bestell-, dann Lieferschwierigkeiten, nun wurde die Verimpfung des Vakzins Astrazeneca unterbrochen, weil schwere Nebenwirkungen vermutet werden. Eine Entscheidung, die Daniel R. als "gefährlich" bezeichnet, da sowieso schon kaum jemand zum Impfen käme.

Der 20-Jährige begann voller Euphorie im Dezember 2020 als Helfer an einem Impfzentrum des Deutschen Roten Kreuzes in Niedersachsen zu arbeiten. Doch die Realität war nur frustrierend. In watson erzählt er, wie er die letzten Monate verbrachte.

"So um 11 Uhr fragte ich in die Runde: 'Müssen wir nicht langsam mit der Arbeit anfangen?' Und die Kollegen lachten nur: 'Ach, du bist neu, oder? Wir arbeiten hier nicht.' Die saßen schon seit etwa drei Wochen dort herum."

"Von klein auf war ich von Medizin begeistert. Mit 18 Jahren ging ich zum Katastrophenschutz und trat der Medizinischen Task Force bei, einer Sondereinheit des Katastrophen- und Innenministeriums, welche vor allem für medizinische Notlagen gerüstet ist. Im Zuges dessen wurde ich kurz nach der Zulassung der ersten Covid-19-Impfstoffe vom Deutschen Roten Kreuz angefragt, ob ich bei den Impfzentren aushelfen wolle.

Ich war sofort dabei, auch, weil ich das als ersten Lichtblick seit langem empfand. 2020 war geprägt von wenig Kontakt zu Freunden und Familie, dafür viel Verzicht. Beim Aufbau und der Vorbereitung des Impfzentrums mitzuhelfen, weckte in mir die Hoffnung, dass wir diese Pandemie 2021 allmählich hinter uns lassen würden. Ich habe mich wirklich darauf gefreut.

Ernüchterung nach nur einem Tag im Impfzentrum

Nun, gut drei Monate später, ist die Euphorie vergangen. Denn wenn man ehrlich ist, muss man sagen: In den Impfzentren funktioniert gar nichts, zumindest in unserem.

Ich habe genau einen Tag dort 'gearbeitet', wenn man es als Arbeit bezeichnen kann, mit anderen Helfern herumzusitzen. Dieser erste und bislang letzte Arbeitstag war der 4. Januar und ich weiß noch genau, dass ich aufgekratzt und überpünktlich um 10 Uhr morgens in der umgebauten Sporthalle aufschlug und mich zu Kollegen in den Pausenraum setzte. So um 11 Uhr fragte ich in die Runde: 'Müssen wir nicht langsam mit der Arbeit anfangen?' Und die lachten nur: 'Ach, du bist neu, oder? Wir arbeiten hier nicht.' Die saßen schon seit etwa drei Wochen dort herum.

"Das Zentrum ist immer noch so wenig ausgelastet, dass nicht einmal mehr Dienstpläne für uns Impfhelfer aufgestellt werden, obwohl ich theoretisch weiter im Einsatz bin."

An diesem Tag kam zwar eine Ladung Impfstoff mit Polizeieskorte an, aber Impfkandidaten sahen wir keine. Wenn geimpft wurde, dann über die mobilen Teams, die zu Seniorenheimen und pflegebedürftigen Menschen nach Hause fuhren, die Halle selbst war und blieb fast leer.

Das Zentrum ist immer noch so wenig ausgelastet, dass nicht einmal mehr Dienstpläne für uns Impfhelfer aufgestellt werden, obwohl ich theoretisch weiter im Einsatz bin. Übrigens bin ich auch selbst nicht geimpft worden, wie es damals angekündigt wurde.

Schuld am Impf-Fiasko? Mangelnde Organisation

Der Grund für die gähnende Leere: Die Terminvergabe ist zu schlecht organisiert. Die über 80-Jährigen, die zuerst eingeladen wurden, sollten sich bei uns über den Scan eines QR-Codes anmelden und das war viel zu kompliziert für sie, viele kamen dann einfach nicht. Heute wiederum wissen viele Leute nicht einmal mehr, welcher Priorisierungsgruppe sie überhaupt angehören und wie und wo sie sich anmelden müssten.

Der Impfstoffmangel sei an dieser unbefriedigenden Lage Schuld, das höre ich immer aus der Politik. Aus den Reihen der Helfer höre ich etwas anderes: Impfstoff sei da, aber schlechte Kommunikation und Organisation bremse den Impfprozess an allen Ecken aus. Was mit übriggebliebenen Dosen am Ende eines Tages passiert, an dem wieder niemand ins Impfzentrum gefunden hat, habe ich mich schon öfter gefragt und befürchte inzwischen, dass die Antwort bestürzend simpel ist: Ich denke, sie liegen herum.

Astrazeneca-Stopp bringt das Fass zum Überlaufen

Dass unter all diesen Umständen jetzt auch noch die Astrazeneca-Impfungen für junge Menschen gestoppt wurden, ist meiner Meinung nach unverständlich und gefährlich. Unverständlich, da andere Medikamente wie die Pille, die schon lange auf dem Markt sind, sehr viel höhere Thrombose-Gefahren aufweisen und dennoch verschrieben werden. Gefährlich, weil die Covid-19-Impfungen dadurch einen Imageschaden erleiden, die Impfbereitschaft gesenkt wird und noch mehr Menschen dem Risiko einer Corona-Erkrankung ausgesetzt bleiben – die statistisch weiterhin viel gefährlicher bleibt als Astrazeneca.

"Ich verstehe die Maßnahmen der Pandemie-Bekämpfung nicht mehr und bezweifle, dass das irgendjemand tut."

Die Nebenwirkungen der Impfung sind meines Erachtens erwart- und vertretbar und ich halte es für politisch fahrlässig, den Stoff nicht wenigstens freiwilligen Impfkandidaten anzubieten. Ich würde ihn sofort nehmen. Ich habe Vertrauen in die Zulassungsbehörden der EU, die das Vakzin ja abgesegnet haben.

Dieses Hin und Her um Astrazeneca zeigt für mich nur auf, was ich auch im Impfzentrum erlebt habe und was ich jeden Tag den Nachrichten entnehmen kann: Die Entscheider sind kopflos und planlos. Ich verstehe die Maßnahmen der Pandemie-Bekämpfung nicht mehr und bezweifle, dass das irgendjemand tut."

Protokoll: Julia Dombrowsky

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