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Seit Beginn der Pandemie muss Polizistin Lara T. vor allem kontrollieren, dass die Corona-Maßnahmen eingehalten werden. (Symbolbild) Bild: www.imago-images.de / FrankHoermann/SVEN SIMON

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Junge Polizistin: "Teilweise nutzten Menschen den Lockdown, um Nachbarn anzuschwärzen"

lara t.

Lara T., 29, ist Polizistin in Berlin. Den Beginn der Pandemie hat sie als sehr chaotisch erlebt: Selbst die Polizei wusste anfangs nicht immer, wie sie die neuen Maßnahmen auslegen und kontrollieren soll.

Mit jungen Menschen, die wegen ihres angeblich ignoranten Verhaltens in der Corona-Krise immer wieder kritisiert wurden, hatte sie bisher noch keine nennenswerten Konflikte. Dafür musste sie häufiger einschreiten, wenn erwachsene Männer sich prügelten, weil einer von beiden keine Maske tragen wollte. Wie Lara ihren Arbeitsalltag während Corona erlebt, berichtet sie bei watson.

"Seit März gehört zu meinem Arbeitsalltag dazu, das Einhalten der Corona-Maßnahmen zu kontrollieren – Maßnahmen, die es hierzulande noch nie so gegeben hat."

Verkehrsunfälle, Parkplatzrempler, Einbrüche: Vorfälle wie diese haben vor Corona meinen Alltag als Polizistin bestimmt. Seit Beginn der Pandemie haben sich die Einsätze allerdings völlig gewandelt. Vor allem der erste Lockdown, der so viel strenger war als der aktuelle, brachte viele Veränderungen mit sich – und zunächst viel Verunsicherung. Auch die Polizei musste schließlich lernen, was es bedeutet, die Bevölkerung während einer Pandemie zu schützen, ohne sich dabei selbst zu gefährden.

Ich bin schon seit neun Jahren bei der Polizei, seit dreieinhalb auf Streife: Das bedeutet, dass ich zu Einsätzen fahre, die über die Notrufnummer 110 eingehen. Seit März gehört zu meinem Arbeitsalltag dazu, das Einhalten der Corona-Maßnahmen zu kontrollieren – Maßnahmen, die es hierzulande noch nie so gegeben hat, die aufgrund der brenzligen Lage sehr schnell ausgearbeitet wurden, die auch wir erst einmal verstehen und umsetzen lernen mussten.

watsons Reihe: Wie junge Menschen durch die Corona-Krise helfen

Seit Beginn der Pandemie stehen vor allem junge Leute häufig in der Kritik, sich nicht an die Corona-Maßnahmen zu halten. Deswegen gibt watson jungen Erwachsenen eine Stimme – und zeigt, wie sie helfen, die Corona-Zeit zu überstehen.

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Teil 3: Junge Lehrerin über Corona: "Manche Leute haben Angst, sich mit mir zu treffen"

Teil 4: Erzieherin über die jüngsten Kita-Kinder: "Als sie anfingen, ihre Umwelt aktiv wahrzunehmen, kam schon der erste Lockdown"

Teil 5: Junge Obdachlosenhelferin: "Sollten wir schließen, müssten hunderte Menschen hungern"

Anfangs waren viele der Maßnahmen auch für uns Polizisten nicht ganz deutlich

Anfang herrschte Riesen-Chaos bei uns: Man hat einfach gespürt, dass die Regierung schnell Maßnahmen formulieren und umsetzen wollte, um die Pandemie zu stoppen. Regelmäßig gingen bei uns E-Mails mit neuen Infos ein, die unser Vorgesetzter an uns weiterleitete. Das Problem war allerdings: Weil die Situation natürlich für alle neu war und wir noch nicht genug über Corona wussten, kamen Schlag auf Schlag Änderungen. Viele Aspekte zu den Maßnahmen waren schwammig oder nicht zu Ende gedacht und ließen deswegen natürlich unnötig viel Raum zur Interpretation. Dabei brauchen wir Polizisten feste Rechtsgrundlagen, auf Basis derer wir handeln können. Es gab zu Beginn der Pandemie jedenfalls viel Diskussionsbedarf bei uns auf der Wache, denn jeder interpretierte die neuen Regeln etwas anders.

"Während des ersten Lockdowns gingen viele Anrufe bei uns ein von Menschen, die mitbekommen haben, dass ihre Nachbarn Freunde einladen."

Beispielsweise war anfangs nicht ganz klar, wie viele Menschen sich denn nun draußen gemeinsam aufhalten dürfen. Wir haben uns dann auf Fälle fokussiert, bei denen es deutlich war, dass es sich um eine Ordnungswidrigkeit handelt: Wenn beispielsweise zehn Menschen gemeinsam im Park herumhingen, war das eindeutig zu viel. Bei dreien konnte man das nicht immer klar sagen.

Wir spürten die Verunsicherung auch bei der Bevölkerung: Beispielsweise gingen während des ersten Lockdowns viele Anrufe bei uns ein von Menschen, die mitbekommen haben, dass ihre Nachbarn Freunde einladen. Der gesunde Menschenverstand sagt dann natürlich: Naja, wenn die Leute sich draußen nicht in Gruppen treffen dürfen, dann natürlich auch drinnen nicht. Allerdings waren die Regeln für Wohnräume anfangs nicht klar formuliert – und auch, wenn ich weiß, das Infektionsrisiko ist in Innenräumen größer, kann ich als Polizistin nichts tun, wenn die Maßnahme rechtlich nicht ausreichend geklärt ist.

Ich hatte den Eindruck, dass vielen Leuten, die die Polizei riefen, langweilig war

Teilweise hatte ich auch den Eindruck, dass einige Menschen den ersten Lockdown nutzten, um ihre Nachbarn anzuschwärzen. Einmal erreichte uns beispielsweise ein anonymer Anruf von einem Mann, der behauptete: Seine Nachbarn feierten im Garten eine Party, es seien etwa zehn Personen beteiligt. Als wir dann hingefahren sind, um die Lage zu checken, standen einfach zwei Familien mit Abstand am Gartenzaun und unterhielten sich. Ich vermute, dem Anrufer war einfach langweilig. Oder aber er dachte sich: Wenn ich zu Hause sitzen muss und niemanden treffen darf, dürfen die das auch nicht.

"Am Ende stand ich da und erklärte einem erwachsenen Mann: 'Schauen Sie mal, wenn Sie Angst haben, sich bei jemanden anzustecken, der keine Maske trägt, können Sie ja Abstand halten und den Laden schnell verlassen. Jetzt haben Sie dem auf die Nase gehauen, ihm also mitten ins Gesicht gefasst – so schützen Sie sich ja auch nicht, oder?'"

Absurd wurde es dann, wenn wir zu Maskenstreitereien gerufen wurden. Einmal mussten wir zum Beispiel zu einem Supermarkt fahren, in dem sich zwei Männer gestritten haben und sogar handgreiflich geworden sind: Sie waren beide an der Kasse, einer hat keine Maske getragen, dem anderen hat das nicht gepasst. Der Konflikt eskalierte dann relativ schnell – und am Ende stand ich da und erklärte einem erwachsenen Mann: "Schauen Sie mal, wenn Sie Angst haben, sich bei jemanden anzustecken, der keine Maske trägt, können Sie ja Abstand halten und den Laden schnell verlassen. Jetzt haben Sie dem auf die Nase gehauen, ihm also mitten ins Gesicht gefasst – so schützen Sie sich ja auch nicht, oder?" Und dann stehen alle Beteiligten etwas bedröppelt da.

Jugendliche zeigen sich in der Regel einsichtig

Mit jungen Menschen habe ich bisher noch keine Konflikte erlebt. Natürlich trifft man in den Parks immer wieder Gruppen von Jugendlichen, die teilweise auch feiern. Oft sind die aber ganz schnell weg, sobald wir uns ihnen nähern. Oder aber sie nehmen plötzlich absurd viel Abstand voneinander, um zu zeigen: "Schaut, wir halten die Regeln ein!" Meistens reden wir dann mit ihnen und erklären ihnen die Maßnahmen noch einmal – schließlich sind wir nicht nur dafür da, Bußgelder zu verteilen, sondern auch, um Aufklärungsarbeit zu leisten. Die Jugendlichen zeigen sich in der Regel dann auch einsichtig.

"Ich glaube, als Jugendliche wäre es mir auch extrem schwergefallen, das auszuhalten."

Natürlich müssen wir alle die Corona-Regeln einhalten, ich selbst halte mich auch strikt daran, Maske zu tragen, Abstand zu halten und Kontakte zu reduzieren. Ich kann es allerdings auch nachvollziehen, dass Kinder und Jugendliche da vielleicht mehr Schwierigkeiten mit haben: Sie durften oder dürfen nicht in die Schule, viele Hobbys fallen weg, stattdessen sollen sie mit Mama und Papa zu Hause sitzen. Ich glaube, als Jugendliche wäre es mir auch extrem schwergefallen, das auszuhalten.

Mittlerweile haben sich viele neue Regelungen eingependelt. Wir Polizisten aber auch die Bevölkerung wissen mittlerweile besser mit der Pandemie umzugehen. Die Lage wirkt weniger angespannt. Wie sich der zweite Lockdown allerdings auswirkt, kann ich noch nicht sagen. Ich warte nun ab, wie es weitergeht.

Protokoll: Agatha Kremplewski

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