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Deutsche Sexworker haben seit Beginn der Pandemie nur wenige Wochen arbeiten dürfen. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / AlexVolot

Junge Sexworkerin fordert, dass auch Prostituierte "bald geimpft werden"

Jasmin G.

Viele Branchen liegen seit der Corona-Krise brach, doch eine hat es besonders getroffen: Die Prostitution. In den meisten Bundesländern konnten Sexworker nur wenige Wochen im Spätsommer 2020 arbeiten, dann war wieder Schluss. Für Prostitutionsgegner ist das wohl eine gute Nachricht, für die Sexworker aber nicht. Sie fürchten um ihre Existenz und warnen vor einem Schwarzmarkt, der sich bereits entwickelt. Öffnungsperspektiven gibt es nicht, auch weil sich Politiker nicht hinter diese, von vielen immer noch als zwielichtig empfundene, Branche stellen wollen, vermuten die Sexworker selbst.

Auch Jasmin G. darf seit Monaten nicht arbeiten. Sie ist seit Anfang 2019 als Sexworkerin "in einer deutschen Großstadt" registriert und erzählt davon auf ihrem Twitter-Account. Ansonsten gibt sich die 21-Jährige bedeckt, um ihren Kunden die nötige Anonymität zu gewähren und auch selbst nicht auffindbar zu sein. Bei watson spricht Jasmin über Sex in Zeiten von Corona, politische Stigmatisierung und Öffnungsperspektiven durch Impfungen und Tests.

Sie warnt:

"Natürlich entwickelt sich durch das Verbot unter Corona auch ein Schwarzmarkt. Ich verstehe alle, die jetzt zwangsläufig illegal arbeiten, weil es sonst einfach nicht mehr geht."

Ich habe neben der Schule angefangen, als Sexworkerin zu arbeiten. Nach dem Abitur bin ich dann Vollzeit in den Beruf eingestiegen. Das ist jetzt knapp zwei Jahre her. Ich arbeite als klassisches Callgirl und biete sexuelle Dienstleistungen an, also Sex und Massagen. Das wird zwar oft mit Escort gleichgesetzt, ich gehe aber nicht mit den Kunden essen oder ähnliches, sondern besuche sie stundenweise in ihren Wohnungen oder im Hotel, rein zum Sex.

Diese Laufbahn war nicht geplant, eigentlich wollte ich Buchhändlerin werden. Aber es ergab sich damals beim Weggehen in einer Bar zum ersten Mal und ich habe spontan "Ja" gesagt. Für mich ist es – zumindest heute – der perfekte Beruf. Ich bin sehr selbstbestimmt und liebe Sex. Ich habe auch wenig Berührungsängste mit anderen Menschen. Selbst an schlechten Tagen muss ich mich nicht dazu zwingen, und wäre das der Fall, würde ich Termine absagen. Es ist schön, wenn man weiß, dass man attraktiv gefunden wird.

Gearbeitet wurde nur kurz im Sommer

Als der erste Lockdown kam, hatte ich gerade nach einem Krankenhausaufenthalt wieder mit der Arbeit begonnen. Dann war Schluss, und gefühlt sitze ich seitdem zu Hause, sehe zu, dass ich fit bleibe und schränke die Sozialkontakte massiv ein. Ich bin dank meiner Familie finanziell abgesichert und habe noch andere Einkünfte, die das Wichtigste abdecken. Dazu kommen noch meine Ersparnisse, damit komme ich schon eine Weile über die Runden, zumal ich ein eher sparsamer Mensch bin. Staatliche Hilfen habe ich deshalb nicht beantragt und auch auf Online-Angebote oder Telefondienste bin ich nicht umgestiegen. Ich bin zwar sehr offen beim persönlichen Treffen, aber ich würde mich unwohl fühlen, Nacktbilder oder ähnliches über das Internet zu verkaufen.

"Bestimmte Dinge wie Küssen oder die Missionarsstellung waren nicht möglich, und wenn ich beispielsweise beim Oralsex die Maske abnehmen musste, dann habe ich den Kunden gebeten, das Gesicht von mir wegzudrehen."

Als Sexworkerin Geld zu verdienen, war während der Pandemie nur ein paar Wochen im Sommer und Herbst 2020 möglich. Im August habe ich in Bayern gearbeitet, weil es dort etwas früher erlaubt war als in meiner Heimat. Ich habe viele Stammkunden dort, die mich sonst während Messen oder Dienstreisen buchen und die ich kontaktieren konnte, dazu kamen Termine über Onlineportale.

Es war nicht einfach, das alles zu planen, zumal ich ortsfremd war und schwer abschätzen konnte, wie schnell ich von A nach B komme. Außerdem musste ich mich fast täglich informieren, da die Regelungen der Sperrbezirke sich ständig änderten. Aber insgesamt hat das gut geklappt und mein finanzielles Polster wieder etwas weicher werden lassen.

Bei den Treffen damals hatte ich von vornherein aus klargemacht, dass es nur unter einem Hygienekonzept möglich ist. Ich habe aufs Lüften in den Zimmern geachtet und auch die Maskenpflicht durchgesetzt. Bestimmte Dinge wie Küssen oder die Missionarsstellung waren nicht möglich, und wenn ich beispielsweise beim Oralsex die Maske abnehmen musste, dann habe ich den Kunden gebeten, das Gesicht von mir wegzudrehen. Das hat die Kunden natürlich nicht unbedingt begeistert, aber die meisten haben es doch eingesehen.

Ich leiste mir den Luxus und halte mich an die Regelungen unter Corona, arbeite also derzeit nicht. Anfragen bekomme ich dennoch viele, sowohl von Stammkunden als auch von neuen Interessenten, und nicht alle verstehen, wenn ich absagen muss. Hier habe ich schon die Befürchtung, einige Kunden an Kollegen und Kolleginnen zu verlieren, die trotz Verbot arbeiten.

Ich denke, dass vielen unter Corona die körperlichen Zuwendungen besonders fehlen. Der Mensch ist nicht dafür gemacht, ständig Abstand zu wahren und Kontakte zu minimieren. Mir selbst geht es ja auch so, ich bin verstärkt bei Dating-Apps aktiv. Denn Sex ist ja erlaubt, sogar ohne Auflagen – nur wenn dafür Geld überreicht wird, dann gilt er als gefährlich, selbst wenn man ein strenges Hygienekonzept hat.

Prostitutions-Gegner nutzen die Krise

Meine Branche wird ganz eindeutig gegenüber anderen körpernahen Dienstleistungen benachteiligt. Man hat es bei den Öffnungen gesehen, da durften Friseure, Tattoo-Studios und Massagesalons öffnen, nur die Sexworker waren stets ausgenommen. Das hat sich erst geändert, als dagegen von unserer Seite aus geklagt wurde und die Gerichte den Ländern keine Wahl mehr ließen. Die Prostitutions-Gegner sind gut vernetzt in der Politik und haben massiv ihren Einfluss genutzt, um durch die Hintertür Fakten zu schaffen.

Es gibt natürlich Menschen, die Opfer von Menschenhandel sind, aber hier brauchen wir keine zusätzlichen Verbote, denn das ist bereits illegal – die entsprechenden Paragrafen im Strafgesetzbuch müssten nur angewandt werden. Repression ist das falsche Instrument, um diese Probleme anzugehen, viel wichtiger wäre es, Anlaufstellen für Betroffene zu schaffen, Frauenhäuser und auch Sozialarbeiter einzusetzen, die die jeweilige Sprache sprechen und nicht prostitutionsfeindlich sind. Es braucht eine Akzeptanz des Berufes in der Gesellschaft, damit man keine Angst haben muss, sich im Zweifelsfall an die Polizei zu wenden.

"Die Prostitutions-Gegner sind gut vernetzt in der Politik und haben massiv ihren Einfluss genutzt, um durch die Hintertür Fakten zu schaffen."

Prostitution wird ja von vielen immer noch als anrüchig betrachtet, was nicht mal böse gemeint ist. Oft erlebe ich es, wenn ich mit Leuten über meinen Beruf spreche, dass sie hinterher sagen, ein völlig falsches Bild gehabt zu haben und das jetzt differenzierter betrachten. Es muss keiner den Beruf gut finden, ihn selbst ausüben oder die Dienste nutzen wollen, aber Akzeptanz dafür, dass wir ganz normale Menschen sind, die sich dafür entschieden haben und es eben nicht widerlich finden, wäre schon gut.

Natürlich entwickelt sich durch das Verbot unter Corona auch ein Schwarzmarkt. Ich verstehe alle, die jetzt zwangsläufig illegal arbeiten, weil es sonst einfach nicht mehr geht. Monatelange Verdienstausfälle steckt man nicht so einfach weg, auch nicht, wenn man staatliche Hilfen bewilligt bekommt. Das ist aber ein Riesenproblem. Denn wie überall ist es auch bei uns so: Wenn man im Verborgenen arbeiten muss, dann ist man Gewalt und extremeren Kundenwünschen eher ausgeliefert, als wenn es im geschützten Rahmen abläuft und man sich notfalls auch an die Behörden wenden kann.

Tests und Impfungen würden helfen

Ich fordere von der Politik daher, dass sie das Stigma, was uns umgibt, bekämpfen, statt wie im vergangenen Jahr den Eindruck zu vermitteln, Sexworker wären potenzielle Virenschleudern. Aufklärung und Normalität, das würde ich mir für uns wünschen.

"Ich wäre aber dafür, dass Sexworker aufgrund ihres Berufs ebenfalls bald geimpft werden, genau wie andere Berufsgruppen mit Körperkontakt auch."

Um den Beruf auch noch während der Corona-Pandemie schrittweise langsam wieder aufnehmen zu können, wäre die Einführung eines Impfnachweises zwar theoretisch eine gute Idee, aber ich kann mir vorstellen, dass die Umsetzung aufgrund des Datenschutzes schwierig wird. Ich würde keinem Kunden so einen Nachweis mit meinem Klarnamen zeigen wollen und auch die Kunden wollen ja oft anonym bleiben.

Ich wäre aber dafür, dass Sexworker aufgrund ihres Berufs ebenfalls bald geimpft werden, genau wie andere Berufsgruppen mit Körperkontakt auch. Als Zwischenlösung bis dahin halte ich auch eine Teststrategie für denkbar. Schnelltests sind ja mittlerweile für jeden erhältlich und in Verbindung mit anderen Hygienemaßnahmen kann man die Risiken einer Ansteckung so erheblich minimieren.

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