Bild

Etwa 15 Kilo CO2 fallen für ein Kilo konventionell angebauten Kaffee an. Doch es geht auch deutlich nachhaltiger und fairer. Bild: Moment RF / Irina Marwan

Analyse

"Unternehmenssiegel halte ich für Marketing": Wie du wirklich fairen und nachhaltigen Kaffee trinkst

Im Osmanischen Reich war Kaffee hochpolitisch. Zeitweise war das Heißgetränk verboten, wer eine Tasse zu sich nehmen wollte, musste in den Untergrund abtauchen und wurde verfolgt. Inzwischen sind die Zeiten, in denen Kaffeehäuser als Barbiershops getarnt werden mussten, vorbei und die Tasse Kaffee gehört zum Morgen wie das Zähneputzen: ohne geht’s nicht aus dem Haus. Wie aber steht es um die Ökobilanz der Bohnen, die heute vor allem in Mittel- und Südamerika angebaut werden? Auf welche Siegel sollten wir achten? Und könnte uns der Klimawandel unseren morgendlichen Koffeinkick vermiesen?

Was die Klimabilanz angeht, brachten es Wissenschaftler vom University College in London kürzlich in einer Studie auf den Punkt: 15 Kilogramm Kohlendioxid werden freigesetzt, bis ein Kilo konventionell produzierter Kaffee aus Brasilien angebaut, verarbeitet und nach Europa gebracht wird, das ist etwa so viel wie bei einem Kilo Rindfleisch. Als besonders klimaschädlich stuften die Forscher übrigens Kaffee Latte und Cappuccino ein, wegen der ebenfalls alles andere als klimafreundlichen Milch.

"Es stellt sich zudem die Frage nach dem Wasserfußabdruck", sagt Claudia Brück, Vorstandsmitglied von Fairtrade, gegenüber watson. Denn für eine einzige Tasse konventionell produzierten Kaffee braucht es im Anbau der Bohnen etwa 140 Liter Wasser. "Bei den Bewässerungssystemen und bei der Schälung kann man aber viel verbessern – zum Beispiel, wenn das Wasser aufgefangen und nochmal genutzt wird", sagt Brück. Lebensmittel vom anderen Ende der Welt seien dann nicht per se klimafeindlicher als heimische Produkte. "Ein heimischer Apfel, der bis März bei uns gekühlt wird, hat eine schlechtere Klimabilanz als ein frischer aus Chile."

Neben der ausbaufähigen Klimabilanz bringt Kaffee noch weitere Probleme mit sich: Er wächst oft in Monokulturen, die den Boden auslaugen. Zudem wird er häufig von Kleinbauern angebaut, die dem Preisdruck internationaler Händler ausgesetzt sind. Obwohl der Latte Macchiato bei uns im Café schon mal fünf Euro kostet, sind zwei Dollar Lohn am Tag für die Kaffeebauern keine Seltenheit.

Nur fünf Prozent des Kaffees sind fair

Und das, obwohl seit Jahrzehnten in den Regalen von Weltläden – und mittlerweile auch jedem Supermarkt – Kaffee steht, der den Bauern einen fairen Preis garantieren soll – dank der Initiative von Organisationen wie Fairtrade. "Wir ermitteln, wie hoch die Kosten für eine nachhaltige Produktion sind, also was es kostet, ein Produkt unter sozialen und ökologischen Gesichtspunkten anzubauen, und definieren auf dieser Basis den Mindestpreis", sagt Claudia Brück. Dazu kommt eine Prämie, die die Bauern nach eigenem Ermessen investieren können, in Lagerhallen oder in Fortbildungsmaßnahmen etwa. Und: Die Bauern können sich organisieren und so ihre Position auf dem Weltmarkt stärken.

"Die wenigsten trinken Kaffee aus politischer Überzeugung."

Claudia Brück, Fairtrade

Doch so selbstverständlich es auch ist, in jedem halbwegs hippen Großstadt-Café den Kaffee mit nachhaltigerer Hafer- oder Sojamilch zu bestellen, so ungewöhnlich ist die Frage nach fair gehandeltem Kaffee. Nur etwa fünf Prozent des in Deutschland gekauften Kaffees stammen aus fairem Handel. "Die wenigsten trinken Kaffee aus politischer Überzeugung und unterwegs im Café achten die Verbraucher noch weniger auf nachhaltige Kriterien als im Supermarkt", sagt Brück. Weil Kaffee kein Wachstumsmarkt ist, müsste der Fairtrade-Kaffee anderen Marken Anteile abringen oder diese überzeugt werden, sich der Initiative anzuschließen.

Viele große Unternehmen wollen das bislang nicht. Eines davon ist Lavazza. "Wir verfolgen seit über 20 Jahren unser eigenes Nachhaltigkeitsprogramm und unterstützen mit der Lavazza-Stiftung 24 Projekte in 17 Ländern", erklärt Susanne Wege, Lavazza-Geschäftsführerin für Deutschland und Österreich, im Interview mit watson. "Dabei geht es neben der Förderung eines nachhaltigen Kaffeeanbaus in sozialen und ökologischen Aspekten auch darum, individuell und punktuell vorzugehen und vor Ort Projekte zu fördern." Insbesondere Bildung in den Kaffeeanbauregionen stünde im Vordergrund, sagt Wege, man sei in allen Belangen deckungsgleich mit Fair Trade.

Claudia Brück von Fairtrade sieht es generell kritisch, wenn Unternehmen selbst Produkte als nachhaltig deklarieren. "Wenn Unternehmen beispielsweise 'nachhaltige Bananen' anbieten, die weder bio noch fair sind, fragt man sich schon, was daran nachhaltig ist und warum nicht die klar geregelten Standards eingehalten werden." Bei eigenen Siegeln stelle sich zudem die Frage der Glaubwürdigkeit. "Unternehmenssiegel ohne externe Zertifizierung halte ich daher für ein Marketinginstrument", sagt Brück. Eine externe Zertifizierung, auf die wir beim Kauf achten können, ist neben dem Fairtrade-Siegel übrigens auch das EU-Bio-Siegel. Mit letzterem hat Lavazza immerhin einige Kaffeesorten zertifiziert – von 16 Arten gemahlener Bohnen gilt das allerdings nur für eine.

Kaffeebauern spüren Klimawandel schon heute

Dass es bislang noch so wenig Fairtrade- und Bio-Kaffee getrunken wird, liegt auch an den höheren Preisen, glaubt Brück. Sie fordert deshalb ein Lieferkettengesetz. Fairtrade-Kaffee sei schließlich nur deshalb teurer, weil Standards eingehalten und Transparenz dokumentiert werde. "Wenn alle dafür Sorge tragen müssen, wie der Kaffee produziert wird, werden die ganz billigen Preise verschwinden." Lavazza will sich zu einem Lieferkettengesetz nicht äußern. Nur soviel: "Wir evaluieren regelmäßig sämtliche Punkte der Wertschöpfungskette. Wir suchen die perfekte Qualität bei hohen Ansprüchen an soziale und ökologische Verträglichkeit, nicht den besten Preis."

"Es gibt Untersuchungen, die sagen, dass man 2050 nur noch zehn Prozent der heutigen Fläche für Kaffeeanbau nutzen kann."

Claudia Brück, Fairtrade

Ohne Rücksicht auf die Umwelt könnte es mit dem Kaffeegenuss in ein paar Jahren ohnehin vorbei sein. Schon heute macht der Klimawandel den Kaffeebauern zu schaffen. Sturm Eta verwüstete im vergangenen Jahr die Kaffeefelder von Nicaragua bis Guatemala. Und auch der Regen kommt unregelmäßiger – was wiederum dazu führt, dass traditionell angebaute Kaffeepflanzen anfälliger für Krankheiten werden. "Es gibt Untersuchungen, die sagen, dass man 2050 nur noch zehn Prozent der heutigen Fläche für Kaffeeanbau nutzen kann", sagt Brück. "Die Produzenten bemerken die Folgen des Klimawandels heute schon – dabei sind sie diejenigen, die am wenigsten zum CO2-Ausstoß beitragen."

Was ihnen helfen könnte: Dass natürlich auch die großen Kaffeeunternehmen betroffen sind – und offensichtlich ein Interesse daran haben, die Folgen des Klimawandels abzuschwächen. "Wir schaffen mit unserer Stiftung Technologien für Bewässerungssysteme, damit die Menschen lernen, mit dem Impact des Klimawandels umzugehen", sagt Susanne Wege von Lavazza. "Wir kümmern uns inzwischen auch um Wiederaufforstung, beispielsweise in Äthiopien und Peru – das ist auch wichtig, damit gesunder und nachhaltiger Kaffeeanbau stattfinden kann." Bei Fairtrade wird zudem der Anbau resistenter Pflanzen unterstützt.

Kaffee geht auch klimafreundlich

Mit all diesem Wissen schmeckt der Kaffee vielleicht doch ein bisschen bitter – ihn gänzlich aus der Telefonkonferenz, dem Sonntagsbrunch oder der Kuchentafel zu streichen, ist für die meisten aber keine Option. Und die Wissenschaftler der eingangs erwähnten Studie zeigen auch, wie sich die Treibhausgas-Emissionen beim Kaffeetrinken einsparen lassen. Wenn der Kaffee nachhaltig produziert wird, also ohne Kunstdünger angepflanzt und statt mit dem Flugzeug per Schiff um die Welt reist reduzieren sich die Werte bis auf ein Viertel. Auf Siegel und Zertifikate zu achten, lohnt sich also. Wer dann noch Hafer- oder Sojamilch statt Kuhmilch verwendet, bekommt für seinen klimafreundlichen Kaffee ein Extra-Sternchen.

Doch nicht nur der Kaffee selbst ist entscheidend, sondern auch wie er getrunken wird. To-Go im Einwegbecher ist offensichtlich keine gute Idee, für Außer-Haus-Kaffee also lieber einen eigenen Becher mitbringen. Und auch die Zubereitungsart spielt eine Rolle: Im Wasserkocher heißes Wasser zu erhitzen, braucht weniger Energie, als eine Kaffeemaschine anzuwerfen. Löslicher Kaffee verursacht logischerweise weniger Abfall als Kaffeekapseln- oder Pads.

Letztere werden zwar immer häufiger aus kompostierbaren Materialien angeboten, doch kompostierbar ist ein dehnbarer Begriff. Die allermeisten der vermeintlich ökologischen Kapseln hält die Deutsche Umwelthilfe für Greenwashing. "Vermeintlich abbaubare Kaffeekapseln dürfen gemäß Abfall- und Düngerecht nicht in der Biotonne entsorgt werden, führen zu steigenden Sortier- und Entsorgungskosten und können den Kompost mit Plastikresten verunreinigen", schreibt die Deutsche Umwelthilfe.

Am wenigsten Abfall verursacht theoretisch der Instant-Kaffee – aber der ist geschmacklich wirklich nicht jedermanns Sache. Zumal es bei dem gemahlenen Kaffee oft schwerer ist herauszufinden, woher es stammt – und wie er angebaut wurde. Hier lohnt es sich, bei kleinen Röstereien in der Nachbarschaft vorbeizuschauen und nachzufragen, nach welchem Standard der Kaffee gehandelt wurde. Ganz ohne Undercover-Einsatz im Untergrund. Denn inzwischen ist Kaffeetrinken zum Glück ja völlig legal.

Veganuary-Challenge

Tag 31: Der Veganuary ist vorbei – und geht (teilweise) weiter

Ob ich es schaffe, einen ganzen Monat lang vegan zu leben? Ich habe meine Zweifel – und probiere es im Rahmen der Veganuary-Challenge trotzdem. Wie es mir dabei ergeht, lest ihr hier.

Es ist vollbracht: 31 vegane Tage sind vorüber. Nicht nur für mich, sondern auch für 582.538 andere Teilnehmer – der Veganuary war damit so erfolgreich wie nie zuvor. Ein weiterer ganz persönlicher Erfolg für mich: An meinem letzten veganen Tag muss ich mich nicht einmal selbst an den Herd stellen, sondern …

Artikel lesen
Link zum Artikel