Nachhaltigkeit
Bild

Tiefblaues Licht erzeugt Tiefseestimmung bei der Premiere der "International Ocean Filmtour". Bild: Moving Adventures/Jens Kaesemann

Wie eine Filmtour die Weltmeere retten will

Immer mehr Plastik landet in unseren Ozeanen. Wenn nicht ein Umdenken einsetzt, vergiften wir uns mit unserem eigenen Müll. Einen sanften Erziehungsansatz verfolgt eine Filmtour, die 2020 zum siebten Mal durch Mitteleuropa zieht.

Wir leben auf dem blauen Planeten. Und der heißt nicht so, weil wir uns alle Wochenenden einen reinstellen. Wie wir Menschen besteht auch unser Zuhause zu einem ganz erheblichen Teil aus Wasser. In gewisser Hinsicht lässt sich sagen: Wir sind im Wasser zuhause.

Anders als mit einem Zuhause gehen wir mit unseren Ozeanen allerdings seit geraumer Zeit um, als wären sie eine Müllkippe. Mit weitreichenden Folgen. Erst diese Woche haben Forscher einen neuen Krebs am tiefsten Punkt der Erde entdeckt und gleich mal Plastik aus seinem Körper herausgezogen.

Wir Menschen kannten diesen Krebs bis vor ein paar Tagen nicht, er (oder sie) hatte aber ganz offensichtlich schon Bekanntschaft mit uns gemacht. Und darf jetzt damit leben, dass er nach unseren Hinterlassenschaften benannt ist. Seine Entdecker gaben dem Tier den Namen "Eurythenes plasticus".

Die Plastik-Krise in Zahlen: Der World Wildlife Fund schätzt, dass etwa 86 Millionen Tonnen Plastik in unseren Ozeanen schwimmen, was in etwa dem Gewicht von 80 Berliner Hauptbahnhöfen entspricht. Zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll kommen dazu, Jahr für Jahr. Keine Frage also, dass wir schnellstens damit beginnen sollten, nachhaltiger mit unserem Zuhause umzugehen. Schon um der Erhaltung unserer eigenen Art willen.

In diese Kerbe schlägt, inzwischen zum siebten Mal, die "International Ocean Filmtour". Am Dienstag feierte die Filmreihe in der mondänen Laeiszhalle in Hamburg ihre Premiere, vor ausverkauftem Haus. Rund 1500 Gäste hatten ein Ticket ergattert, viele schon Monate im Voraus.

Bild

Ausverkauft: Die Premiere in der Laeiszhalle. Bild: Moving Adventures / Michael Philipp Bader

Die "Ocean", wie der Münchener Veranstalter Moving Adventures und Fans das Event gleichermaßen liebevoll nennen, ist eine Filmtour, die Beiträge unterschiedlicher (Kurz-)Filmgenres ausstellt. Von Surf-Filmen, über Natur-Dokus bis hin zu Biopics, in denen Menschen aus einzigartigen Lebensumständen porträtiert werden, ist hier für jeden Geschmack etwas dabei. Egal wie sehr ihr eine Landratte seid.

Überzeugt euch selbst:

abspielen

Video: YouTube/International Ocean Film Tour

Der Anspruch dabei ist, nicht nur ein paar Stunden mit blauen Outdoor-Filmen zu verbringen, sondern "ein wirkliches Bewusstsein dafür zu schaffen, was geändert werden muss", sagt Joachim Hellinger, einer der Geschäftsführer von Moving Adventures, zu watson. "Nehmen wir das Beispiel Plastik. Heute ist das Thema Plastikverschmutzung in aller Munde, noch vor einigen Jahren war das anders."

Hellinger erinnert sich:

"Im Jahr 2017 hat der Film 'A Plastic Ocean' dem Publikum genau gezeigt, was unser täglicher Plastikkonsum in den Weltmeeren anrichtet. Der To-Go-Becher am Morgen, Plastiktüten beim Einkaufen und in jedem Getränk ein Strohhalm – man hat unseren Zuschauern förmlich ansehen können, wie sie schon direkt beim Event über ihren Konsum nachdenken."

Dabei geht es Hellinger und seinem Team nicht darum, einen moralinsauren Filmabend anzubieten, der am Ende vielleicht mehr Widerstand erzeugen würde, als ein Bewusstsein für nachhaltigen Umgang mit den Ozeanen zu schaffen.

"Wir wollen nicht den Zeigefinger heben und Menschen verurteilen, sondern dazu anregen, das eigene Verhalten zu überdenken, zu hinterfragen und zu handeln", versichert er.

Noch ein paar Eindrücke von der Premiere

abspielen

Video: YouTube/International Ocean Film Tour

Welten von einem anderen Stern

Und wie klappt das? Die siebte Edition der "Ocean" zeigt dieses Jahr "Diving Deep", ein gut 30-minütiges Porträt des Naturfilmers Mike deGruy, der seine Arbeit dem Schutz der Meere verschrieben hat. Der Film über den 2012 verstorbenen deGruy zeigt in faszinierenden Bildern, wie Aufwändig die Arbeit von Unterwasser-Filmern ist und welche Leidenschaft in dieser Arbeit steckt.

Wenn in "Diving Deep" bunt leuchtende Tiefseekreaturen durch die Schwärze schweben, entsteht tatsächlich schnell ein Bewusstsein dafür, wie schützens- und erhaltenswert unsere Meere sind. Wer wollte nicht eine Lebensraum erhalten, der den Eindruck erweckt, er sei der Fantasie von Science-Fiction-Autoren entsprungen?

Diese Geisteshaltung scheint beim Publikum zu verfangen. Nicht nur erfreut sich die "Ocean" auch im Jahr sieben ihrer Existenz großer Beliebtheit. Zunehmend hat der Veranstalter auch Anfragen von Bildungstreibenden erhalten, die die Inhalte der Filmreihe für ihren Unterricht nutzen wollen.

Bild

Lehrer und Pädagogen können einen Teil der Filme kostenlos für ihre Arbeit nutzen. Bild: Moving Adventures / Jens Kaesemann

"Darauf haben wir reagiert", erklärt Hellinger. Gemeinsam mit der Deutschen Meeresstiftung haben die Münchener eine Bildungsplattform ins Leben gerufen, auf denen die Umweltfilme der vergangenen Touren kostenfrei zur Verfügung gestellt werden.

You can only protect what you love

Du kannst nur das beschützen, was du liebst jaques cousteau

Allerdings hat sich auch die "Ocean" nicht allein dem Schutz der Meere verschrieben. Die Filme zeigen, teils in Action-geladenen Einstellungen und unterlegt mit treibendem Soundtrack, die sportliche Seite unserer Weltmeere. Bei aller Erhaltung, das Meer ist auch in den Filmen der "Ocean" ein Spielplatz, der immer ausufernder touristisch erschlossen wird.

Gerade Küstenregionen leiden unter zunehmender Bebauung, etwa mit massiven Hotelkomplexen, von denen aus Menschen zu Wassersport und Badespaß aufbrechen. In Sportboothäfen liegen teure Yachten, Touristen werden zu Whale-Watching-Touren tageweise aufs Meer hinaus gefahren. Wie passt das zusammen?

Dass hier ein Widerspruch zwischen Nutzung und Schutz besteht, und die Filme der "Ocean" natürlich auch ersteres bewerben, ist auch Hellinger klar. Aber: "Wir befürworten ausdrücklich eine umweltschonende Nutzung der Meere durch 'sanfte' Sportarten wie zum Beispiel Segeln, Tauchen, Schwimmen und Surfen."

Er zieht den Vergleich zum Wandern:

"Achtet man darauf, respektvoll mit seiner Umwelt umzugehen, steht einem Ausflug in die Natur nichts im Weg."

Bei den Protagonisten der Filme stehe "die Liebe zum Ozean ganz klar im Zentrum", genauso bei seinem Team. Das ist bei der Premiere spürbar, Hellingers Team ist mit großer Leidenschaft bei der Sache.

Diese Emotion soll auch beim Publikum ankommen, damit dort ein Verständnis dafür entsteht, wie wichtig es ist, die Meere zu schützen: "Frei nach Jacques Cousteau: 'You can only protect what you love.'"

Euer Interesse an der "Ocean" ist geweckt? Alle Tourdaten findet ihr hier.

Sylt statt Sansibar: Naturschützer kämpfen gegen Kreuzfahrten im Wattenmeer

Dieses Jahr ist alles anders, besonders Reisen und Urlaub machen läuft 2020 nicht wie gewohnt. Kreuzfahrten etwa können aufgrund der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie nicht mehr in der Ferne stattfinden. Große Reedereien suchten deshalb nach neuen Zielen in der näheren europäischen Umgebung – und stießen auf das Wattenmeer. Naturschützer sind davon gar nicht begeistert. "Offenbar rückt jetzt auch der Nationalpark Wattenmeer mit seinen Inseln und Halligen zunehmend in den …

Artikel lesen
Link zum Artikel