Die Protestaktion Zug der Toten Bäume von Extinction Rebellion ist der Auftakt der Aktionswoche - Die Aktion zieht vom Bundesministerium für Landwirtschaft zum Invalidenpark und soll darauf aufmerksam machen das Wälder wichtig sind und industrielle Landwirtschaft nicht gut ist für die Umwelt. // Eine Aktivisten mit Gesichtsbemalung und Kopfschmuck und einem Schild welches ein Systemwandelt fordert sowie ein BAnner im Hintergrund welches fordert den Klimanotstand anzu erkennen. Berlin Berlin Germany *** Extinction Rebellions Dead Tree Train is the kick-off of the week of action The action moves from the Federal Ministry of Agriculture to the Invalidenpark to raise awareness that forests are important and that industrial agriculture

Emotionales Verständnis ist ein Fortschritt, schreiben unsere Gastautorinnen. Bild: www.imago-images.de / JeanMW // Jean-Marc Wiesner

Gastbeitrag

Extinction Rebellion: "Klimaangst ist eine angemessene Reaktion"

Rebecca Fleischmann und Judith Pape, gastautorinnen

Nur mit Unwissen lässt es sich erklären, wenn die Klimadebatte als zu emotional kritisiert wird. 79 Prozent der Beiträge zum Klimawandel in den sozialen Medien zeigten eine ängstliche Haltung, wunderte sich etwa kürzlich ein "FAZ"-Wirtschaftsredakteur. Und das, obwohl es doch durchaus "wirksame Maßnahmen" gäbe, wie etwa Thermostate oder nachhaltige Geldanlagen. Diese Haltung spiegelt ein bekanntes Phänomen wieder: Dass manche Menschen sich über Klimaangst irritiert zeigen und gleichzeitig auf der Ebene von Kleinstlösungen argumentieren – ein klarer Hinweis darauf, dass sie die Dimension der Klimakrise nicht begriffen haben.

Dabei ist die Klimadebatte nicht zu emotional, im Gegenteil: Unsere Gefühle helfen uns, die Klimakrise zu begreifen. Klimaangst, -trauer und -wut sind angemessene Reaktionen auf zutiefst deprimierende und beängstigende Realitäten. Nur wenn wir sie zulassen und anerkennen, kann die Wucht der Klimakrise zu uns durchdringen. Und nur wenn das geschieht, können wir die Kraft finden, eine Klimakatastrophe zu verhindern.

Dafür gibt es auch wissenschaftliche Argumente: Schon länger ist in den Kognitionswissenschaften klar, dass Gefühle unseren Verstand nicht automatisch vernebeln. Im Gegenteil: Emotionen erlauben uns überhaupt erst, reale Bedrohungen zu verstehen und angemessen auf sie zu reagieren. Menschen mit Hirnschäden, die ihre Gefühle nicht mehr als Kompass heranziehen können, treffen entweder schlechte Entscheidungen oder gar keine.

Eine gefühlsgeladene Klimadebatte bedeutet, dass zunehmend mehr Menschen verstanden haben: Die ökologische Katastrophe ist nichts Abstraktes, sondern wird in nächsten Jahrzehnten ganz massive Auswirkungen auf unsere eigenen Lebenspläne haben. Diese Erkenntnis ist wichtig, um ins Handeln zu kommen.

Warum wir Gefühle abwerten

Doch warum wird Klimagefühlen oft kritisch begegnet? Warum werden Trauer, Wut und Angst diskreditiert, oft mithilfe einer völlig fehlplatzierten, fundamentalen Gefühlsskepsis? Die Abwertung von emotionalem Begreifen ist nicht neu, sondern wurzelt in der westlichen Denktradition, für die Gefühle und Vernunft lange als Gegensätze galten. Jene Denktradition, die historisch oft blind machte: Sei es für die Gefahren von emotionaler Kälte, die unser Gegenüber entmenschlicht, oder dafür, Ausbeutung und Zerstörung zu rationalisieren und zu verdrängen.

Es ist dieselbe Denktradition, die Frauen als emotionale Wesen klassifizierte und ihnen über Jahrhunderte den Zugang zur politischen Debatte verwehrte. Aber unsere Gesellschaft hat sich weiterentwickelt: Ebenso wie der Ausschluss weiblicher Stimmen ist ein Entgegensetzen von Gefühlen und Verstand zwar noch nicht überwunden, stößt aber zunehmend auf Kritik.

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Rebecca Fleischmann ist psychologische Psychotherapeutin in Ausbildung, lebt in Berlin und engagiert sich bei Extinction Rebellion Deutschland. bild: privat

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Judith Pape studierte Soziologie in Hamburg in Freiburg, lebt in Berlin und ist bei Extinction Rebellion Deutschland aktiv. bild: privat

Anders verhält es sich mit der Gefühlsskepis, die sich aus Argwohn gegenüber gefühltem Wissen speist. Denn dieser Argwohn ist berechtigt: Vorurteilsbasierte Ängste und Ressentiments können gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nähren. Unreflektierte Intuitionen verfestigen in unserer rassistischen und sexistischen Gesellschaft eben genau diesen Rassismus und Sexismus, wenn wir ihnen nicht entgegenwirken.

Und die Versuchung, gefühlsbegründete "alternative Fakten" einer unschmeichelhaften oder verunsichernden Realität vorzuziehen, kann von Demagogen überall auf der Welt für die eigene politische Agenda ausgenutzt werden. Diese Phänomene beflügeln berechtigterweise den Argwohn gegenüber Gefühlen im politischen Raum.

Gefühle und wissenschaftliche Fakten sind kein Gegensatz

Es kann aber nicht die Lösung sein, die Möglichkeiten des emotionalen Verstehens im Ganzen abzuwerten. Stattdessen sollte es darum gehen, entstehende Gefühle fortwährend zu reflektieren und auf ihre Realitätsbasis zu prüfen: Eine starke emotionale Reaktion auf die eklatante Trantütigkeit unserer Klimapolitik (und die damit in Kauf genommenen Klimafolgen) ist dabei alles andere als blinde Gefühlsduselei. Sie ist mehr als angebracht.

Die Klimabewegung reagiert nicht überemotional – sie hat es geschafft, affektiv zu erfassen, was "kalte" wissenschaftliche Fakten über den ökologischen Kollaps bedeuten. Was es bedeutet, wenn wir das Pariser Abkommen verfehlen: Hundert millionen- bis milliardenfaches persönliches, menschliches Leid. Eine ungeheure Potenzierung aller Krisen, aller Ungerechtigkeiten und aller Ausbeutungsverhältnisse, die sowieso schon existieren und für die wir mit unserer fossilen Emissionsvergangenheit maßgeblich mitverantwortlich sind.

Emotionales Verständnis ist ein Fortschritt, den wir verteidigen sollten. Besonders dann, wenn im öffentlichen Diskurs Klimagefühle diskreditiert und im selben Atemzug eine zerstörerische Politik als vernünftig dargestellt wird.

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