Nachhaltigkeit
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In Berlin-Spandau wachsen im Penny neuerdings Bäume, am Sortiment hat sich aber bislang nichts verändert. bild: watson

Im Test

Penny öffnet "Nachhaltigkeitsmarkt" – so grün ist er wirklich

500 Gramm gemischtes Hackfleisch kosten bei Penny 2,79 Euro – eigentlich. Wer in der Filiale "Grüner Weg" in Berlin-Spandau nach der Packung greifen will, sieht dort aber noch einen anderen Preis stehen: 7,62 Euro. So viel, hat Penny gemeinsam mit Forschern der Universität Augsburg ausgerechnet, müsste das Hackfleisch eigentlich kosten – wenn die ökologischen und sozialen Folgekosten, die durch das Hackfleisch entstehen, mit eingerechnet werden. Die Klimagase, die von den Kühen ausgestoßen werden zum Beispiel, die Energie, die für die Produktion benötigt wird oder die Landnutzungsänderung durch die Produktion von Futtermitteln.

Das alles bezahlen wir an der Supermarktkasse nicht mit – dafür aber später indirekt. Mit unserer Wasserrechnung bezahlen wir die Aufbereitung des vom Düngemittel belasteten Trinkwasser, und für die Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft mit dem Klimawandel samt all seiner Folgekosten. Durchschnittlich, so das Ergebnis der Auswertung, müsste der Verkaufspreis der untersuchten Produkte pro Kilogramm 52 Prozent höher sein, bei Bio-Produkten 32 Prozent. Und konventionelles Fleisch müsste eben ganze 173 Prozent mehr kosten.

In der Berliner Penny-Filiale wird das jetzt sichtbar gemacht. "Wir würden uns freuen, wenn die unterschiedlichen Preisetiketten zum Nachdenken anregen", sagt Penny-Pressesprecher Andreas Krämer. Denn an der Kasse bezahlen die Kunden am Ende den niedrigeren Preis – den ohne die versteckten Kosten also. Bisher sind die Preisschilder mit den "wahren Kosten" also reine Symbolik, Treibhausgase oder Energiekosten gleicht hier niemand aus.

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Berechnet man die Folgekosten mit ein, die durch die Produktion von Lebensmitteln entstehen, müssten diese eigentlich viel teurer sein. bild: watson

Die verschiedenen Preise sind allerdings nicht das einzige, das den Markt in Spandau von anderen Filialen des Discounters unterscheidet. Zwischen Regalen mit Kartoffelpüree und Spiralnudeln ranken sich die Äste eines künstlichen Baums empor, zwischen Butter und Hähnchenbrust sind Flachbildschirme angebracht: An zwanzig Stationen können die Kunden mehr über Nachhaltigkeit erfahren, über Artenvielfalt, Tierhaltung und die richtige Lagerung von Lebensmitteln. "Nachhaltigkeitserlebnismarkt" nennt Krämer das, auch wenn der in weiten Teilen mehr wie jeder andere Penny aussieht als erhofft. Unter Schildern mit überdimensionalen Prozentzeichen liegen Wasserkocher und Dosenwurst – hier geht es vor allem um den Preis.

Kunden bestimmen mit, was im Regal steht

Die sogenannten True Costs der Lebensmittel sind dann erstmal auch nur versteckt an acht der insgesamt 3500 Produkte im Sortiment angebracht – jeweils in der Bio- und in der konventionellen Variante. Wer’s genauer wissen will, bekommt die Kosten dieser Produkte auf einem Bildschirm aufgeschlüsselt. Beim konventionellen Gouda fallen etwa zusätzlich zum eigentlichen Preis 1,75 Euro für die entstehenden Treibhausgase an, 0,68 Euro für die Landnutzungsänderung, dazu kommen 1,62 Euro für Stickstoff und 0,33 Euro für Energie.

Die Hoffnung: Wenn die Kunden sehen, wie viel höher der tatsächliche Preis der konventionellen Produkte ist, könnten sie sich für die etwas teurere, umweltfreundlichere Bio-Variante entscheiden. Wenn sich das in den Absatzzahlen bemerkbar mache, könnten die True Costs auf mehr Produkte ausgeweitet werden, sagt Krämer, in mehr Filialen. Bezahlen sollen Kunden die höheren Preise aber auch dann nicht müssen. "Wir stehen im Wettbewerb mit der Konkurrenz. Bei höheren Preisen gehen die Kunden zu den anderen." Natürlich, gibt er zu, sei Penny mit seinen niedrigen Preisen aber auch Teil des Problems.

"Wir sind darauf angewiesen, dass die Kunden etwas an ihrem Kaufverhalten ändern", sagt Krämer. Die Kunden hätten eine gewisse Macht: "Durch ihr Einkaufsverhalten bestimmen sie mit, was im Regal steht." Das mag stimmen – die Verantwortung auf die Kunden abzuwälzen wäre aber zu einfach. Wer ein großes, leicht zugängliches Angebot an nachhaltiger Ware geboten bekommt, dem fällt es schließlich leichter, sich auch für solche zu entscheiden. Penny hat bisher nur 170 Bio-Produkte im Sortiment, bei 3500 Artikeln insgesamt ist das gerade mal ein Anteil von 4,8 Prozent. Die überwältigende Mehrheit wird also noch konventionell – und damit in der Regel wenig klimafreundlich – produziert.

Zugegeben: Penny spricht nicht vorrangig die Zielgruppe an, der Nachhaltigkeit besonders wichtig ist und die dafür auch den ein oder anderen Euro mehr zur Verfügung hat. "Die Discounter-Kunden sind sehr preisorientiert", sagt Krämer, oft seien die Kunden "Zwangs-Sparer". "Aber auch diese Menschen wollen mit einem guten Gewissen konsumieren. Und sie fragen sich, wo die Sachen, die sie kaufen, herkommen." Eine logische Schlussfolgerung also, auch beim Discounter für das Thema zu sensibilisieren.

Wie sähe Supermarktregal ohne Bienen aus?

Wie das geht? Im nachhaltigen Penny können die Kunden beispielsweise in einem virtuellen (Kühl)schrank testen, wo sie Käse, Äpfel oder Brot am besten aufbewahren. Wer seine Einkäufe richtig lagert, hält sie länger frisch und wirft weniger weg, so die Überlegung. Gouda bewahrt man am besten bei acht Grad im mittleren Fach des Kühlschranks auf, erfährt man da. Der Frischkäse mag es ein wenig kühler im Fach darunter.

Und vor einem Regal mit Frühstücksprodukten wird auf das Bienensterben aufmerksam gemacht. Ein Display zeigt an, wie das dahinterliegende Regal aussehen würde, wenn es keine Bienen mehr gäbe. Wenig überraschend: Es wäre ziemlich leer. 60 Prozent der Lebensmittel sind in diesem Szenario verschwunden, Honig, Schokocreme und Konfitüren sowieso, aber auch der vornehmlich selbstbestäubende Kaffee nimmt ohne die Unterstützung der Insekten deutlich ab. Nur: Interessieren sich die Kunden auch beim schnellen Einkauf in der Mittagspause oder nach Feierabend dafür?

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Ohne Bienen wären die Supermarkt-Regale deutlich leerer. bild: watson

Daran, dass bei Penny inzwischen auch Obst und Gemüse angeboten wird, das nicht ganz der Norm entspricht, müssen sich manche von ihnen offenbar noch gewöhnen. "Das Obst hier ist nicht gut, das ist keine erste Wahl", beschwert sich ein älterer Mann mit grauer Schildmütze in der Obstabteilung und deutet auf Bananen mit minimalen braunen Flecken auf der Schale. "Bis man die letzte im Bund isst, sind sie ganz matschig." Dabei handelt es sich bei den perfekt geformten Bananen aus Costa Rica nicht einmal um die "echten Helden" – unter diesem Namen verkauft Penny Bio-Obst und -Gemüse, das optisch nicht ganz der Norm entspricht. Die Bio-Gurke etwa, die nicht ganz gerade gewachsen ist oder eine verfärbte Stelle auf der Schale hat. "Dadurch hat der Landwirt weniger Sortieraufwand und kann einen größeren Prozentsatz seiner Ware an uns verkaufen", sagt Krämer.

Dabei sind die optischen Makel auf den ersten Blick beim besten Willen nicht zu erkennen. Die Naturgut-Äpfel jedenfalls sind prall, glänzend, groß – und leider in Plastik eingeschweißt. Erst wenn man ein Netz von konventionellen und Bio-Zitronen nebeneinander hält, fällt der Unterschied auf. Eine der Bio-Zitronen ist noch ein bisschen grün, eine andere hat einen Schalenfehler, eine dritte ist etwas kleiner als der perfekt geformte Durchschnitt.

Wenn wir umwelt- und klimabewusst einkaufen wollen, müssen wir eben damit leben, dass nicht alle Äpfel gleich groß und nicht alle Gurken gerade sind. Und uns bewusst machen, dass der Preis, den wir an der Supermarktkasse bezahlen, nicht der ist, den wir durch unseren Konsum verursachen. Ein bisschen Macht haben wir mit unserer Kaufentscheidung eben doch. Die Aktionen von Penny können uns daran erinnern – auch wenn auch die Filiale in Spandau natürlich noch weit davon entfernt ist, wirklich nachhaltiges Einkaufen zu ermöglichen.

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