Nachhaltigkeit
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Dieser Affe lebt im brasilianischen Regenwald. Bild: dpa / Fred Pinheiro

Interview

Naturfilmer "Die Menschheit kann nicht ständig wachsen, ohne dass sie am Ende bezahlen muss"

Aber wenigstens der Natur tut Corona gut. Das hören, lesen oder sagen wir immer wieder. Wir sehen Pinguine, die durch Kapstadt watscheln oder Delphine, die im Bosporus in Istanbul herumschwimmen und denken insgeheim: Ein Gutes hat das Virus ja doch.

Aber stimmt das wirklich? Abgesehen davon, dass es ein recht zynischer Gedanke ist, für ein hehres Ziel wie den Naturschutz einfach mal eben den Tod von bisher über 240.000 Menschen in Kauf zu nehmen, stimmt die Rechnung auch nicht ganz. Darauf verweist Jörn Röver. Der Naturfilm-Produzent und Autor leitet seit 2001 den NDR Naturfilm und produziert unter anderem "Expeditionen ins Tierreich" für den NDR und "Erlebnis Erde" für die ARD.

Röver warnt davor, die gegenwärtige Atempause, die die Natur durch die Corona-Pandemie bekommt, überzubewerten. Im Gespräch mit watson plädiert er stattdessen für langfristige Lösungen und mehr Nachhaltigkeit. Nötig sei ein grundsätzliches Umdenken, sonst werde alles wieder wie vor der Krise – oder noch schlimmer.

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Jörn Röver (l.) bei der Vorstellung des Films "Das grüne Wunder – unser Wald", den er mitproduziert hat. Bild: dpa / Tobias Hase

watson: Wir hören gerade viele gute Nachrichten. Wir sehen zum Beispiel die Bilder aus Venedig, wo wir die Fische wieder im Kanal schwimmen sehen können. Stimmt der Eindruck, dass Corona der Natur hilft?

Jörn Röver: Leider nicht. Die Luft wird schnell wieder sauber, das Wasser wieder klar. Das ist der kurzfristige Effekt, wenn man mal für einige Zeit nicht alles verschmutzt. Aber um das Beispiel Venedig aufzugreifen: Da wird halt der Schlamm, der mit Schadstoffen belastet ist, nicht aufgewirbelt. Das ist vorbei, sobald die Schiffe wieder fahren. Der Dreck ist ja nicht weg. Ich glaube, das sind alles nur minimale Einmal-Effekte.

Vielleicht wird es danach sogar einen Nachhol-Effekt geben?

Wir ahnen es ja schon: Durch die Krise muss die Wirtschaft runterfahren. Es werden weltweit große Kredite aufgenommen. Wenn man sich verschuldet, muss man das auch irgendwie wieder abbezahlen. Es ist also zu befürchten, dass es sogar schlimmer wird. Zumindest wird wohl zunächst mit unverminderter Kraft alles wieder verdreckt und verschmutzt werden wie bisher.

"Corona kann auch ein Weckruf für die Menschheit sein."

Zumal dann womöglich Naturschutz erstmal niemanden interessiert, oder?

Genau. Es werden ja bereits Freiräume für die Wirtschaft geschaffen. Was Amerika zum Beispiel gemacht hat: Umweltauflagen wurden gekippt, um die Wirtschaft anzukurbeln. Oder nehmen Sie den brasilianischen Präsidenten Bolsonaro. In Brasilien wird weiter fröhlich abgeholzt und die Regenwälder abgebrannt.

Andererseits hat Angela Merkel gerade erklärt, dass die Klimaziele gerade jetzt nach oben geschraubt werden sollten.

Ja, das ist interessant. Es ist auch möglich, diese Krise zu nutzen, um darüber nachzudenken, was man eigentlich alles mit der Natur falsch macht. So haben wir auf der einen Seite die Gefahr, dass viele Staaten in einen Nachhol-Effekt verfallen und für vermeintliche Luxusdinge wie Umweltschutz kein Geld mehr haben werden. Aber auf der anderen Seite kann Corona auch ein Weckruf für die Menschheit sein.

Wie meinen Sie das?

Es ist ein kleiner Hinweis aus der Natur, wie groß die Kräfte sind, die man entfesseln kann, wenn man glaubt, man sei der Herrscher der Welt. Es zeigt, wie schnell alles vorbei sein kann. Und das nur durch ein kleines Virus.

"Je mehr wir in die Natur eingreifen, umso wahrscheinlicher sind solche Entwicklungen."

Sie meinen, kleine Wirkung, großer Effekt?

Genau. Vielleicht war es nur ein Mensch, der irgendwo eine Fledermaus mit einem anderen Tier zusammengepfercht hat. Und jetzt müssen wir deswegen alle unser Leben ändern. So klein ist die Welt geworden und so groß sind die Effekte, die in der Natur auftauchen können.

Sie gehen also davon aus, dass unser Umgang mit der Natur eine Rolle bei der Übertragung des Virus auf den Menschen gespielt hat?

Infektionskrankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden, sind ja eine sehr alte Sache. Die meisten großen Infektionskrankheiten stammen aus dem Tierreich. Von der Pest bis zu den Pocken. Je mehr wir in die Natur eingreifen, umso wahrscheinlicher sind solche Entwicklungen.

Was wurde im Fall von Corona denn diesbezüglich genau falsch gemacht?

Nach China werden Wildtiere aus aller Herren Länder gekarrt. Es ist nebenbei auch völlig unnötig – davon ernährt sich in China kaum einer, sondern es ist ein Prestigeding für Besserverdienende. Das spiegelt unser Verhalten gut wider: Wir glauben, uns so etwas leisten zu können und dann gibt es eben unerwünschte Effekte.

Hätte das nicht auch ohne diese Praxis passieren können?

Vielleicht wäre es das, aber so ist es provoziert und extrem beschleunigt worden. Virologen warnen seit vielen Jahren davor. Das ist wie mit den Klimaforschern, die auch immer wieder erklären, da kommt etwas Großes auf uns zu. Viele denken vielleicht: Wer weiß das schon so genau, und ist ja noch lange hin. Aber es gab auch die Bakteriologen, die gesagt haben, gebt den Nutztieren nicht so viel Antibiotika. Und nun haben wir jede Menge multiresistente Keime. Es ist immer das Gleiche. Hinterher denken wir: Hätten wir vor zwanzig Jahren bloß mal darauf gehört.

"Unser Umgang mit der Natur hat viele Länder reich gemacht."

Kann eine umfassende Krise wie die Corona-Pandemie so ein Verhaltensmuster aufbrechen?

Möglich. Die Menschheit lernt ja am ehesten aus Schockeffekten. Erst, wenn eine Brücke zusammenbricht, baut man die nächste stabiler. Anscheinend lernt man nur aus Katastrophen. Der Mensch kann eben nicht gut in die Zukunft denken, wir leben in der Gegenwart. Wir haben im 20. Jahrhundert eine lange Phase des Wohlstands geschaffen. Unser Umgang mit der Natur hat viele Länder reich gemacht. Unsere Wahrnehmung ist: Wenn wir die Ressourcen der Natur verkaufen, geht es uns besser, die Zivilisation kommt voran.

Und dem stimmen Sie nicht zu?

Naja, das ist eben wie ein Kredit bei einer Bank. Man geht hin und bekommt, sagen wir, eine Million. Dann verjubelt man das Geld, macht Party und fährt mit einer dicken Yacht herum. Aber eines Tages kommt der Zahltag. Und dann merkt man, es war gar kein Wohlstand, es war nur ein Kredit.

Die Natur ist also quasi die Bank.

Ja, aber die Natur straft nicht direkt, wenn wir den Kredit verzockt haben. Wir haben über viele Jahrzehnte Ressourcen verbraucht, Ozeane verschmutzt, Arten ausgerottet und gut davon gelebt. Jeder Wald, der abgeholzt wird, wird ja vorher verkauft. Und erst in der nächsten Generation merkt man, ups, das führt ja zu Wüstenbildung.

Ob da so ein einmaliger Schockeffekt ausreicht, um das zu ändern?

Vielleicht. So ein Virus ist ja eine vergleichsweise kleine Gefahr. Dagegen wird es vielleicht einen Impfstoff geben. Aber gegen den Klimawandel gibt es keinen Impfstoff. Das sind viel längerfristige und teilweise unumkehrbare Effekte für Jahrtausende.

"Die Menschheit kann nicht ständig wachsen und immer mehr verbrauchen, ohne dass sie am Ende dafür bezahlen muss."

Was können wir alle an unserem Lebensstil und Konsumverhalten ändern, um zum Umwelt- und Naturschutz beizutragen?

Einer der Haupteffekte ist unsere Fliegerei. Ich bin eigentlich ganz froh darüber, dass ich gerade alle Meetings digital machen kann. Davor hat man das nicht gemacht, da hat man sich halt getroffen. Vielleicht bleibt das auch. Es spart nicht nur Geld, sondern auch Ressourcen. Auch privat sollte man sich überlegen, wie viele Flugreisen wirklich nötig sind.

Und abgesehen vom Fliegen?

Auch was man isst, ist wichtig. Landwirtschaft muss nachhaltig sein. Nur ein Bruchteil der Deutschen kaufen heute ökologische Produkte. Auch die Wegwerfmentalität bei Kleidern ist fatal, etwa 25 Prozent der Pestizide werden auf Baumwollfeldern versprüht. Aus der Baumwolle werden dann Unmengen billige Kleidung produziert, die sich in unseren Schränken stapelt.

Etwas zugespitzt gefragt: Wäre es dann nicht am besten, wenn die Corona-Beschränkungen – etwa für Fernreisen – noch möglichst lange bestehen?

Erfolgreich wäre das nur, wenn viele Politiker und Menschen in der Welt aus dem Schock der Corona-Krise ableiten, mit der Natur künftig anders umzugehen. Unser Leben muss nachhaltig werden. Die Menschheit kann nicht ständig wachsen und immer mehr verbrauchen, ohne dass sie am Ende dafür bezahlen muss.

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