Nachhaltigkeit
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Die Lavendelfelder von Valensole sind ein beliebtes Motiv für Instagram – zum Ärger der Lavendelbauern. bild: instagram/intothefab

Jagd nach Likes: "Stern TV" zeigt, wie Influencer beim Reisen die Umwelt zerstören

Polina Marinova kann es kaum abwarten, bei ihrem Urlaub auf Bali den Lempuyang-Tempel zu besichtigen: Ein Tor aus zwei gigantischen, mit Ornamenten verzierten Steinsäulen, zwischen denen der Besucher ganz klein und verloren wirkt, davor eine spiegelnde Wasserfläche, die dem Ort das Gefühl von absoluter Ruhe verleiht. Immer wieder hat die New Yorkerin sich Fotos des Tempels angeschaut: Knapp 25.000 davon wurden unter dem Hashtag #gatesofheaven bei Instagram gepostet.

Doch als Marinova selbst vor dem Tempel steht, ist von der Wasserfläche, in der sich schon tausende Influencer gespiegelt haben, nichts zu sehen. "Ich fragte den Reiseleiter: 'Ist das Wasser auf der anderen Seite?'", erzählt sie in der aktuellen Ausgabe von "Stern TV". Doch der Reiseleiter winkt nur ab. "Nein, nein, das ist nur eine Spiegelung. Man hält nur ein Stück Glas unters Iphone."

Und tatsächlich: Mitarbeiter des Tempels stehen bereit, um mit einer Glasscheibe fürs Foto eine Wasserfläche zu simulieren, die es gar nicht gibt. Macht sich eben gut auf dem Foto, bringt vielleicht ein paar Likes mehr. Und so haben die Reiseleiter auch keine Ahnung von der Geschichte des Tempels: "Sie sagten: 'Das will niemand wissen, alle kommen nur für das Foto'", berichtet Marinova.

Zertrampelte Felder und verärgerte Anwohner

Der Lempuyang-Tempel auf Bali ist keine Ausnahme. Auf Instagram gibt es zuhauf Reisefotos, die die Illusion eines Ortes kreieren, den es so in der Realität gar nicht gibt. Das mag ärgerlich sein für diejenigen, die dem Fake auf den Leim gegangen sind, wegen der traumhaft schönen Bilder extra die Reise dorthin auf sich genommen haben – und dann von der Realität enttäuscht werden. Doch teilweise schüren Influencer mit ihrer Jagd nach Likes nicht nur falsche Hoffnungen und verärgern Anwohner, sondern zerstören auch die Umwelt.

Ein Beispiel: Die Lavendelfelder im französischen Valensole. Zu tausenden strömen Menschen im Sommer hierhin in die Provence, um sich im bunten Sommerkleidchen und mit Strohhut auf dem Kopf zwischen den weitläufigen lilafarbenen Feldern knipsen zu lassen. Das Problem: Sie zertrampeln dabei Felder, pflücken Sträuße und hinterlassen Müll.

Und auch am Strand von Puerto de la Cruz auf Teneriffa, wo Urlauber für das perfekte Instagram-Foto tausende Steintürmchen aufgestapelt haben, sorgen sie für massive Umweltschäden. Denn unter den Steinen suchen normalerweise Insekten und andere kleine Tiere und Pflanzen Schutz. "Das ist wie ihr Zuhause", sagt Umweltschützer Felix de la Rosa zu "Stern TV". "Es ist ein Ökosystem, das die kleinsten Lebewesen mit den großen Tieren in einer Nahrungskette verbindet. Wenn wir einen Teil davon schädigen, hat der nächste Teil hier keine Zukunft und wird die Insel verlassen."

Um Eidechsen, Insekten und Vögel zurückzulocken gibt es deshalb inzwischen Aufräumaktionen mit Freiwilligen, die die Türme behutsam Stein für Stein wieder abtragen. Denn mit bloßem umwerfen der Steintürme ist es nicht getan – damit würde man die winzigen Lebewesen schädigen. "Menschen aus der ganzen Welt mit dem gleichen Problem haben sich nach der Aktion bei uns gemeldet", sagt de la Rosa. "Jetzt ist es eine globale Bewegung."

Posieren im See voller giftiger Stoffe

Es gibt jedoch nicht nur Umweltzerstörung, die durch Influencer entsteht, sondern auch solche, die Influencer für das perfekte Foto nutzen. In letztgenannte Kategorie fällt ein strahlend türkisfarbener See im russischen Novosibirsk – der wegen seiner Farbe den Beinamen "Malediven von Novosibirsk" trägt. Doch die zahlreichen Bikinifotos am Strand täuschen: Die Influencer stehen nicht vor einem tropischen Badesee, sondern der Abwassergrube eines Kohlekraftwerks.

Seine Farbe erhält der Teich, weil er voller Kaliumsalze und Metalloxide ist. Der Kraftwerksbetreiber warnt deshalb: Bei Hautkontakt könne das Wasser zu allergischen Reaktionen führen, außerdem sei der Boden des Sees so matschig, dass es fast unmöglich sei, dort alleine wieder herauszukommen.

Das hält zahlreiche Influencer aber nicht davon ab, am oder im See zu posieren. Der 23-jährige Alexey Cherenkov paddelte auf einem aufblasbaren Einhorn sogar mehrfach im See – und trank laut eigener Aussage sogar etwas von dessen Wasser. Danach habe er rote, juckende Beine bekommen, berichtet er "Stern TV", auch insgesamt habe sich sein Gesundheitszustand seither verschlechtert, er fühle sich müde und schlapp. Ob das die 1122 Likes für das Foto wert waren?

(ftk)

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