Nachhaltigkeit
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24 Stunden lang demonstriert Extinction Rebellion vor dem Wirtschaftsministerium. bild: watson

watson live dabei

Kunstblut und Seifenblasen: Extinction Rebellion kämpft mit zivilem Ungehorsam fürs Klima

Ein Zirkuszelt, auf dessen Boden bunte Tücher ausgebreitet sind, fliegende Jonglierbälle und Hula-Hoop-Reifen, durch die Luft schwebende Riesen-Seifenblasen, junge Frauen in bunten Kleidern, die in der Sonne tanzen. Aber auch Geldsäcke neben qualmenden Schornsteinen, Männer in Anzügen, die in einem mit "Blut" gefüllten Planschbecken sitzen, mit Tiermasken verkleidete Menschen in Käfigen. Und ein Tauziehen um die Zukunft, bei dem diese beiden Gruppen gegeneinander antreten.

Die Klimaaktivisten von "Extinction Rebellion" haben zu einer neuen Rebellion Wave aufgerufen – die über ganz Deutschland und das Netz hinwegschwappen soll. In 45 Städten soll es eine Woche lang unter dem Motto #weitersowargestern Demonstrationen und Aktionen des zivilen Ungehorsams geben. In Hamburg etwa blockierten Aktivisten am Morgen den Zugang zum NDR – und protestierten vor dem "Spiegel"-Gebäude. Sie forderten mehr Berichterstattung über die Klimakrise. Vor der Zentrale von Westfleisch in Münster wurde ein symbolisches Blutbad mit 1000 Litern Kunstblut angerichtet.

Und in Berlin vereinigten sich zwei Protestzüge vor dem Wirtschaftsministerium – die einen Demonstranten in bunten Tierkostümen, die anderen in Anzügen und mit Aktenkoffern in der Hand. 24 Stunden wollen sie hier ausharren. Annemarie Botzki, Pressesprecherin von Extinction Rebellion, schreibt in einer Pressemitteilung:

"Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie blockiert seit Jahren effektiven Klimaschutz. Wir fordern, dass die Lobbyisten großer Konzerne und Wirtschaftsverbände aus den Ministerien und dem Bundestag verwiesen werden und stattdessen eine Bürgerversammlung eingesetzt wird, die sich mit zentralen gesellschaftlichen Problemen wie der Klimakrise befasst."

Anders als im vergangenen September, als die Klimaaktivisten den großen Stern in Berlin blockierten, gibt es diesmal keine Straßensperren und Massenproteste. Alles soll dezentral ablaufen, der Corona-Pandemie wegen. "Es wird in den kommenden Tagen aber noch einiges auf uns zukommen", sagt Pressesprecher Tino Pfaff gegenüber watson.

Demonstrant stellt drei zentrale Forderungen auf

Antonios ist trotz der dezentralen Ausrichtung der Protestwelle von Nürnberg nach Berlin gereist. Er trägt schwarze, weite Stoffhosen, eine mit Broschen verzierte Weste, an seinem Gürtel baumeln Leuchtstäbe zum Jonglieren und eine Maultrommel zum Musizieren. Ihm geht es um Nachhaltigkeit, bei seiner Kleidung ebenso wie bei der Anreise nach Berlin. "Die Ressourcen müssen geschont und die Wegwerfgesellschaft gestoppt werden", sagt er.

Fragt man, was Extinction Rebellion erreichen will, dann erhält man von Antonios die gleiche Antwort wie von den anderen Demonstranten: Es sollen drei Forderungen durchgesetzt werden. Eine davon lautet, dass die Regierung "die Wahrheit sagen", den Klimanotstand ausrufen und alle Fakten über die ökologische Krise offenlegen soll. "Der Stand der Wissenschaft muss kommuniziert werden", sagt Antonios dazu.

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Extinction Rebellion hat Kapitalismus und Kohle den Kampf angesagt. bild: watson

Zudem sollen die Treibhausgasemissionen schon bis 2025 auf Netto-Null gesenkt werden. Maßnahmen gegen die ökologische Katastrophe soll eine Bürgerversammlung erarbeiten – an deren Beschlüsse sich die Regierung zu halten hat.

Wie wir in fünf Jahren klimaneutral werden sollen? Konkrete Lösungsvorschläge und Handlungsempfehlungen dafür liefert Extinction Rebellion nicht. Immer wieder wird auf die geforderte Bürgerversammlung verwiesen. "Expertise gibt es schon genug. Wir sind nicht die Experten, die Lösungsvorschläge haben andere schon gemacht", sagt Tino Pfaff, der einen grundlegenden Systemwandel fordert.

Dass Extinction Rebellion zu dessen Durchsetzung über bloßen Protest hinaus geht – Mitbegründer Roger Hallam sagte einst, der Klimawandel sei größer als die Demokratie –, brachte den Klimaaktivisten in der Vergangenheit Kritik ein. Bei Extinction Rebellion Deutschland gibt man sich weniger radikal. "Es ist wichtig, dass alles gewaltfrei bleibt", sagt Tino Pfaff. Er betont aber auch: "Aber Proteste allein haben in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten wenig gebracht." Das bedeute nicht, dass Demonstrationen wie etwa von Fridays for Future sinnlos seien. Aber:

"Wir hätten kein Wahlrecht für Frauen, wir hätten keinen acht-Stunden-Tag, wir hätten keinen Atomausstieg, wenn es keinen zivilen Ungehorsam gegeben hätte. Das ist ein probates Mittel, um sich Verhör zu verschaffen."

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Antonios setzt sich bei Extinction Rebellion für Nachhaltigkeit ein. bild: watson

Yoga und Meditation

Aufsehen erregen und stören ja, Gewalt anwenden nein. "Das heißt aber nicht, dass wir die Kämpfe im globalen Süden, etwa bei indigenen Völkern, nicht unterstützen", sagt Tino Pfaff. "Wenn es keine anderen Mittel gibt, dann ist das legitim."

Dafür, dass es bei der Berliner Demo nicht eskaliert, sorgt ein spezielles Deeskalationsteam. Chris und ihre Mitstreiterinnen tragen mit Friedenstauben bedruckte Warnwesten und "sorgen dafür, dass es allen gut geht" – zum Beispiel, wenn Straßen blockiert werden und Demonstranten von der Polizei weggetragen werden. "Wir führen Gespräche mit der Polizei und schauen, dass diese nicht übergriffig wird", sagt sie. "Aber wir schreiten auch ein, wenn sich jemand aus den eigenen Reihen nicht an die zehn Prinzipien hält, zu denen auch Gewaltfreiheit zählt."

Viel zu tun hat Chris bei der Berliner Demo offenkundig nicht. Gerade singt Soya the Cow im roten Leopardendress und mit Kuhhörnern auf dem Kopf ein Lied über das Aussterben der Arten, ein paar Mädels tanzen, über ihren Köpfen schweben Seifenblasen. Später sollen Yoga, Meditation, Diskussionsrunden, Improtheater und eine Silent Disco folgen.

Die friedliche Atmosphäre bedeutet aber nicht, dass es den Demonstranten nicht ernst ist. "Die Bundesregierung macht weiter auf der Schiene, auf der wir vor Corona waren. Dabei hat die Pandemie gezeigt, dass radikale Änderungen möglich sind. Nur bei der Klimakrise wird die Wichtigkeit nicht gesehen", sagt Martina. Sie steckt im Kostüm eines tasmanischen Tigers – der ausgestorben ist. "Wir befinden uns mitten im sechsten Massensterben", sagt Martina. Sie ist hier, weil die Politik und die Automobilindustrie einen "Tritt in den Hintern" bräuchten.

Welche Tritte in den Hintern es die kommenden Tage noch geben wird, wollen die Demonstranten nicht verraten. Nur dass es sie geben wird, das versprechen sie.

(ftk)

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