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Germania-Mitarbeiter erzählt, wie er kurz nach der Landung von der Insolvenz erfuhr

Kurz nach der Landung gegen 1 Uhr am Morgen hat er es erfahren: Das war sein letzter Flug für die Airline Germania. Flugbegleiter Jonas Schmidt spricht über seine letzte Nacht bei der Fluglinie.

Nathalie Helene Rippich / t-online

Gegen 0.50 Uhr hat der Airbus 321 auf dem Flughafen Münster-Osnabrück aufgesetzt. Als er etwa viereinhalb Stunden vorher auf der Kanareninsel Fuerteventura abgehoben ist, wussten die siebenköpfige Crew und die 110 Passagiere an Board noch nichts von der Insolvenz der Fluggesellschaft. "Wir haben erst nach der Landung aus dem Intranet davon erfahren, es gab gar keine Infos vorher", sagt Flugbegleiter Jonas Schmidt zu t-online.de

Der 21-Jährige war als Flugbegleiter an Bord eines der letzten Flüge von Germania. "Nach uns ist nur noch eine Maschine gelandet. Wir haben noch an Bord davon erfahren, dass das für uns das letzte Mal war." Zwar kam die Insolvenz für die Besatzung nicht ganz aus heiterem Himmel – über die finanziell desolate Lage der Airline wurde in den vergangen Wochen viel gesprochen – dennoch sei das "ein harter Brocken" gewesen. 

Von den Passagieren gab es aufmunternde Worte

Von den Passagieren gab es aufmunternde Worte

Schmidt und seine Kollegen seien "sehr, sehr, sehr, sehr traurig und extrem schockiert" gewesen. Der leitende Flugbegleiter habe das Wort nach der Hiobsbotschaft direkt an die Passagiere gerichtet. "Er hat ihnen gesagt, dass es manchmal schneller geht, als man denkt." 

Schmidt sagt, dass es kurz still wurde an Bord des Airbus 321, und dass dann Getuschel eingesetzt hätte. "Die Passagiere waren besorgt, was mit anderen bereits gebuchten Flügen passieren würde und mit den Menschen, die jetzt an Flughäfen festsitzen würden." Sehr schnell hätte sich die Aufmerksamkeit dann aber auf die Crew, die zwei Piloten und fünf Flugbegleiter gerichtet. "Sie hatten sehr viel Mitleid mit uns, haben uns alles Gute gewünscht, die Hände geschüttelt. Das war schon bewegend", sagt Schmidt am Telefon. 

Am frühen Morgen, nachdem die Crew das letzte Mal den Germania-Flieger verlassen hat, hätte man sich an der Hotelbar zusammengesetzt "und erstmal ein Getränk genommen. Das musste erstmal verdaut werden." Jetzt, da er die Nachricht verinnerlicht habe, seien "Wut, einfach nur Wut ohne Ende und totales Unverständnis" die vorherrschenden Gefühle. Vor allem über die Informationspolitik der Geschäftsführung. "Es ist einfach unfair, dass wir von der Insolvenz zeitgleich mit allen anderen erfahren haben. Das ist die schlechteste Kommunikation, die ich jemals erlebt habe – und das sagen alle anderen Kollegen auch."

Die letzten Wochen an Bord waren zermürbend

Germania sei eine Airline, bei der jeder jeden kenne, sagt Schmidt. Dass niemand es für nötig gehalten habe, die Mitarbeiter vorzubereiten, ist für Schmidt ein Unding. "Vor zwei Wochen hieß es noch: 'Macht euch keine Sorgen, wir kriegen das Geld' und auf einmal muss ich mir einen neuen Job suchen – wir fühlen uns verarscht." Man hätte die Mitarbeiter respektvoll über die unmittelbar bevorstehende Insolvenz informieren müssen, sagt Schmidt. 

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Maschinen der insolventen Germania am Dienstag in Düsseldorf. Bild: imago 

Die letzten Wochen seien schon sehr zermürbend gewesen. Die Arbeit an Bord schwer. Gehalt gab es keins, das sorgte für Unmut. Existenzängste hätten sich breit gemacht. Bei einigen gab es auch die Hoffnung, dass es doch wieder bergauf geht. Es habe kein anderes Thema mehr gegeben, sagt Schmidt. Aber ihre Arbeit hätten alle Germania-Mitarbeiter in der Luft und am Boden gemacht. 

Nachdem Schmidt und seine Kollegen die Nachricht verdaut hatten, wartete der nächste Schlag: Die Crew musste am Vormittag aus ihrem Hotel in Münster auschecken, in dem sie ihre Ruhezeit verbracht hatte. Danach sollte es wie üblich mit einem Mietwagen zurück nach Bremen gehen, wo sie ihre Basis hat. Während des Telefonats ist Schmidt noch zuversichtlich, dass alles klappt und wenigstens die Heimreise noch von der Germania übernommen wird. "Wir haben ja eine Reservierungsnummer im Dienstplan. Da bin ich guter Dinge."

Doch es kam anders.

Kurz nach dem Telefonat meldet er sich per Sprachnachricht: Die Reservierung sei vom Unternehmen storniert worden. Eine Information dazu hatte die Crew nicht. Jetzt fahren sie mit der Regionalbahn auf eigene Kosten – und das, wo sie für den Januar kein Gehalt ausgezahlt bekommen haben. Einige Kollegen hätten sich in den letzten Wochen schon bei der Konkurrenz beworben. 

Wie es jetzt weitergeht, ist der Crew von Flugnummer ST 4205 nicht klar. "Wir wissen noch nicht, ob wir unser letztes Gehalt noch bekommen und was wir überhaupt bekommen." Was ihnen jetzt mit der Insolvenz bevorsteht, sei ein großes Fragezeichen. "Alles, was wir wissen, ist, dass der Insolvenzverwalter sich an uns wenden wird. Dann gucken wir weiter."  

Schmidt wird die Fliegerei an den Nagel hängen. "Ich sehe das jetzt als Zeichen, dass es einfach nicht sein soll." Mit 21 Jahren stünden ihm noch alle Türen offen. Anders sehe das bei vielen Kollegen aus, die schon seit Jahren im Beruf sind. Zuletzt wurden auch Kollegen der ebenfalls insolventen Air Berlin übernommen. "Für die Kollegen ist das alles noch viel schlimmer."

Dieser Artikel erschien zuerst auf t-online.de

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