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Früher Hertha-Stars, heute Trainergespann der Berliner U23 in der Regionalliga: Coach Andreas "Zecke" Neuendorf (2.v.l.) und Co-Trainer Malik Fathi (2.v.r.). Bild: imago images / Matthias Koch

Interview

Zecke Neuendorf über Klinsmann und wichtige Jugendarbeit: "Geld schießt Tore"

Roman Weidenfeller, Ulf Kirsten, Angsar Brinkmann oder Ailton: Am Samstag wird es in der Berliner Max-Schmeling-Halle nostalgisch. Beim elften AOK Traditionsmasters, Europas größtem Fußball-Hallenturnier, treffen für Schalke, den BVB und die Berliner Klubs Hertha und Union Dutzende Bundesliga-Legenden aufeinander. Für Hertha-Urgestein Andreas "Zecke" Neuendorf ist das Turnier Heimspiel und Klassentreffen zugleich. Wenn er nicht gerade für die Altherren aufläuft, kümmert er sich um die Zukunft seines Herzensklubs.

Der mittlerweile 44-Jährige ist Trainer der U23 von Hertha BSC und will so viele Nachwuchskicker wie möglich in die Bundesliga führen. Als watson ihn in der Hertha-Akademie unweit des Olympiastadions trifft, sitzt der ehemalige Profi gerade mit seinem Team beim Mittagessen. Es gibt Nudeln mit Sauce Bolognese. "Ich hab einen kleinen Überraschungsgast mitgebracht", sagt Zecke: "Malik Fathi zockt beim Traditionsmasters auch mit und hat ganz viel zu erzählen." Fathi, ehemaliger deutscher Nationalspieler, spielte jahrelang mit Zecke für Hertha und ist sein Co-Trainer in der Regionalliga. Die beiden Kumpels verstehen sich auch neben Platz: 2006 hatten sie einen gemeinsamen Auftritt im Musikvideo "Sonnenbank Flavour" von Rapper Bushido.

Im Interview mit watson sprechen die Ex-Spieler über Bauch-Vergleiche mit ehemaligen Mitspielern, die Zusammenarbeit mit Jürgen Klinsmann und erklären, warum der neue Cheftrainer der Profis eine wichtige Denkweise aus den USA mit nach Berlin genommen hat.

watson: Wie fühlt sich so ein Traditionsmasters an?

Andreas "Zecke" Neuendorf: Wie Klassentreffen. Ich bin weder bei Facebook noch Twitter oder Instagram und habe dadurch wenig Kontakt zu ehemaligen Mitspielern. Bei diesen Traditionscups treffe ich dann viele aus meiner Zeit bei Hertha oder Leverkusen und von den Unionern kennt man auch einige Leute, da sie ja auch in unserer Stadt leben. Man schaut sich an und fragt: Wer hat mehr Bauch? Ist ja auch eine ungünstige Zeit sofort nach Weihnachten. (lacht)

Malik Fathi: Ich bin das erste Mal dabei und freue mich vor allem auf die Stimmung, die ausverkaufte Hütte, natürlich freue ich mich auf den Derby-Charakter. Aber gegen Union ist dann Schluss mit lustig.

Warum?

Fathi: Da müssen wir Leistung zeigen. (lacht)

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Kumpels mit acht Jahren Altersunterschied: Neuendorf (l.) und Fathi beim Jubel für Hertha. Bild: imago images / Ulmer

Auf wen freut ihr euch am meisten?

Neuendorf: Auf unseren ehemaligen Mitspieler Christian Giménez. Den habe ich seit mindestens zehn Jahren nicht mehr gesehen. Als Fußballprofi bist du mit deinen Mitspielern häufiger zusammen als mit deiner Familie, da lernt man sich schätzen. Wenn dann einer plötzlich den Klub wechselt, dann bricht der Kontakt schnell ab. Aber mit Giménez wird es auch nach so vielen Jahren so sein, als ob wir gestern noch zusammen gealbert hätten.

Fathi: Auf Giménez freue ich mich auch.

Neuendorf: Außerdem auf die unbekannteren Leute, die viele Fans gar nicht kennen. Auf so Berliner Fußball-Legenden wie Michael Fuß, der, ohne zu übertreiben, bestimmt 10.000 Tore in seiner Karriere geschossen hat. Oder Hakan Authman, ein starker Torhüter. Das sind richtig coole Typen. Oli Reck habe ich letztens bei einem Turnier gesehen, als er für Werder Bremen spielte. Gegen den habe ich mein erstes Bundesliga-Tor geschossen. Da musste ich sofort dran denken.

AOK Traditionsmasters 2020

Wann? 11. und 12. Januar

Wo? Max-Schmeling-Halle, Berlin

Wer? Hertha BSC, 1. FC Union Berlin, Werder Bremen, Bayer 04 Leverkusen, Schalke 04, Borussia Dortmund, Tennis Borussia und Dinamo Tiflis sind mit ihren Traditionsmannschaften dabei.

Wer hat das Bauch-Duell gewonnen?

Neuendorf: Ich habe natürlich gar keinen Bauch. (lacht) Oli Reck ist fast zwei Meter groß und seine Kilozahl fängt sicherlich vorne mit einer Eins an. Da bin ich noch nicht, aber er ist auch zwei Köpfe größer. Deswegen glaube ich an ein Unentschieden.

Malik, du hast noch die Figur eines Fußballprofis...

Fathi: Ich bin ja auch nochmal zehn Jahre jünger als Zecke. Der hat mit 38 Jahren noch gekickt. Ich bin erst 36.

Neuendorf: Malik, du trainierst ja auch oft noch bei der U23 mit. Du willst das jetzt sicherlich nicht hören, aber du hättest sicherlich keine Probleme, in der Regionalliga mitzuhalten. Ganz im Gegenteil: Du wärst noch einer der auffälligsten Spieler.

Fathi: In dem Zustand geht das nicht. Da müsste ich noch Aufbauarbeit leisten.

Neuendorf: Quatsch, du gewinnst deine Trainingsspiele immer.

Habt ihr Jürgen Klinsmann schon davon erzählt, dass er im Fall von vielen Verletzten noch so einen Verteidiger in der Hinterhand hätte?

Fathi: Den müssten wir mal fragen. Ich glaube nicht, dass er mich als Spieler kennt. Ich war ja nun mal nicht der größte Stern am Bundesliga-Himmel. (lacht)

Neuendorf: Du bist Nationalspieler gewesen. Keine Frage kannte der dich.

"Jürgen Klinsmann ist ein Weltstar. Ich weiß nicht, wann das letzte Mal so viel über uns berichtet wurde. Das ist ein positiver Effekt"

Andreas "Zecke" Neuendorf

Wie verläuft die Arbeit zwischen den Profis von Jürgen Klinsmann und eurer U23?

Neuendorf: Jürgen Klinsmann ist ein Weltstar. Ich weiß nicht, wann das letzte Mal so viel über uns berichtet wurde. Das kannten wir nicht, obwohl wir der Hauptstadtklub sind. Das ist ein positiver Effekt. Aber es hat sich für uns nicht viel geändert. Pal Dardai und Ante Covic waren beide schon Hertha-Trainer im Jugendbereich, weswegen die Zusammenarbeit zwischen Profis und Nachwuchs eng war. Diese Arbeit führt Jürgen Klinsmann fort. Das ist wichtig.

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Fathi (l.) machte 2006 unter Joachim Löw zwei Spiele für die deutsche Nationalmannschaft. Bild: imago images / Team 2

Warum?

Neuendorf: Otto Rehhagel hat mal gesagt: "Geld schießt keine Tore". Ich sehe das anders: Geld schießt Tore. Ein Lewandowski kostet so viel, weil er so viele Tore schießt. Ein Klub wie Hertha BSC kann sich nicht Transfers für 80 oder 90 Millionen leisten, also ist die Sichtung der Spieler aus der eigenen Akademie wichtig. Unser Ziel ist es, ständig den nächsten Profi herauszubringen.

Das Ziel für diese neue Generation wird derzeit vom Klub klar kommuniziert: Es soll für Hertha nach Europa gehen.

Neuendorf: Da ist Jürgen Klinsmann ein Glücksfall für uns, weil er dieses große Denken aus den USA mitgebracht hat. Wir streben nach dem Bestmöglichen. Es ist legitim, dass wir uns ehrgeizige Ziele setzen. Sollen wir den Fans sagen, dass wir in fünf Jahren um Platz neun spielen wollen? Das ist doch Quatsch. Das ist ein ambitioniertes und realistisches Ziel, denn auch der Tabellenvierte kann in die Champions League kommen.

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Als Hertha noch ein Spitzenteam war: Andreas Schmidt, Torwart Gabor Kiraly, Sebastian Deisler und Andreas Neuendorf (v.l.nr.) in der Saison 2001/2002. Bild: imago images / Contrast

Du gehörst zu der Generation von Hertha-Spielern, die noch in der Champions League spielten. Was hat euch damals so stark gemacht?

Neuendorf: Das war eine andere, aber eine schöne Zeit. Wir hatten eine Kracher-Mannschaft. Wir hatten Topspieler und zahlreiche Nationalspieler im Team. Mit Sebastian Deisler von Gladbach hatten wir den begehrtesten Spieler des Landes geholt. Der galt als größtes Talent Deutschlands. Das war unser Stellenwert damals. Es war normal, in Europa zu spielen, und da wollen wir wieder hin. Aber, um auf Rehhagels Zitat zurückzukommen: Andere Vereine haben derzeit mehr Geld, um Tore zu schießen.

"Wir haben in Berlin ein Überangebot an guten Spielern im Nachwuchsbereich – wir können kaum alle unterbringen."

Andreas "Zecke" Neuendorf

Ihr habt mit Hertha Erfolge gefeiert, spielt nun in der Traditionsmannschaft und seid Jugendtrainer im Klub. Wie übertragt ihr die Hertha-DNA an die jungen Spieler?

Fathi: Wir versuchen, den Spielern klar zu machen, dass sie für ihre Stadt unter perfekten Bedingungen spielen können. Das ist aber natürlich eine Charakterfrage. Man muss die DNA auch annehmen.

Neuendorf: Die Hertha-DNA kommt automatisch. Dieses "Berliner sein" ist etwas Besonderes. Das entwickelt sich schon in den Jugendteams bei uns, die einen Großteil ihrer Spiele gewinnen: Die Kinder merken, wie besonders es ist, wenn sie für uns bei Turnieren gegen Real Madrid oder PSG spielen. Zudem ist es auch ein Status: Wenn du unter Berliner Kids beim Kicken auf der Straße mit Hertha-Trainingsanzug spielst, dann bist du wer.

Berlin hat also einen Standortvorteil im Nachwuchsbereich?

Neuendorf: Wir haben in Berlin ein Überangebot an guten Spielern im Nachwuchsbereich – wir können kaum alle unterbringen. Wir haben in den vergangenen 14 Jahren über 70 Bundesliga-Spieler herausgebracht. Das sind fünf Spieler im Jahr, das ist überdurchschnittlich.

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Union-Legende Torsten "Tusche" Mattuschka (l.) und Hertha-Urgestein Andreas "Zecke" Neuendorf waren bei der Handball-WM 2019 Botschafter von Berlin. Bild: imago images / Matthias Koch

Nicht jeder Hertha-Jugendspieler macht bei euch das erste Spiel in der Bundesliga...

Neuendorf: Das war bei mir ja auch so: Ich kam über Leverkusen in die Bundesliga und dann zurück in die Heimat. Aber diese Spieler vergessen Hertha nicht: Ich kenne so viele Spieler, die mal hier waren und noch immer sagen, dass ihr Herzensklub Hertha BSC ist. Ob das Jérôme und Kevin-Prince Boateng oder Patrick Ebert sind. Das war für mich und Malik auch so. Aber ja: Unser Wunsch ist es, dass die Jungs ihr erstes Bundesligaspiel für uns machen. Das muss das Ziel sein.

Wie tief ist die Hertha-DNA bei dir drin: Gibt es am Samstag einen Trikottausch mit Torsten Mattuschka oder einem anderen Unioner?

Neuendorf: Ich schätze ihn und viele von den Kollegen, aber das ist so eine Sache, die man nicht macht. Alleine aus Respekt vor unseren Fans.

Musik-Bands als Fußball-Wappen

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