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Jörg Dahlmann war 2013 Gast bei ZDF-Talker Markus Lanz. Bild: picture alliance/rtn - radio tele nord

Interview

Kommentator Jörg Dahlmann über die Bundesliga: "Viel Geheimniskrämerei"

Jörg Dahlmann ist ein bisschen so wie der FC Bayern München: Unter Fußballfans gibt es nur zwei Meinungen zu ihm. Die einen lieben den Kommentator für seine lebhaften Live-Reportagen, die anderen können den Mann mit seinem ganz eigenen Sprachstil partout nicht hören.

"Ich weiß damit umzugehen", sagt Dahlmann im Gespräch mit watson und betont: "Ich kann auch meine Kritiker manchmal verstehen." Denn durch seine ganz eigene Art des Kommentierens wurde der 60-Jährige zu einem der bekanntesten Fußball-Reporter Deutschlands.

Seinen Status hat sich Dahlmann über Jahrzehnte erarbeitet, er ist selbst ein Stück Fernsehgeschichte: Er war im ZDF, bei Sat.1, Premiere, dem DSF und Nachfolger Sport 1 zu hören. Seit zwei Jahren sitzt er bei Sky am Mikrofon und kommentiert von der Champions League über die Bundesliga-Konferenz bis zur zweiten Liga so ziemlich alles.

Im Interview mit watson erklärt Dahlmann, wie er auf hasserfüllte Kommentare in den sozialen Medien reagiert, welche Trainer er besonders ins Herz geschlossen hat und wie lange er noch kommentieren will.

watson: Wenn man an Sie denkt, hat man vor allem Fernsehbilder von gähnenden Fans im Stadion im Kopf, die im Spiel dazwischen geschnitten werden. Ist das die Dahlmann-Dramaturgie?

Jörg Dahlmann: Korrekterweise muss man sagen, das war die Dahlmann-Dramaturgie. Jetzt bin ich zu 100 Prozent auf die Live-Berichterstattung bei Sky fokussiert. Das ist ein anderer Ansatz, aber naturgemäß sind das andere Bilder.

Ein Fußballspiel hat ja per se eine eigene Dramaturgie. Warum braucht es da eine zusätzliche Dahlmann-Dramaturgie?

Natürlich finden das auch einige Zuschauer nicht so gut, weil das – wie sie argumentieren – vom Fußballspiel ablenken würde. Ich persönlich bin da anderer Meinung.

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Einmal bitte abtupfen: Jörg Dahlmann arbeitete in seiner Karriere oftmals auch vor der Kamera. Bild: picture alliance / Sven Simon

Nämlich?

Ich finde Menschen, die nicht wissen, dass sie gefilmt werden, können Emotionen viel besser transportieren als jeder Trainer oder Spieler. Die wissen, dass die Kamera auf sie schaut, aber ein Fan weiß das nicht. Die durchleben so richtig die Emotion. Ich fand das immer sehr authentisch.

Schmerzt es Sie, wenn jemand schreibt, dass er wegen Ihnen das Abo gekündigt hat, oder Sie als schlechtesten Kommentator der Liga beschreibt?

Natürlich ist das schade, wenn ich Leuten auf den Geist gehe. Ich kann das auch teilweise nachvollziehen, weil ich eine eigene Art habe zu kommentieren. Aber andere sehen darin auch eine Stärke von mir.

"Natürlich kommt es auch mal vor, dass ich mir denke: 'Was hab' ich denn da für einen Blödsinn geredet.'"

Weil Sie emotionaler sind?

Ich versuche, normal zu sein und normal zu reden, so, als würde ich neben den Fans auf dem Sofa sitzen. Ich bin eben kein klassischer Fußball-Reporter der 80er und 90er Jahre, der sich gestochen und gestelzt ausdrückt. Da geht ein lockerer Spruch auch mal in die Hose. Natürlich kommt es auch vor, dass ich mir denke: 'Was hab ich denn da für einen Blödsinn geredet?'

Hat Social Media Ihren Job schwerer gemacht?

Die Anonymität in den sozialen Medien gibt mehr Freiraum, gehässig zu sein. Da heißt es manchmal auch 'Ich ficke deine Mutter' oder 'Ich werde deine Tochter abfangen'. Das geht bis ins Bodenlose. Aber ich versuche, sachlich zu bleiben. Letztens hat mich einer auf Instagram beschimpft mit den Worten 'Schlecht, am schlechtesten, Dahlmann' – da schreibe ich dann auch mal zurück.

"Mir ist Toleranz sehr wichtig. Die sollte auch gegenüber Fußball-Kommentatoren gelten."

Und bekamen Sie eine Antwort?

Ja, als ich geschrieben habe, dass das stillos sei, hat er sich entschuldigt. Er meinte, dass er was getrunken habe. Ich versuche generell, auf Kritik zu antworten, aber auf Social Media allen zu antworten, ist kaum möglich. Auf meiner Homepage oder bei Instagram schaffe ich es meistens. Mir ist Toleranz sehr wichtig. Die sollte auch gegenüber Fußball-Kommentatoren gelten.

Früher kommentierte man für eine unbekannte Masse, heute können die Fans direkt Feedback geben. Sehen Sie darin auch einen Vorteil?

Klar, beim Spiel zwischen Kiel gegen Bochum beispielsweise hatte ein Ersatzspieler den Ball im Feld angehalten. Nach dem Video-Studium gab es Gelb und Elfmeter, obwohl der Ball ja neben das Tor ging. Ich kannte diese Regel nicht. Andere würden da vielleicht drum herum reden und ihre Haut retten wollen, ich habe meine Unwissenheit offen angesprochen. Dann habe ich während der Live-Reportage gefragt, ob die Leute so etwas schon erlebt haben.

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Vor allem bekannt aus der Zeit beim DSF: Dahlmann (r.) mit Stefan Kuntz (Mitte) und Mario Basler. Bild: imago images / Schüler

Und sie hatten...

Ja, zahlreiche Menschen schrieben mir in den nächsten paar Minuten, dass ihnen das irgendwo in der Kreisliga und so weiter schon mal passiert ist. Das war toll. Während der Reportage konnten wir dann live teilen, dass es das immer mal wieder gibt.

Solche Momente kann man natürlich nicht planen. Wie versuchen Sie trotzdem, vor jedem Spiel optimal vorbereitet zu sein?

Mehrere Wochen im Voraus bekommen wir unseren Dienstplan von Sky. Ich hatte jetzt ein strammes Programm: Freitag, Samstag und Sonntag hatte ich Bundesliga, Dienstag und Mittwoch Champions League, dann wieder am Wochenende Bundesliga. Da hat man in zehn Tagen schon mal acht Spiele zu kommentieren. Das geht natürlich nicht, dass man sich am Spieltag selbst erst darauf vorbereitet.

Wie lange brauchen Sie dafür?

Insgesamt mindestens ein Tag Vorbereitung pro Spiel kann man sagen. Das beginnt aber immer schon Wochen vorher. Ich schreibe mir Statistiken und Geschichten zu allen Spielern heraus. Zusätzlich nehme ich noch Kontakt zu den Vereinen auf, um mit den Verantwortlichen zu sprechen. Manche Trainer sind da leider etwas bockig, sodass man nur mit dem Pressesprecher reden kann.

Wer denn?

Ich nenne da keine Namen. (lacht)

Mit wem arbeiten Sie denn besonders gerne zusammen?

Top-Männer sind zum Beispiel Uwe Koschinat, Trainer des SV Sandhausen, und Rüdiger Rehm von Wehen Wiesbaden.

Was mögen Sie an ihnen?

Sie erklären genau, wie sie taktisch vorgehen und auch reagieren wollen, wenn der Gegner etwas Bestimmtes macht. Gerade in der zweiten Liga nehmen sich die Verantwortlichen noch Zeit. Auch HSV-Trainer Dieter Hecking ist da immer sehr kooperativ. Andere sind hingegen eher verschlossen oder geben nur Altbekanntes von sich, das sie auch in der Pressekonferenz erzählen.

Liegt das an der Angst, zu viel zu verraten?

Es gibt natürlich gerade in der Bundesliga viel Geheimniskrämerei. Es ist aber sehr wichtig, dass die Trainer zumindest dem Live-Reporter ein wenig Futter in die Hand geben, da der ja am Ende auch für Zehntausende Fans durch das Spiel führt.

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Dahlmann schwärmt: "Ich mache meinen Job gerne – unabhängig von der Liga und dem Ort." Bild: imago images / HochZwei/Angerer

Was tun Sie am Spieltag selbst?

Ich habe eine eigene Datenbank aufbereitet, in der über jeden Spieler alle Statistiken von Toren bis Karten stehen. Zwei Stunden vor dem Spiel treffe ich alle Kollegen in den Sky-Studios in Unterföhring und wir sprechen über die Konferenz. Eine Stunde vorm Spiel kriege ich die aktuelle Aufstellung meines Spiels. Die Infos zu den Spielern mache ich mir auf Klebezettel und stelle die in der taktischen Aufstellung auf.

Arbeiten Ihnen während des Spiels noch Leute zu?

Ich habe zwei Leute neben mir: Einer, der die ganze Technik versorgt und die Spiele auch zusammenschneidet. Ein anderer Helfer unterstützt mich inhaltlich.

Wann genau hilft der Ihnen?

Er guckt mit und ich kann ihn beispielsweise bei einem Tor fragen, wer denn zwölf Sekunden davor den Ball verloren hat. Der kann dann zurückspulen und sagt mir aufs Ohr, wer den Fehler gemacht hat. Nach dem Spiel mache ich noch die Zusammenfassung. Danach ist das Ding durch. Aber: Der Hauptteil der Arbeit passiert in den Wochen vorher.

Sie haben für Sport 1 zuvor in der Regionalliga live vor Ort kommentiert, jetzt sitzen Sie in einem Studio. Was ist schöner: Die Bratwurst im Stadion zu riechen oder die Tore von Stars wie Lewandowski oder Reus zu bejubeln?

Ich bin Fußball-Fan, mir macht beides Spaß. In der Regionalliga ist natürlich alles bodenständig, da kann man noch mit dem Ordner oder dem Physiotherapeuten sprechen. Das habe ich geliebt. Aber jetzt für Sky mit den Kollegen die Konferenz im Studio zu kommentieren, macht genauso viel Spaß. Ich mache meinen Job gerne – unabhängig von der Liga und dem Ort.

"Wir wünschen uns doch alle immer, dass die deutschen Kommentatoren auch mal etwas lockerer werden."

Wen hören Sie von den Kollegen am liebsten?

Wolff-Christoph Fuss höre ich super gerne. Das ist auch ein Freund von mir. Er hat eine tolle Mischung aus Unterhaltung und Information. Dazu hat er einen Humor, den ich persönlich sehr schätze. Wir wünschen uns doch alle immer, dass die deutschen Kommentatoren auch mal etwas lockerer werden. Aber wenn dann einer wirklich mal was Neues macht, dann wird gemeckert.

Wen meinen Sie?

Ich glaube, Kollege Steffen Simon hat mal bei einem Länderspiel einen langgezogenen Torschrei gemacht: 'Gooooooooooool'. So wie es die Brasilianer gerne machen. Da haben einige Leute gedacht: 'Tickt der noch sauber?' Aber es ist doch toll, wenn mal einer etwas ausprobiert.

Bereiten Sie manchmal Sprüche vor?

Nein. Niemals. Die Sprüche kommen live – die kommen mir spontan in den Sinn. Deswegen sitzt leider auch manchmal einer daneben.

DAZN, RTL und auch Sky arbeiten vermehrt mit Co-Kommentatoren. Wäre das auch mal etwas für Sie oder scheitert sowas an der Eitelkeit?

Ich finde das toll. Schon beim Sky-Vorgänger Premiere war ich einer der drei Gründungsmitglieder und habe viel mit Co-Kommentatoren gearbeitet. Mit Franz Beckenbauer, Hannes Bongartz, Peter Neururer oder Jupp Heynckes. Das waren die Stars damals.

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Dahlmann ist schon seit Ende der 70er-Jahre journalistisch tätig. Bild: imago images / Weckelmann

Welchen Co-Kommentatoren haben sie am liebsten an Ihrer Seite gehabt?

Das ist schwer. Am liebsten wohl den Franz. Weil Franz Beckenbauer so ein liebenswerter Mensch ist und mir tut das in der Seele weh, dass er gerade so durchs Dorf gescheucht wird.

Sie spielen auf die Vorwürfe mit der WM-Vergabe an...

Ich kann mir vorstellen, wie das mit den Verträgen gewesen sein könnte. Er hat vielleicht gefragt: Wo soll ich unterschreiben und dann hat er unterschrieben, weil er anderen aus Gutmütigkeit blind vertraute.

Diese Sky-Spiele kommentiert Dahlmann bis Weihnachten:

14.12.19: Southampton - West Ham United

15.12.19: VfL Osnabrück - Dynamo Dresden

17.12.19: Konferenz: FC Augsburg - Fortuna Düsseldorf

18.12.19: Konferenz: Eintracht Frankfurt - 1. FC Köln

20.12.19: Karlsruher SC - SV Wehen Wiesbaden

21.12.19: Erzgebirge Aue - Greuther Fürth

Zurück zu Ihnen: Wie lange dürfen wir Sie denn noch – oder anders gefragt – wie lange müssen Ihre Kritiker Sie noch hören?

Bis ich umkippe (lacht). Zumindest, wenn es nach mir geht. Ich will nicht in den nächsten Jahren aufhören, sondern wirklich so lange weitermachen, wie es geht. Aber am Ende entscheidet das natürlich auch immer der Sender. Ich liebe das Reporter-Leben. Ich liebe es, für Sky arbeiten zu dürfen. Ich liebe live. Ich bin rundum glücklich.

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