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17.06.2017, Geiselwind, Heroes Festival 2017, Haftbefehl, Foto: Haftbefehl Copyright: HMBxMedia/xLukasxSeufert

17 06 2017 Geiselwind Heroes Festival 2017 Arrest warrant Photo Arrest warrant Copyright HMBxMedia xLukasxSeufert

Rapper Haftbefehl: In diesem Jahr fieberten die Fans seinem neuen Album entgegen. Bild: imago images/ HMB-Media / HMB-Media

Analyse

Student fordert Haftbefehl-Straße in Offenbach – das ist sein dringlicher Appell

Haftbefehl zählt zu den größten Rapstars Deutschlands. Seine Fans hatten nach "Russisch Roulette" fünf Jahre auf neue Musik von ihm gewartet. Mit "Das weiße Album" wurden sie belohnt. Das Album hält sich bis jetzt auf Platz vier der Charts. Doch nicht nur bei seinen Anhängern ist Aykut Anhan, wie er bürgerlich heißt, beliebt. Auch im Feuilleton genießt er einen guten Ruf. Vielfach haben sich Autoren mit seiner Sprache auseinandergesetzt, der von ihm mitgeprägte Begriff "Babo" wurde sogar 2013 zum Jugendwort des Jahres gewählt.

Somit wird es allerhöchste Zeit, dass in seiner Heimatstadt Offenbach eine Straße nach ihm benannt wird – zumindest wenn es nach Student Felix Sauer geht. Sauer hat eine Petition mit genau diesem Ziel gestartet. Unter dem Titel "Haftbefehl gegen Bismarck" sammelt er Stimmen zur Unterstützung.

Im Gespräch mit watson erklärt Felix, was hinter seiner Idee steckt, warum die "Black Lives Matter"-Bewegung der Auslöser war und wieso die Haftbefehl-Straße erst der Anfang sein soll.

Das steckt hinter der Petition

Felix kommt wie Haftbefehl aus Offenbach. Nahe der Bismarckstraße ist er groß geworden. Der 29-jährige Student für Stadtgeografie hat sich in letzter Zeit viele Videos auf Twitter angesehen, auf denen Menschen während "Black Lives Matter"-Demonstrationen in den USA koloniale Statuen gestürzt haben, die mit Sklavenhaltern in Verbindung stehen. "Durch die 'Black Lives Matter'-Bewegung habe ich mir überlegt, wie ich die ebenfalls unterstützen kann. Eine Internet-Petition ist dafür eine sehr einfache und effektive Wahl", erklärt er gegenüber watson. Mittlerweile supporten seine Forderung immer mehr Menschen. Mitte der Woche seien es 350 Stimmen gewesen, jetzt würden die Zahlen "explodieren".

Am Anfang hat Felix laut eigener Aussage auf Facebook für seinen Vorstoß Hunderte Hate-Kommentare von Menschen erhalten, die angefangen hätten, Bismarck zu verteidigen. Auf Instagram erhielt er hingegen viel Zuspruch:

"Da haben Leute von Anfang an genau gecheckt, wie es gemeint ist. Ich habe jeden Tag immer mehr Zuwachs bekommen."

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Felix Sauer, Initiator der Haftbefehl-Petition. Bild: Felix Sauer

Die Erklärung, warum es genau die Bismarckstraße sein soll, ist vielschichtig. Felix meint: "Sie ist eine der Hauptverkehrsstraßen in Offenbach und führt am Hauptbahnhof bis zur Stadtgrenze vorbei." Doch es gibt noch einen weiteren triftigen Grund. Der 29-Jährige ergänzt:

"Bismarck ist in letzter Zeit der Posterboy der AfD geworden. Die Partei ist rechts und die suchen sich Symbole und Mittel, um den Diskurs zu steuern."

In ganz Deutschland gibt es rund 350 Bismarck-Denkmäler und nach ihm benannte Straßennamen. Wenn es nach dem 29-Jährigen geht, wäre das schon lange nicht mehr der Fall:

"Otto von Bismarck hat mit der Kongokonferenz die Kolonisierung Afrikas organisiert und ist damit für das Leid und die Ermordung von Millionen von Menschen (mit-)verantwortlich. Auch außerhalb dieser Konferenz war er ein Kriegstreiber."

Der Initiator der Petition sagt, warum er sich ausgerechnet als Alternative für die Haftbefehl-Straße entschieden hat: "Hätte ich Regina Jonas, die erste Rabbinerin der Welt genommen, hätte kein Hahn danach gekräht." Das ist jedoch nicht der einzige Grund, denn für ihn habe der 34-jährige Rapper eine große Bedeutung: "Haftbefehl ist sauwichtig. Kein Mensch aus Offenbach hat in den letzten 30 Jahren so oft positive Resonanz erfahren. Seine Platten werden unglaublich begeistert aufgenommen." Besonders für die Migranten-Community sei Haftbefehls Werdegang wie ein Aufstiegsmärchen. Dabei gibt Felix zu:

"Natürlich ist er nicht perfekt und trägt keine weiße Weste, aber Bismarck noch weniger."

Initiator Felix Sauer hat neben Haftbefehl noch weitere Namensideen

Neben Haftbefehl hat der Offenbacher übrigens einen weiteren Namensvorschlag ins Rennen gebracht, den des ersten Schwarzen Fußball-Nationalspielers Deutschlands: Erwin Kostedde. Er habe ebenfalls eine Vorbildfunktion – egal ob man Fußball möge oder nicht. "Er hat eine harte Rassismuserfahrung gemacht", begründet Felix seine Auswahl. Doch jetzt sei er im Diskurs nicht mehr so stark verankert. Haftbefehl habe im Gegensatz zu ihm heute viel krasseren Erfolg, was Kostedde aber nicht weniger wichtig mache. Auch Opfer des rassistischen Anschlags in Hanau oder der rechtsextremen Terrorgruppe NSU wären infrage gekommen:

"Es ist auch wichtig, ihrer zu gedenken."

Bildnummer: 09680046  Datum: 22.01.1983  Copyright: imago/Rust
Aus 2. BL Saison 1982/1983 VfL Osnabrück (dunkle Hose) gegen den FC Augsburg 2:0 am 22.01.1983. Im Foto: VfL Spieler Erwin Kostedde. ; Fussball GER sw xmk ysf 1983 quer

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Erwin Kostedde: In der Nationalmannschaft kam er 1974 und 1975 zum Einsatz. Bild: imago images/ Rust

Sein Anliegen richtet der 29-Jährige übrigens direkt an den Oberbürgermeister von Offenbach, Felix Schwenke (SPD). Der Grund: "Ich will mit den Machtvollen reden und nicht mit irgendwelchen Gremien im Hinterzimmer." Doch zu einem Gespräch zwischen den beiden ist es noch nicht gekommen. Für Felix ist allein die Petition schon ein voller Erfolg:

"Das ist wie mit der #MeToo-Debatte. Ob jetzt Weinstein am Ende ins Gefängnis kommt oder nicht, ist für den Einzelfall wichtig, aber für die internationale Debatte sind mittlerweile ganz andere Sachen relevant. So ist es jetzt auch. Keiner kann jetzt mehr behaupten, er wüsste die Geschichte von Bismarck nicht oder irgendwelche Denkmäler seien doch nicht ganz so schlimm."

Für diese relevante Diskussion sei eben die Bismarckstraße nur der Aufhänger. Wenn es nach Felix ginge, hätte er mit Haftbefehl noch viel mehr vor, um auf das brisante Thema aufmerksam zu machen: "Man könnte mit ihm eine Demo machen, ihn auf einen Lastwagen setzen und dann durch die Bismarckstraße fahren. Zwischendurch würde er ein paar Lieder droppen." Damit wäre maximale Aufmerksamkeit garantiert.

Felix betont, dass es nicht um ihn, sondern um die "Black Lives Matter"-Bewegung und die deutsche Kolonialgeschichte gehe. In drei Wochen sei der Hype vorbei und bis dahin hoffe er, dass sich noch viel mehr Menschen mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Tausend Unterstützer der Petition seien für ihn schon ein voller Erfolg. Diese Zahl hat er bereits überboten. Sein nächstes großes Ziel: "Ich wünsche mir, dass die nächsten 30 Straßen und Museen auch noch umbenannt werden und endlich mit der deutschen Geschichte in Offenbach aufgeräumt wird."

Das sagt Oberbürgermeister Felix Schwenke dazu

Doch kann der Student mit seiner Petition tatsächlich Erfolg haben? Oberbürgermeister Schwenke erklärt gegenüber watson: "Eine Umbenennung von Straßen ist zwar grundsätzlich immer möglich, insofern ist so eine Forderung auch erst einmal legitim. Aber eine Umbenennung sollte auch aufgrund der Auswirkungen für die direkt Betroffenen – die Anlieger – auf einem breiten Konsens beruhen."

10.01.2020, xpsx, Hallenfussball Offenbacher Hallenstadtmeisterschaft, Gemaa Tempelsee - FC Asteras Offenbach v.l. Oberbuergermeister Dr. Felix Schwenke Offenbach Hessen Deutschland DEU *** 10 01 2020, xpsx, Indoor Football Offenbach Indoor Championship, Gemaa Tempelsee FC Asteras Offenbach v l Lord Mayor Dr Felix Schwenke Offenbach Hesse Germany DEU

Felix Schwenke: Der Oberbürgermeister von Offenbach äußert sich zur Petition. Bild: imago images/ Patrick Scheiber

Und weiter:

"Ob eine Petition für eine Umbenennung ausreichen würde, verweise ich auf die aus meiner Sicht notwendige historische Untersuchung, die einer solchen Entscheidung vorangehen müsste. Wir haben in Offenbach eine Kommission zur Straßenbenennung, die bei der Stadtverordnetenversammlung angesiedelt ist. Dort werden solche und andere Fragen in Bezug auf Straßennamen betrachtet und diskutiert."

Schwenke sagt von sich selbst, er sei kein Bismarck-Fan, aber er möchte daran erinnern, dass Bismarck Begründer der deutschen Sozialgesetzgebung und damit weltweites Vorbild für einen modernen Sozialstaat war. "Zwar geschah dies mit dem Ziel der Eindämmung der Sozialdemokratie, aber die Ausweitung der Sozialgesetzgebung bleibt dennoch begrüßenswert", so der Oberbürgermeister. Schwenke verweist außerdem darauf, dass Bismarck selbst eher gegen den deutschen Kolonialismus gewesen sei.

Grundsätzlich sei es wichtig, Folgendes zu berücksichtigen:

"Rückwärtige Betrachtungen können zwar immer auch zu einer neuen oder veränderten Wahrnehmung und Bewertung führen, allerdings sollten Taten und Worte immer auch im Kontext des jeweiligen Zeitalters betrachtet werden."

Schwenke macht schließlich klar:

"Bismarckstraßen oder -plätze dürfte es in Deutschland zu Hauf geben und das sind in der Regel keine Feldwege. Es erschließt sich uns nicht, warum die Stadt Offenbach hier einen Sonderweg beschreiten sollte – wenn dann müsste dies auf eine eindeutige Negativbewertung Otto von Bismarcks begründet sein. Während ich Kritik an Bismarck zwar verstehen kann, liegt aber eine insgesamt ausschließlich negative Bewertung von Bismarck bislang nicht hinreichend belastend vor. Dann kann es auch keine Umbenennung einer Straße geben."

Eine mögliche Umbenennung wäre aus seiner Sicht außerdem mit erheblichen Kosten für eine große Straße mit mehr als 1000 Haushalten verbunden – unter anderem für alle Anwohner, die danach ihre Ausweise ändern lassen müssten.

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