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Bisher müssen die Mediziner in Deutschland noch nicht überlegen, wen sie behandeln und wen nicht. Doch was wäre, wenn sich das ändert? Bild: dpa/Kay Nietfeld

Medizin in Krisensituationen: So funktioniert das Triage-System

Jeden Tag fordert die Corona-Pandemie das deutsche Gesundheitssystem aufs Neue. Trotzdem hält es der Belastung stand. Ein Blick nach Italien zeigt, dass es auch anders laufen kann: Deutlich überlastete Intensivstationen, ein dramatischer Mangel an Atemschutzmasken sowie Betten und medizinisches Fachpersonal am Rande der Erschöpfung.

Allerdings könnten bald auch in Deutschland wesentlich mehr Covid-19-Patientinnen und -Patienten Hilfe benötigen. Wichtig sind dabei auch Beatmungsgeräte. Doch was, wenn davon nicht genügende vorhanden sind? Wer wird dann beatmet? Ärzten könnten entsprechend schwierige Entscheidungen bevorstehen.

Um sie dabei zu unterstützen, veröffentlichten sieben medizinische Fachgesellschaften gemeinsam klinisch-ethische Empfehlungen. Die beziehen sich auf ein Instrument aus der Notfallmedizin: Das Triage-System.

Was ist Triage?

Triage leitet sich vom französischen Verb "trier" ab, was übersetzt aussuchen oder aussortieren bedeutet. Im Grunde genommen werden dabei Patienten nach bestimmten Kriterien priorisiert. Das wird in Krisensituationen notwendig, wenn es zu einem hohen Patientenaufkommen bei gleichzeitig mangelnden medizinischen Ressourcen kommt. In Zeiten von Corona ist das in vielen Ländern bittere Realität.

In Italien hat die Gesellschaft für Anästhesie, Analgesie, Reanimations- und Intensivmedizin etwa empfohlen, zunächst Patienten mit einer hohen Überlebenswahrscheinlichkeit sowie mit mehr voraussichtlicher Lebenszeit zu behandeln.

Junge Menschen ohne Vorerkrankung und mit hohen Genesungschancen haben demnach gegenüber alten mit Vorerkrankungen Vorrang. Im französischen Straßburg werden ähnliche Richtlinien bereits angewandt: Dort werden über 80-Jährige nicht mehr beatmet.

Man könnte also sagen, es geht um die Frage, welche Handlung den größeren Nutzen für die gesamte Gesellschaft hat. Oder übersetzt: Um ein ethisch sehr schwieriges Thema.

Es gibt nicht das eine System

Entsprechend kritisierten viele die italienische Empfehlung und die französische Vorgehensweise. Robert Ranisch, Geschäftsführer des Klinischen Ethik-Komitees am Universitätsklinikum Tübingen, sagte dem Science Media Center (SMC) dazu:

"So könnte etwa ein jüngerer Patient eine Intensivtherapie erhalten, obwohl er diese nicht so dringend benötigt wie ein älterer Patient. Die jüngere Person hätte schließlich einige Lebensjahre mehr zu gewinnen."

Robert Ranisch SMC

Das sei Altersdiskriminierung, ergänzt er. Allerdings muss Triage nicht überall gleich aussehen.

Es gibt viele Systeme, nach denen Mediziner vorgehen können. Deutlich wird das vor allem in einem Papier, in dem die Triage-Empfehlungen für Deutschland stehen. Daran beteiligt waren unter anderem die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin oder auch die Akademie für Ethik in der Medizin. Das Ziel: Möglichst viele Leben trotz begrenzter Ressourcen retten.

Darin heißt es unter anderem, dass für den Fall, es gäbe nicht genug Beatmungsgeräte, Patienten zurückgestellt werden sollten, bei denen es keine oder nur eine geringe Aussicht auf einen Behandlungserfolg gibt.

"Vorrangig werden diejenigen Patienten klinisch notfall- oder intensivmedizinisch behandelt, die dadurch eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit beziehungsweise eine bessere Gesamtprognose (auch im weiteren Verlauf) haben."

Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin

Die Empfehlungen beziehen sich nicht nur auf Corona-Fälle

Weiter heißt es, dass diese Priorisierung für alle Patienten gelten soll, die eine Intensivbehandlung benötigen – und nicht ausschließlich für Covid-19-Erkrankte. Zudem dürfe niemand aufgrund sozialer Kriterien oder des Alters ausgeschlossen werden, was in Straßburg der Fall ist.

Weitere Erkrankungen sollten ebenfalls beachtet werden. Hat also jemand eine fortgeschrittene Krebserkrankung, könnte er demnach zurückgestellt werden. Selbiges gilt für Menschen, die keine Intensivtherapie wünschen.

Wer entscheidet das?

Natürlich ist es schwer, als einzelne Person zu entscheiden, wer lebenswichtige Hilfe bekommt. Doch allein sollte niemand entscheiden.

In dem Papier heißt es, dass mindestens drei Personen darüber diskutieren sollen. Unter diesen sollten sich mindestens zwei intensivmedizinisch erfahrene Ärzte und möglichst ein Vertreter der Pflegenden befinden. Weitere Fachvertreter sind auch erwünscht.

Ein sinnvolles System

Natürlich ist es nicht leicht, lebensbedeutende Entscheidungen zu treffen. Allerdings können gerade Mediziner aufgrund einer Krisensituation dazu gezwungen werden. Dass es dazu Richtlinien gibt, ist wichtig. Noch wichtiger ist jedoch, dass diese niemanden aufgrund des Alters diskriminieren.

Wann diese Richtlinien hierzulande zum Einsatz kommen, ist noch offen. Zumindest verdeutlicht das Papier eins: Mediziner treffen ihre Entscheidungen in schwierigen Situationen nicht nach Bauchgefühl.

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