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Eingeschlossen im Eis: die neue Heimat von Birgit Steckelberg. Bild: imago/awi-montage

Interview

Was hilft gegen Kälte? Wir haben bei einer Forscherin am Südpol nachgefragt

Es ist kalt in Deutschland. Aber bitterkalt? Nein. In dieser Reihe sprechen wir mit Deutschen, die wissen, was wirklich kalt ist. 

Dr. Birgit Steckelberg hatte nochmal Lust auf etwas Neues, seit über 20 Jahren arbeitete sie als Chirurgin in einer Hannoveraner Klinik. Dann entdeckte die 54-Jährige in der Tageszeitung eine Stellenanzeige: Gesucht wurde ein Ärztin auf der Forschungsstation Neumayer III, 2000 Kilometer vom geographischen Südpol entfernt.

Ziemlich kalt wird es hier aber trotzdem: 2010 wurden auf der Neumayer III knackige minus 50,2 Grad gemessen. 

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Die vier Kinder (der jüngste Sohn ist 19) sind gerade aus dem Haus, kurz vor Weihnachten brach Frau Steckelberg auf. Seit dem 22. Dezember ist sie nun auf der Neumayer III. Bis Februar 2020 wird sie mit einer Winterbesatzung aus neun Forscherinnen und Forschern dort ausharren müssen. Auch dann, wenn Eis und Kälte die deutsche Forschungsstation von der Außenwelt vollkommen abgeschnitten haben.

Ein Anruf am anderen Ende der Welt also. Es knistert in der Leitung, wir brauchen vier Versuche, bis wir miteinander sprechen können.

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Dr. Birgit Steckelberg alfred-wegener-institut

Wie ist denn das Wetter bei Ihnen?
Birgit Steckelberg: Wir haben ja hier gerade Sommer – heute also minus 3,8 Grad. Außerdem ist es relativ windstill. 3,3 Knoten. Wir hatten im Sommer aber schon 55 Knoten, das sind über 100 Stundenkilometer, da geht man schon ungern vor die Tür. Aber im Moment sieht es wie ein schöner Skitag draußen aus.

Wie bereiten Sie sich denn praktisch auf die Kälte vor?
Also zunächst: Wir haben hier nicht diese eklige, feuchte Norddeutschland-Kälte. Das ist tatsächlich sehr trocken hier. Man muss sich einfach in mehreren Lagen gut anziehen, und einfach an die Kälte rantasten. Das Alfred-Wegener-Institut hat uns eine ganz hervorragende Auswahl an unterschiedlich dicken Klamotten gestellt. 

Für mich ist immer ganz wichtig, dass Hände und Füße warm sind – und das mir der Wind nicht an den Hals zieht. Im Grunde also so, wie man kleine Kinder anzieht. Mehrere Lagen, das Zwiebelprinzip eben.

Wo gefällt es Ihnen denn im Januar besser? Im Winter auf der Nordhalbkugel oder bei Ihnen auf der Südhalbkugel, wo gerade Sommer ist?
Das Wetter im Moment ist wirklich schön draußen. Perfekt zum Spazieren, wenn ich nicht so viel zu tun hätte. Weil unsere Forschungsstation eine ganzjährige Forschungsplattform ist, sind wir neun Forscher nun das Team, das auch in der Wintersaison dann hier leben und arbeiten wird – wenn die Station von der Außenwelt durch Schiff oder Flugzeug nicht mehr erreichbar sein wird. 

Die deutsche Antarktis-Forschungsstation Neumayer-Station III

Bild: Alfred-Wegener-Institut

Und was machen Sie genau auf der Forschungsstation?
Ich bin hier, um da zu sein. Ich bin die Lebensversicherung.  Wir werden für acht Monate vollständig isoliert sein. Ich bin die Chirurgin und Stationsleitung, die sich um die medizinische Versorgung der anderen Wissenschaftler kümmert. Die Überwinterungsmannschaften sind sozusagen "Einmal-Artikel" – jede Truppe darf nur einmal dort leben und arbeiten.

Ich betreue dort auch ein Forschungsprojekt von der Berliner Charité, die zusammen mit der Nasa und der Uni München Isolationsforschung betreibt. 

Was ist denn Isolationsforschung?
Dabei beobachten wir, wie sich Menschen in einer relativ überschaubaren Gruppe von dem, was wir normales Leben nennen würden, abgeschirmt sind, verhalten. Ich erforsche also eigentlich uns selbst auf der Forschungsstation.

Das Gleiche macht die Nasa mit ihren Astronauten auf der ISS – dabei versuchen wir Erkenntnisse über die Veränderung des Immunsystems und der menschlichen Leistungsfähigkeit zu finden. 

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Andreas Müller/Alfred-Wegener-Institut

Und um das zu beobachten, sind Sie an den Südpol gezogen? Oder hatten Sie einfach Lust auf Abenteuer?
Das Abenteuer ist ja relativ – wir sind ja schon sehr sicher in dieser komfortablen Station. Das größte Abenteuer bestand für mich darin, von zuhause wegzugehen. Das hier ist tatsächlich eine Möglichkeit, nochmal ganz anders ärztlich tätig zu sein.

OP

Der OP-Raum der Station. Bild: Alfred-Wegener-Institut

Und das dann eben an einem Ort, der schon sehr außergewöhnlich ist. Das hat mich sehr gereizt.

Also ich stelle mir das recht eintönig bei Ihnen am Südpol vor. Wenn es bei Ihnen mal keinen medizinischen Notfall gibt, dann haben Sie doch wenig zu tun...
Naja, wenn ich hier alleine bin, dann bin ich auf mich allein gestellt.. Wenn es - was wir nicht hoffen wollen - einen Notfall gibt, und ich operieren muss, dann muss ich auch die Narkose machen. Und dann hab ich schon ordentlich zutun. 

Man tut alles, was man kann. Ich bin schon seit 20 Jahren Chirurgin. Alle Teilnehmer der Überwinterung sind medizinisch auch auf Herz und Nieren durchgecheckt. Gegen das Schicksal kann man natürlich nichts machen. 

Dann bin ich als Stationsleitung zum Beispiel auch für den Abfall zuständig, irgendwer muss ja schauen, dass unser Müll auch vernünftig getrennt und anständig entsorgt wird. Ich überprüfe auch das Trinkwasser, verteile die Betten – ich bin im Grunde 24/7 on Duty, und packe überall mit an.

Es ist eher eine Verantwortung als eine Leitung. Wir sind ja hier alle erwachsene Menschen. Die Wissenschaftler kommen aus ganz unterschiedlichen Gebieten: Gerade sind hier Geowissenschaftler, Luftwissenschaftler, Meterologen, ein ITler, der den Funkraum bedient – und auch eine Köchin.

Wie ist denn die Stimmung gerade bei Ihnen auf der Station?
Die Stimmung ist gut. Wir haben hier alle viel Programm, es ist unglaublich spannend, aus diesen ganzen unterschiedlichen Forschungsbereichen zu lernen. Ich lerne hier wahnsinnig interessante Menschen kennen. Kluge Menschen. Es ist eine ganz wunderbare Atmosphäre hier.

Was haben Ihre Kinder denn gesagt, als sie meinten, dass Sie jetzt an den Südpol ziehen?
Die sind ja schon groß. Es gibt ja so ein gewisses Alter bei Kindern und Eltern, wo man sich gegenseitig den Horizont erweitert. Die Kinder haben jetzt lange meinen Horizont erweitert, und jetzt trage ich selber noch etwas zu meinem Horizont bei.

Die deutsche Antarktis-Forschungsstation Neumayer-Station III, Aufnahme bei Nacht/Dunkelheit

Die dunklen Nächte sind im Februar kurz in der Antarktis. In diesen Tagen geht die Sonne schon um 3 Uhr nachts auf, und versinkt erst um halb elf in der Nacht wieder am Horizont. Bild: Alfred-Wegener-Institut

Wie regelmäßig haben Sie Kontakt?
Wir haben WhatsApp-Kontakt. Im Moment haben wir nicht so viel Bandbreite, am Messmonitor stehen hier gerade 580 Kilobit pro Sekunde. Für große Dateien reicht das natürlich nicht. Für die Studie mit der Charité hat man uns einige Videos geschickt, die mussten die Kollegen in Stücke zerteilen und uns über mehrere Tage hinweg schicken. Das sind aber alles Einschränkungen, die man aushalten kann. 

Man erwartet ja auch Einschränkungen. Es wäre ja auch enttäuschend, wenn wir ganz ohne Einschränkungen hier leben könnten.

Welche Vorteile hat das Leben in der Antarktis?
Der Input durch die anderen Wissenschaftler ist wirklich enorm: Ich habe das Gefühl, dass meine Hirnzellen auf die andere Seite gepustet werden. Die ganzen Schulungen, die uns auf das Leben am Südpol vorbereitet haben, waren auch beeindruckend: Ich könnte mich mittlerweile selbst aus einer Gletscherspalte ziehen – schon ein toller Lifehack.

Und dann natürlich die Natur!

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In der Atka-Bucht brüten Kaiserpinguine. Sind die Neugeborenen kräftig genug, geht es auf Reise durch die Antarktis.  Bild: imago

Wenn man die Station verlässt, und ein paar Meter gegangen ist, herrscht hier eine unglaubliche Ruhe – eine irrsinnig schöne Landschaft. Sechs Kilometer entfernt ist die Atka-Bucht, dort können wir eine große Pinguin-Kolonie beobachten, wo gerade gebrütet wird.

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In der Gruppe ist's doch am wärmsten: Pinguin-Küken in der Atka-Bucht. Bild: daniel cox/getty images

Das sind Bilder, die man so mitnimmt, die schon unglaublich sind. Das ist ein sehr außergewöhnlicher Ort hier. Weil bei uns Sommer ist, ziehen die Pinguine jedoch bald weiter. In einem Jahr kommen sie uns zurück.

Hat Sie die Antarktis mit Ihrer Natur immer schon angezogen? Ist das Ihr Traum?
Ich hab als Kind immer schon die Bücher über die Polarforscher gelesen, dieser Kontinent zieht mich an. Nun ist das hier keine Aktion, die man mit den Abenteuern von Amundsen und Scott vergleichen könnte, aber für mich war beim Blick auf die Stellenanzeige sofort klar: Das ist meine Stelle.

Mitte Februar 2020 bin ich dann zurück in Deutschland

Haben Sie mit Ihrem Team schon ausgemacht, wie sie zusammen die lange Zeit überbrücken? Nicht, dass sich das Team am Ende noch in die Haare bekommen...
Wir wohnen schon seit Anfang August zusammen – bei den Vorbereitungen in Bremerhaven ging es los. Da kann man sich schon aufeinander einstellen. Und natürlich haben wir alle viel zu tun.

Haben Sie besondere Gegenstände aus Deutschland mitgenommen, auf die sie auf keinen Fall verzichten wollen?
Ich hab einige Bücher mitgenommen. Das war aber eigentlich gar nicht nötig: Vor Ort hab ich dann festgestellt, dass die Neumayer III schon ganz viele Bücher hat. "Ulysses" habe ich auch im Gepäck, das Werk wollte ich immer mal lesen. Dafür hatte ich bisher nie genug Ruhe.

Lounge der deutschen Antarktis-Forschungsstation Neumayer-Station III

Sieht nach typisch-deutscher Billiard-Kneipe aus, ist aber in der Antarktis: die Lounge des Alfred-Wegener-Instituts auf der Forschungsstation Neumayer III. Bild: Alfred-Wegener-Institut

Außerdem gibt es hier ein schönes E-Piano, dafür habe ich mir Musiknoten von Bach, Brahms und Schostakowitsch mitgenommen. Damit ich mal wieder ein wenig üben kann. Ich freu mich schon. 

Mein jüngster Sohn meinte ja, dass ich mal wieder etwas für meine Bauchmuskeln tun könnte – deshalb besuche ich regelmäßig unseren Gymnastikraum. Die Kollegen und ich wollen in Zukunft regelmäßig Yoga machen. Das haben wir uns tatsächlich schon vorgenommen. 

Frau Dr. Steckelberg schwärmt für die "Dynasty"-Dokumentation der BBC, die das Leben der Pinguine in der Atka-Bucht zeigt.

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Sie sagt: "Das ist ganz wunderbar. Das sind unsere Pinguine."Mit dem Schneemobil schaut sie hin und wieder in der Bucht vorbei. Video: YouTube/BBC Earth

Für viele Menschen gehört zur Freiheit ja auch dazu: Ich könnte jetzt gehen, wenn ich wollte. Das können Sie nicht. Wie gehen Sie mit dem Bewusstsein vor, dass die Natur sie dort nicht rauslässt?
Ich glaube, das ist ein Gedanke, der einem hier gar nicht kommt. Freiheit spielt sich für mich auf einer anderen Ebene ab. Der Ausdruck meiner Freiheit, war für mich hierherzukommen. Das ist die Freiheit. 

Und wenn man hier rausschaut, in diese unendliche Landschaft, dann habe ich nicht das Gefühl eingeschlossen zu sein. Ich hatte andere Momente im Leben, wo ich eingeschlossen war. Das ist hier nicht der Fall.

Was machen Sie als erstes, wenn Sie wieder zurück in Deutschland sind? So ein Gedanke wärmt ja manchmal auch ein wenig...
Als erstes würde ich meine Kinder drücken. Und ansonsten: Ich bin da völlig frei.

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