Wissen
ILLUSTRATION - Ein junges Paar liest am 15.07.2019 in einem Park in Muenchen in ihren Buechern (gestellte Szene). Foto: Tobias Hase | Verwendung weltweit

Einige Wörter muss man Nachschlagen, weil nicht klar ist, was sie bedeuten. Bild: Tobias Hase/dpa

Hä, was heißt das? Diese neuen Wörter sind nun salonfähig

Die Sprache und ihre Neubildungen verraten viel über den Zustand einer Gesellschaft. Besonders eine Debatte hat neue Wörter des Jahres 2019 geprägt.

Das Gefühl, mit schlechtem Gewissen ins Flugzeug zu steigen, hat seit kurzem einen Namen: Flugscham. Die Diskussion um Klima- und Umweltschutz schlägt sich auch in der Sprache nieder. Das zeigt das Wörterbuch der Neologismen, also der neuen Wörter. Dafür hat das Mannheimer Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) zum Jahresende eine ganze Reihe von Wortschöpfungen gesammelt. Man sieht darin auch, was Deutschland bewegt und welche neuen Phänomene es gibt.

Im Wörterbuch findet man jetzt etwa den "Elektrotretroller", auch bekannt als E-Scooter. Den nutzen Menschen möglicherweise, wenn sie zum "Unverpacktladen" fahren, wo Lebensmittel und andere Waren lose angeboten werden. Dort könnte der umweltbewusste Einkäufer sich Produkte des "Urban Farming" besorgen. Das sind Gemüse oder Obst aus Anbau auf städtischen Flächen oder Hausdächern.

Was prägte unsere Zeit?

Den Schwerpunkt auf Wörtern aus dem Umweltbereich erklärt IDS-Chef Henning Lobin damit, dass das ablaufende Jahr sehr stark von dieser übergreifenden Thematik geprägt worden sei. Die Auseinandersetzung mit dem Klimawandel habe eine neue, sehr persönliche Qualität erreicht. "Das Thema erfasst sehr viele Bereiche des Alltags, wir fragen, was wir gegen Klimawandel tun können, wie wir im Kleinen Einfluss auf die Zukunft nehmen können."

Wenn sich Fliegen in Zeiten der Erderwärmung nicht gut anfühlt, drückt sich das in der "Flugscham" aus. Dies ist nach Lesart der Mannheimer Linguisten ein:

"Unangenehm quälendes Gefühl, das man wegen des hohen CO2-Ausstoßes beim Fliegen empfindet beziehungsweise empfinden sollte".

Definition von Flugscham.

Früher hieß es "Fahrrad fahren"

Wer am Boden bleibt und sich dort zu Fuß bewegen will, kann das Sportliche mit dem ökologisch Nützlichen verbinden - beim "Plogging". Der Dauerlauf mit Tüte setzt sich aus Jogging und "plocka" – auf Schwedisch: "sammeln" – zusammen und kann wegen des ständigen Bückens ganz schön anstrengend werden.

Wer sportlich noch eine Schippe drauflegen will, ist ein Kandidat für das "HIIT" (High Intensity Interval Training), ein Fitness- und Ausdauerprogramm mit abwechselnd hoher körperlicher Belastung und kurzen Pausen. Danach darf sich der ausgepowerte Sportler eine "Bowl" gönnen, also eine Schüssel, die mit Leckereien aus allerlei frischen Zutaten gefüllt ist.

Neue Wörter in der Ernährung

Erlaubt ist dann auch der quarkähnliche aus Island importierte "Skyr", ein dickliches und säuerlich schmeckendes Milchprodukt. Bilder solcher gesunder Mahlzeiten könnte ein "Smombie" aufnehmen, ein eher unsportlicher Typ, der ständig in sein Smartphone schaut und dabei wie ein Zombie wirkt.

Das IDS sammelt im Deutschen aufgekommene Begriffe und stellt sie in sein Wörterbuch, wenn sie eine gewisse Verbreitung haben. Die Einträge umfassen Bedeutung, Verwendung, Herkunft des Wortes, grammatikalische Angaben sowie Links zu Bildern und Online-Lexika. Auch sinnverwandte Wörter und vertiefende Zeitungsartikel sind dort zu finden.

Bedeutungen haben sich verändert

Nicht nur Neuschöpfungen, sondern auch Bedeutungsänderungen bestehender Wörter haben die Sprachwissenschaftler im Blick. Beispiel: das altbekannte Wort "divers" – verschieden. Im Kontext der Debatte um Geschlechtszuweisungen hat es eine neue Bedeutung bekommen. Nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts hat der Bundestag im vergangenen Jahr neben "männlich" und "weiblich" im Geburtenregister auch die Option "divers" für intersexuelle Menschen ermöglicht.

Lobin nennt als weiteres Beispiel für Bedeutungsänderung und -zuwachs das Verb "wischen": Das macht nicht nur, wer mit dem Mopp Fußböden reinigt, sondern auch derjenige, der mit einer Handbewegung einen Touchscreen steuert.

Veränderungen in vielen Bereichen

Auch Innovationen aus der Medizin und dem Gesundheitswesen spiegeln sich in neuen Wörtern wider. So bezeichnet "PrEP" die Präexpositionsprophylaxe. Das ist die vorbeugende Einnahme von Medikamenten zum Schutz vor der Ansteckung mit dem Aids-Erreger HIV.

Neu im Neologismenwörterbuch ist auch der "Zungenschrittmacher", ein bei Schlafapnoe und Schnarchen implantiertes Gerät. Dieses stimuliert durch elektrische Impulse den Zungenmuskel regelmäßig, so dass die Atemwege nicht mehr verschlossen sind. Vielleicht hat sich der Schnarcher vor dem Schlafengehen in seinen "Onesie" gekuschelt, einen weichen Overall, in dem er gemütlich in einen hoffentlich geräuschlosen Schlaf hineingleitet.

(dpa/lin)

Themen
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Meinung

8 Dinge, die dir bei jeder Fahrt mit der Deutschen Bahn passieren

Eine Abrechnung, geschrieben von einem, der gerne Bahn fährt.

Das hier ist eine Liste der gefühlten Fakten. Natürlich passieren diese Dinge nicht immer. Aber allein, dass sie gelegentlich passieren, sagt so viel über dieses Land, seine Bewohner und Bewohnerinnen und den Bahnkonzern, der es zusammenhalten soll.

Was nun folgt, ist entweder mir selbst passiert, oder an mich herangetragen worden.

Das tolle an Intercity-Zügen ist: Es gibt ein Speiseabteil. Dort kann man ungefähr den gleichen widerlichen Fraß kaufen wie am Bahnsteig. Nur, dass man dabei nicht …

Artikel lesen
Link zum Artikel